STRASSENMAGAZIN/Archiv/MEGAPHON 2014/März 2014/Ein Hof für viele/
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Ein Hof für viele

Von: Anita Raidl

Mit gemeinschaftsgetragener Landwirtschaft fördern Ulli und Scott Klein junge Triebe auf altem Boden. Ihre „Kleine Farm“ liegt südlich von Graz.

Familie Klein hat Besuch. Von Allison, einer Freundin aus Kalifornien. „Do you also like tea?“, ruft Ulli Klein ihrer Freundin zu. Allison hat am anderen Ende des Raums unter der schön restaurierten Holzdecke Platz genommen. „Sure!“, antwortet sie und kommt zu uns an den Küchentisch. Gefolgt von Sunita, der zweieinhalbjährigen Tochter Kleins. Rosy, „the kitty“, springt auf meinen Schoß. Klein schenkt Tee ein, plaudert kurz mit ihrer Tochter – auf Englisch. „Unsere Haussprache“, erklärt sie und reicht mir den Löffel für den Honig.
Der Honig stammt von der hauseigenen Bienenzucht. Auch Kräutertee, Fruchtsäfte und Marmeladen sind hausgemacht. „Allerdings nur für den Eigenbedarf“, räumt Klein ein. Für die Produktion von größeren Mengen fehlen derzeit noch die Ressourcen. Aber: Alles zu seiner Zeit. „Wenn man langsam aufbaut, kann man auch achtsam gestalten“, sagt Klein. Ulli Klein und ihr Mann Scott führen ihren Hof, die „Kleine Farm“, nach dem Konzept der gemeinschaftsgetragenen Landwirtschaft, kurz „Gelawi“. Der Betrieb soll so klein wie möglich bleiben. Zumindest was die Anbaufläche betrifft. Die Träume sind groß und die Vielfalt soll wachsen.

Bei der Gelawi besteht eine enge Verbindung zwischen Produzent/innen und Konsument/innen von Lebensmitteln. Interessierte können einen Ernteanteil erwerben und erhalten so für eine Saison regelmäßig frische Bio-Produkte. Der Gelawi-Betrieb erhält durch die Ernteanteilnehmer/innen finanzielle Sicherheit, Vertrauen und Zeit für nachhaltigen Anbau.
Das Ehepaar Klein zählt in seinem nunmehr dritten Anbaujahr über vierzig Kulturen und mehr als 300 Obst- und Gemüsesorten. Alle Sorten sind samenfest und können somit, im Gegensatz zu Hybridpflanzen, vermehrt werden. Für die Ernteteilnehmer/innen ziehen die Kleins vor allem Gemüse, darunter mehr als 50 verschiedene Paradeis-Arten, alte Kulturpflanzen wie Mairüben, Haferwurzel oder Grünkohl, aber auch Exotisches aus Asien und Afrika. Die globale Vielfalt ist ihnen wichtig, das Kochen oft ein Experiment. „Wir probieren immer wieder Rezepte aus und geben diese dann weiter“, so Klein. Auch Kräuter, Obst und Getreide werden im heurigen Ernteanteilskisterl enthalten sein. Alles biologisch, nachhaltig und fair. „Nicht jeder will Landwirt werden. Durch das Übernehmen eines Ernteanteils kann man dennoch einen Beitrag zur Nachhaltigkeit leisten.“ Die Kosten für einen ganzen Anteil betragen 600 Euro, für einen halben Anteil 300 Euro. Oder weniger, denn soziale Umverteilung ist möglich. Ebenfalls möglich, aber kein Muss ist das Mithelfen am Hof. Gemeinsames Essen und Feiern sind weitere Zugaben zum Ernteanteil.
Klein ist hoffnungsvoll. Von den 100 verfügbaren Ernteanteilen sind schon viele vergeben. Das treibt an und gibt der Familie in diesem Jahr erstmals die Möglichkeit, sich der Abhängigkeit vom Marktverkauf weitestgehend zu entziehen. „Ganz frei kann man sich natürlich nicht machen“, gibt Klein zu bedenken. Und so werden die beiden Landwirte ab Mitte März am Bauernmarkt am Lendplatz und am Biobauernmarkt vor der Herz-Jesu-Kirche in Graz Jungpflanzen, Schnittblumen und Eier anbieten, ab Mai sollen die Ernteanteile ausgegeben und nur noch der Überschuss
verkauft werden.

Ideale Wirtschaftsform
Die promovierte Juristin Klein lernte die Gelawi als „Community Supported Agriculture“ (CSA) in den USA kennen und wollte wissen: Macht es Sinn, für Nachhaltigkeit und Sortenerhaltung zu kämpfen, nehmen die Bäuerinnen/Bauern und Konsument/innen diese Idee überhaupt an? „Die Antwort lautet ja.“ In Österreich gibt es derzeit rund 10 CSA-Höfe, Tendenz steigend. „Für mich ist das die ideale Wirtschaftsform“, bekräftigt Klein und führt aus: „Alte Sorten können am Markt aufgrund des Ernteertrags nicht mit Hybridpflanzen konkurrieren. Bei der CSA trägt die Gemeinschaft die Kosten, es gibt keine Kilopreise.“ Nach mehr als 10 Jahren Weiterbildung und Hofarbeit in Kalifornien übersiedelte Ulli Klein mit ihrem amerikanischen Mann und ihrer erstgeborenen Tochter Simone 2011 in ihr Heimatland zurück. Die Natur verbindet Kulturen – davon sind die Kleins überzeugt. Sie möchten es Kindern mit unterschiedlichem Background in Zukunft ermöglichen, auf der Kleinen Farm gemeinsam Natur zu erleben.
Wir spazieren auf dem 3 ha großen Areal, besuchen die Altsteirer Hühner und die Krainer Steinschafe, die so klingende Namen wie Lukas, Gregor und Hannah tragen. Radieschen, Vogerlsalat und Erdbeerpflanzen setzen erste Triebe. Der Boden ist schlammig. „Ich zähle jedes Jahr die Regenwürmer und es werden immer mehr“, freut sich Klein. Nach jahrelanger Monokultur kann sich die Humusschicht nun erholen. Die Kleine Farm lässt in Ruhe wachsen.
Ulli Klein stellt für ihre ältere Tochter Simone Reis auf. Scott wird bald vom Holzfällen heimkommen. Ich sage: Auf ein Wiedersehen. Bye, bye and see you soon!

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