STRASSENMAGAZIN/Archiv/MEGAPHON 2014/Juli 2014/Man riecht keine Angst/
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Man riecht keine Angst

Von: Peter K. Wagner

Arbeit darf anders sein. Das zeigt Regisseurin Elisabeth Scharang in „Kick Out Your Boss“ vor allem mit dem System des brasilianischen UnternehmersRicardo Semler. Ein Gespräch über die Lust an der Alternative.

Elisabeth Scharang, Sie haben bei der Produktion von „Kick Out Your Boss“ viel Arbeit in einen Film über Arbeit gesteckt. Warum?
Elisabeth Scharang: Es handelt sich um ein globales Thema: Jede/r arbeitet, sucht Arbeit oder wird einmal arbeiten. Begonnen hat es mit einer kleinen Meldung über Ricardo Semler, die ich auf Facebook gefunden habe. Da ich ihn zuerst nicht kannte, war ich ganz erstaunt, dass es das Modell seiner Firma Semco (siehe Text rechts) schon seit 30 Jahren dort gibt. Nachdem ich mir beide Bücher von ihm gekauft habe, war mir klar, dass ich einen Film darüber machen möchte. Gleichzeitig begann eine „Freie-Mitarbeiter-Bewegung“ im ORF, wo wir uns erstmals zusammen für eine bessere Bezahlung eingesetzt haben. Im Zuge dessen habe ich auch mitbekommen, wie es anderen Leuten geht. Ich habe mich dann nach Vorschlägen umgesehen, wie man etwas ändern kann.

Warum ausgerechnet Semco?
Scharang: Es handelt sich dabei nicht um ein kleines Unternehmen, sondern um einen Konzern mit 3.000 Mitarbeiter/innen. Semco zeigt, dass ein solches Prinzip mit jedem Betrieb funktionieren würde, und das ist das Revolutionäre.

Mit welcher Erwartungshaltung haben Sie Semco besucht?Scharang: Ich bin durchaus mit einem kritischen Ansatz nach Brasilien geflogen. Nach einem Tag bei Semco war ich dann etwas demütig, weil sie schon relativ lange keine Journalist/innen mehr hineinlassen. Aber nicht, weil sie etwas zu verbergen hätten, sondern weil sie einfach keine Lust mehr hatten, bei Journalist/innen oder anderen Manager/innen Überzeugungsarbeit zu leisten, dass ihr System wirklich funktioniert. Es war beeindruckend, dass wir uns selber ein Bild des Ganzen machen konnten.

Und wie war Ihr Gefühl? Wirken Mitarbeiter/innen von Semco glücklicher?
Scharang: Besonders interessant war es in der Fabrik, wo die Leute in der Mittagspause Domino oder Karten spielen. Man merkt, dass die Leute dort menschlich geblieben sind und dir auf Augenhöhe begegnen. Sie trauen sich auch zu sagen, dass sie keine Interviews geben wollen. Das ist keineswegs selbstverständlich, denn normalerweise wird etwas von der Firmenleitung vorgegeben und davon traut sich keiner abzuweichen. Es gibt aber Leute, die klar sagen, dass ihnen ihr vorheriger Arbeitgeber besser gefallen hat. Der Punkt ist also, dass dort Leute sitzen, die wirklich ihre Meinung sagen. Man muss sein Wesen mit seiner Würde und Haltung also nicht bei der Garderobe abgeben. Ob die Leute dadurch auch glücklicher sind, kann ich nicht sagen, was aber auffällt, ist, dass die Leute miteinander anders umgehen. Das beginnt mit der Art, wie man sich begrüßt, dem Geräuschpegel im Büro und dem gemächlichen Arbeitstempo.

Ist das Gemütliche nicht auch etwas typisch Brasilianisches?Scharang: Nein, man riecht einfach keine Angst. Keiner fühlt sich unter Druck oder hat Angst, etwas Bestimmtes leisten zu müssen.

Haben Sie Vergleiche mit anderen großen Unternehmen?
Scharang: Ich kenne die ORF- und FM4-Strukturen sehr gut. FM4 ist schon ein sehr menschenfreundliches Unternehmen und trotzdem sind wir in vielen Hierarchiefragen gefangen. Zum Beispiel: Was bedeutet es, wenn jemand innerhalb eines Team ein eigenes Büro bekommt? Keiner denkt bei einem Umzug an einen einfachen Positionswechsel, weil man dort gebraucht wird, sondern an einen Abstieg. Es fehlt also, dass man von unten nach oben, aber auch von oben nach unten denkt. Es ist kein kommunistischer Ansatz, sondern die Möglichkeit beweglich zu bleiben. Die Grazer Agentur „En Garde“, die eine große Rolle in unserem Film spielt, hat sich ja auch während unserer Dreharbeiten in den Unternehmensstrukturen gelöst. Die beiden Geschäftsführer sind komplett ausgestiegen und machen jetzt ihre eigenen Projekte. Das heißt aber nicht, dass „En Garde“ gescheitert ist, sondern das haben jetzt einfach andere Leute übernommen. Es geht um Bewegung und der Film war Katalysator dafür.

Gibt es woanders eigentlich auch ähnliche Strukturen oder Ansätze eines Systems wie bei Semco?
Scharang: Ich hab Semler gefragt, warum es nicht jede/r macht, wenn man sieht, wie gut es funktioniert. Er sagte dann: „Die meisten kommen, sehen es sich an und fragen dann, ob nur ein Teil davon umsetzbar sei.“ Seine Antwort darauf ist immer: „Nein.“ Der springende Punkt ist die Aufgabe deiner Macht. Als Einzelne/r solltest du nicht auf eine Position bestehen, wo du alles in der Hand hast und alles kontrollierst. Man muss den Leuten, mit denen man arbeitet, vertrauen. Wenn du das nicht machst, bleibst du auf der Strecke und bekommst von den Mitarbeiter/innen nicht annähernd das, was du bekommen würdest, wenn sie eigenständiger für ihre Bereiche wären. Ich sage immer: „Die besten Chefs sind die, die Leute um sich scharen, die besser sind als sie selbst.“ Aber den Mut muss man erst haben.

Wie arbeitet eigentlich Elisabeth Scharang?
Scharang:
Ich bin selbstständig bzw. freie Mitarbeiterin bei FM4, was auch eine gewisse Lebenshaltung verlangt. Ich würde niemandem empfehlen, sich selbstständig zu machen, wenn es dazu führt, dass man regelmäßig schweißgebadet aufwacht, weil man Existenzängste hat.

Hatten Sie schon einmal eine Anstellung?
Scharang:
Wie wir damals FM4 gegründet haben, war ich zwei Jahre lang Chef vom Dienst. Da bleibt wenig Zeit, um deine eigenen Ideen und Projekte umzusetzen, und so werden daraus dann Struktur-Jobs. Das ist schade. Es sollte für Leute, die mehr Freiheit brauchen, aber auch für Leute, die gerne nach acht Stunden Arbeit nach Hause gehen, Platz in einem Unternehmen geben.

Wie viel arbeiten Sie eigentlich derzeit?
Scharang:
Wieder viel. Vor drei Jahren ging gar nichts. Da habe ich nur von kleinen Radiogeschichten gelebt. Natürlich musste ich mich dann reduzieren. Aber ich komme, wenn es sein muss, mit wenig Geld aus. Auch das ist eine Freiheit. Ich muss also nicht arbeiten, wenn ich nicht arbeiten will.

Elisabeth Scharang wurde 1969 in Bruck geboren. Als sie in Wien begann, Politik, Soziologie und Philosophie zu studieren, startete sie auch ihre berufliche Karriere beim ORF. Seit 1991 gestaltete sie außerdem Reportagen für den ORF und führte Regie bei Dokumentationen. Für ihre Filme „Mein Mörder“ (2005) und „Franz Fuchs – Ein Patriot“ (2007) erhielt sie eine Vielzahl nationaler Auszeichnungen und Preise.„Kick Out Your Boss“ ist derzeit in ausgewählten österreichischen Kinos zu sehen (in Graz im KIZ RoyalKino).

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