STRASSENMAGAZIN/Archiv/MEGAPHON 2014/Juni 2014/Brief an mich/
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Brief an mich

Von: Gilbert Prilasnig

Gilbert Prilasnig schreibt seinem jüngeren Selbst

Lieber Gilli,

wie fast jeden Tag bist du heute sicher wieder auf der Wiese anzutreffen, wo du mit deinen Freunden Fußball spielst. Dürft ihr die Hütte, die im Besitz der Feuerwehr steht, noch als Tor verwenden? Ich kann es irgendwie verstehen, dass sich der Kommandant über die von dir und deinen Kameraden kaputt geschossenen Bretter beschwerte. Da hilft es auch nix, dass sein eigener Sohn, der Seppi, mit zu den „Übeltätern“ gehört. Ein selbstgebautes Tor tut’s auch. Dein bester Freund Christian meinte ja, dass er das übernehmen könnte, und ich bin sicher, dass du mit einem Fußballtor mindestens genau so viel Freude haben wirst, wie mit der Feuerwehrhütte. Du musst dir halt eine neue Lösung suchen, wohin
du zukünftig den Ball treten kannst, wenn du mal alleine auf deiner geliebten Wiese spielen musst, weil keiner deiner Freunde Zeit gefunden hat.

Übrigens finde ich es gut, dass du die Frage deiner Volksschullehrerin nach deinem Berufswunsch mit Mechaniker beantwortet hast. Ich glaube auch ganz fest daran, dass die innigsten Wünsche nicht in Erfüllung gehen, wenn man sie ausspricht. Außerdem hast du ja von deinem Vater noch immer keine Erlaubnis, einem Fußballverein beizutreten! Da hätten dich deine Klassenkameraden sicherlich ausge- lacht, wenn du deinen wahren Traumberuf angeführt hättest. Und dass dir deine Lehrerin den Mecha- niker nicht abnahm, ist einzig und allein ihr Problem. Allerdings finde ich es ein starkes Stück, dass sie dich beschuldigte, du hättest von deinem Sitznachbarn abgeschrieben.
Apropos Vater, lass ihn bitte von mir sehr herzlich grüßen! Ich finde es ausgesprochen rührend, wie sehr er sich darum kümmert, dein fußballerisches Talent zu fördern. Er opfert ja wirklich jede freie Minute dafür, dir ein ordentliches Ballgefühl beizubringen. Und die vielen Waldläufe, die ihr zusammen macht, mögen ja sehr qualvoll sein, aber jede Medaille hat eine Kehrseite.
Ich finde es aber nicht o.k., dass du dieses Jahr unter einem falschen Namen beim Knirpsturnier der Kleinen Zeitung mitgespielt hast, weil du ja in Wahrheit schon zu alt dafür bist. Ich glaubte zu träumen, als ich unter deinem Bild von einem gewissen „Franz Greschounig von den Wallersberger Bombern“ als Torschützenkönig las. Also, dass dein ansonsten so überkorrekter Vater dafür seine Zustimmung gab, kann ich nicht verstehen. Auch wenn du mittlerweile in der Schülerliga spielst, wäre es an der Zeit, dass er dich endlich bei einem Verein deine Fußballschuhe schnüren lässt.
Ich freue mich schon auf ein Wiedersehen und dann hoffentlich mit dir als Spieler beim VST Vökermarkt!


Gilbert Prilasnig wurde 1973 in Klagenfurt geboren und feierte als aktiver Profi-Fußballer große Erfolge mit Sturm Graz. Heute ist er bei Sturm als Jugendleiter aktiv. Außerdem betreut er seit 2004 ehrenamtlich die österreichische Obdachlosen-Nationalmannschaft, die heuer im Herbst wieder am Homeless World Cup teilnehmen wird.

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