STRASSENMAGAZIN/Archiv/MEGAPHON 2014/Juni 2014/Einfach wohnen/
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Einfach wohnen

Von: Peter K. Wagner

Menschen, die kurz davor stehen, ihr Dach über dem Kopf zu verlieren, haben mehr als Geldprobleme. Aber auch für sie gibt es Hoffnung.

Es ist ein bisschen verwirrend. Wenn ein/e Grazer/in vom linken Murufer spricht, meint er/sie jenes, das auf der Karte rechts zu finden ist. Es ist die Stadthälfte des Schloßbergs, der Universität, des Hauptplatzes oder des Stadtparks. Hier war traditionell das Bürgertum zu Hause, und auch wenn die Grenzen da oder dort schon verschwimmen, ist es pauschal noch immer jene Stadthälfte, in denen es den Menschen besser geht.

Die Ausnahme wartet im Südosten der Stadt. Einen Steinwurf vom beliebten Murradweg entfernt wirken die Gebäudezeilen auch am linken Murufer nicht mehr so attraktiv, wie es viele Grazer/innen gewohnt sind. Dunkle, provisorisch wirkende Holzhütten, für einen Heimgarten zu groß, für ein Haus zu klein, reihen sich nebeneinander. Die Leintücher, Polsterbezüge und Hosen auf der Wäscheleine machen deutlich: Diese spartanischen Unterkünfte sind für einige Menschen vertrautes Zuhause.

Frau E. möchte anonym bleiben. Sie wohnt nur eine Straße weiter in einem Mehrparteienhaus, das trotz offener Tür ebenso wenig einladend ist wie die Holzbaracken nebenan. Die Wände im Stiegenhaus sind verschmutzt, alte Zeitungen und allerhand Müll liegen am Flur verstreut. Selbst diese Unterkunft drohte die dreifache Mutter vergangenen Herbst zu verlieren. Die Schuldenlast war so erdrückend hoch, dass sie vor der Zwangsdelogierung stand. Dass sie an diesem sommerlichen Tag im Mai die Tür ihrer Wohnung öffnen kann und nicht auf der Straße steht, hat sie der Wohnungssicherungs-Stelle der Caritas (WOG) zu verdanken. Sieben Tage standen zwischen ihr und dem Delogierungstermin, als sie sich an die WOG wandte. Mehr als 3000 Euro war sie mit ihrer Miete im Rückstand. Die Caritas hatte schon zuvor versucht, sich mit ihr in Verbindung zu setzen, weil sie vom Magistrat Graz vom Räumungsverfahren erfahren hatte. Aber E. war zu stolz. „Man glaubt immer, es geht irgendwie weiter – aber plötzlich ging es nicht mehr. Dabei wollte ich es doch selber schaffen“, erinnert sie sich.

Die WOG konnte für Frau E. über die Kleine-Zeitung-Hilfsaktion „Steirer helfen Steirern“ einen großen Teil ihrer Schulden abbauen – und vor allem: die Delogierung damit abwenden. Hätte das nicht funktioniert, hätte die Einrichtung über das Sozialamt versucht, der Familie E. eine Übergangswohnung zu stellen. Die Wohnungssicherungs-Stelle vermittelt eben für jene, die es selbst nicht mehr schaffen. Mit der abgewendeten Delogierung endet diese Arbeit allerdings nicht. Einfache Mittel wie Einnahmen-Ausgaben-Rechnungen oder Beratung über den richtigen Einsatz der wenigen finanziellen Ressourcen waren die Folge. Auch heute ist E. noch mit der WOG in Kontakt. Auch wenn die Mieten ständig teurer werden– das ist nicht der Grund dafür, dass die WOG allein im Jahr 2013 über 2000 Kurz-Kontakte zählte und in fast 700 abgeschlossenen Betreuungsfällen dabei helfen musste, über 400 Wohnungen zu sichern. „Geld ist nie allein das Problem, es steckt immer mehr dahinter“, erzählt Markus Haidinger, Leiter der Einrichtung. Suchterkrankungen, Analphabetismus, Schicksalsschläge – es gibt viele Gründe für den sozialen Abstieg.

Die Lebenssgeschichte von Frau E. liest sich so: Privatkonkurs nach der Scheidung, arbeitslos, dreifache Mutter, die jüngste Tochter ist behindert. Sie ist bald 50 Jahre alt, eine Lehre konnte sie aufgrund des Konkurses ihres damaligen Arbeitgebers nie abschließen, in der Folge arbeitete sie jahrelang in einer Fabrik. Zwei Blutvergiftungen setzten ihr zu, ihre Allergien tun es immer noch – die Fließbandarbeit nicht mehr. Mehrmals musste sie an den Beinen operiert werden, weil ihr das jahrelange Stehen die Knöchel ramponiert hatte. Harte Arbeit ist für sie nicht mehr möglich.

Frau E. hat im Wohnzimmer auf einem Sessel Platz genommen. Hier sitzt eine Frau, die zwar immer wieder während des Gesprächs lächelt, aber nicht richtig lachen kann. Der alte Computer hinter ihr, der den einfachen Holztisch durchhängen lässt, ist ihre große Hoffnung. „Ich suche jeden Tag Arbeit“, sagt sie. Das Wohnzimmer von Frau E. hat ein kleines Fenster in die Küche – dort steht die ältere Tochter und kocht. Sie sucht ebenfalls eine Anstellung. Eine Lehrstelle, um genau zu sein. Probearbeiten hier, unbezahlte Praktika da. „Es ist echt schwer, etwas zu finden“, erklärt auch sie. „Dabei hab ich gar kein schlechtes Zeugnis gehabt.“ – „Alles Einser“, wirft Frau E. stolz ein. Und kann erstmals richtig lachen. Die Tochter ist jetzt 18 Jahre alt. Nächste Woche könnte die Zusage kommen für die lang ersehnte Lehrstelle in einem Pharmabetrieb. „Ich hoffe es so stark für sie“, sagt E. nachdenklich. Sie wünscht sich wohl nichts mehr, als dass es ihre Tochter etwas besser erwischt als sie – egal, auf welcher Seite der Mur.

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