STRASSENMAGAZIN/Archiv/MEGAPHON 2014/Juni 2014/Zwischen Leidenschaft und Verzweiflung/
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Zwischen Leidenschaft und Verzweiflung

Von: Christopher Clark

In seinem Buch „Die Schlafwandler – Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog“ beschreibt Christopher Clark auch den k.u.k.-Generalstabschef Conrad von Hötzendorf. Ein Textauszug.

Conrad von Hötzendorf zählt zu den wohl faszinierendsten Figuren in einem hohen militärischen Amt zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Als er im Jahr 1906 zum Generalstabschef ernannt wurde, war er 54 Jahre alt und blieb während seiner gesamten Karriere ein standhafter Fürsprecher eines Krieges gegen die Feinde der Monarchie. Was seine Ansichten zu den auswärtigen Beziehungen des Reiches angeht, war Conrad unerbittlich aggressiv. Allerdings hegte er ernste Zweifel bezüglich seiner Befähigung zum Amt und spielte häufig mit dem Gedanken an Rücktritt. In vornehmer Gesellschaft war er schüchtern und liebte die Einsamkeit von Wanderungen in den Bergen, wo er melancholische Bleistiftzeichnungen von steilen Hängen bedeckt von dichten Nadelbäumen anfertigte. Sein Hang zu Selbstzweifeln wurde von regelmäßigen Anfällen schwerer Depressionen verstärkt, insbesondere seit dem Tod seiner Frau im Jahr 1905. In seiner Beziehung zu Gina von Reininghaus, der Gattin eines Wiener Unternehmers, versuchte er, dieser Unruhe zu entfliehen. Die Art und Weise, wie sich Conrad auf diese skandal-trächtige Beziehung einließ, wirft ein bemerkenswertes Licht auf seinen Charakter. Das Ganze fing bei einem Wiener Festessen im Jahr 1907 an, als die beiden zufällig nebeneinander platziert wurden. Etwa eine Woche später wurde Conrad persönlich an der Villa Reininghaus in der Operngasse vorstellig und verkündete seiner Gastgeberin: „Ich habe Sie namenlos lieb und habe nur einen Gedanken: dass Sie meine Frau werden sollen.“


Bestürzt erwiderte Gina, sie sei „siebenfach gebunden“, sie habe einen Mann und sechs Kinder. „Trotzdem“, beharrte Conrad, „werde ich nicht ruhen – dieser Wunsch wird für immer mein Leitstern sein.“ Ein oder zwei Tage später kam ein Adjutant vorbei und teilte Frau Reininghaus mit, dass sie es sich mit Blick auf die instabile geistige Verfassung Hötzendorfs noch einmal überlegen solle, ehe sie ihm jede Hoffnung nehme. Conrad selbst macht ihr acht Tage später noch einmal die Aufwartung und erklärte, dass er, falls sie ihn endgültig ablehne, von seinem Posten als Generalstabschef zurücktreten und sich aus dem öffentlichen Leben zurückziehen werde. Sie einigten sich auf folgende Lösung: Reininghaus solle auf absehbare Zukunft bei ihrem Mann und den Kindern bleiben. Sollte es ihr jedoch an einem bestimmten Punkt angebracht erscheinen, sich von ihrem Mann zu trennen, werde sie an Conrad denken. Das Vabanquespiel des Stabschefs – eine triumphale Umsetzung des Kultes der Offensive bei der Brautwerbung – hatte sich ausgezahlt. Gina blieb noch acht Jahre bei ihrem Mann. Wann sie und Conrad eine Affäre begannen, ist nicht genau bekannt. Ginas Mann Hans von Reininghaus ließ sich jedenfalls widerstandslos Hörner aufsetzen – der reiche Geschäftsmann hatte andere Frauen, sich zu zerstreuen, und die Verbindung zu Conrad bot einen willkommenen Zugang zu lukrativen Militäraufträgen.

„Tagebuch meiner Leiden“
Unterdessen besuchte Conrad seine Geliebte, sooft er konnte. Er schrieb auch Liebesbriefe, manchmal gleich mehrere an einem Tag. Aber da es unmöglich war, sie seiner Zukünftigen zu schicken, wenn er keinen Skandal riskieren wollte, sammelte er sie in einem Album mit dem Namen „Tagebuch meiner Leiden“. Abgesehen von einigen allgemeinen Neuigkeiten bleib das Thema immer gleich: Sie sei seine einzige Freude, nur der Gedanke an sie könne ihn vor dem Abgrund der Verzweiflung retten, sein Schicksal liege in ihren Händen und dergleichen mehr. Insgesamt sammelte er von 1907 bis 1915 mehr als 3000 Briefe, einige bis zu 60 Seiten lang. Gina erfuhr erst nach seinem Tod von dem Album.

Die Bedeutung dieser Beziehung kann man nicht hoch genug veranschlagen; sie stand im Zentrum von Conrad von Hötzendorfs Leben in den Jahren 1907 bis zum Kriegsausbruch und verdrängte alle anderen Sorgen, selbst die militärischen und politischen Fragen, die auf seinen Schreibtisch gelangten. Der zwanghafte Charakter könnte nicht zuletzt einige Merkmale von Conrads beruflichem Verhalten erklären: etwa seine Bereitschaft, den eigenen Ruf aufs Spiel zu setzen, in dem er sich mit extremen Positionen identifizierte, und seine Immunität gegen die Angst, abgesetzt oder diskreditiert zu werden. Er betrachtete den Krieg sogar als Mittel, Gina in seinen Besitz zu bringen. Nur als siegreicher Kriegsheld wäre er, so glaubte Conrad, imstande, die gesellschaftlichen Hindernisse aus dem Weg zu räumen und den Skandal zu überstehen, der mit der Heirat einer prominenten, geschiedenen Frau verbunden war. In einem Brief an Gina fantasierte er von der Rückkehr von einem „Balkankrieg“, den Lorbeerkranz des Siegers auf dem Haupt, wie er alle Warnungen in den Wind schlägt und sie zu seiner Frau macht.

Aufnahmen von ihm aus jenen Jahren zeigen einen Mann, der sich peinlich darum bemüht, ein männliches adrettes und jugendliches Äußeres zu bewahren. In seinem Nachlass, der inzwischen im Haus-, Hof und Staatsarchiv in Wien aufbewahrt wird, sind aus Zeitschriften ausgeschnittene Werbeanzeigen für Faltencremes zu fnden. Kurzum, Conrad von Hötzendorf stand exemplarisch für ein morsch gewordenes, geradezu überreiztes Männlichkeitsidol in Europa, das in mancher Hinsicht für den fin-de-siècle charakteristisch war.

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