STRASSENMAGAZIN/Archiv/MEGAPHON 2014/Mai 2014/Honig ist ihr Hobby/
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Honig ist ihr Hobby

Von: Matthias Fuchs

In Europa gibt es sieben Milliarden Bienen zu
wenig. Eine junge Kärntnerin steuert dagegen: Mit vermietbaren Bienenstöcken macht sie jungen Leuten die Honigproduktion schmackhaft.

Maria Bodner ist eine der wenigen Jungimker/innen Österreichs. Die Kärntnerin stammt aus einer Imkerfamilie in vierter Generation – schon zwei ihrer Urgroßväter schwärmten für Bienen. Bodner hat das Interesse geerbt. Wenn sie sich nicht mit Bienen beschäftigt, studiert sie Publizistik in Wien.
„Von klein auf habe ich immer schon bei der Imkerei geholfen“, erzählt sie. Weil der Imkerei der Nachwuchs fehlt, startete die 23-Jährige „rent a bee“. Da- mit möchte sie vor allem junge Leute für die Imkerei begeistern.
Dafür bedient sie sich eines kreativen, aber einfachen Systems: Wer einen Bienenstock von „rent a bee“ mietet, kann ihn bei einer Sammelstelle abholen und anschließend am Balkon oder im Garten aufstellen. Dann muss man nur das Flugloch öffnen, damit die Bienen ihren Nektar sammeln können. Am Abend, wenn es kühler wird und die Bienen in ihren Stock zurückkehren, ist es wichtig, die Bienenstöcke wieder zu verschließen. Mehr müssen die Hobby-Imker/innen nicht beachten, Vorkenntnisse sind nicht notwendig. Die Kosten betragen 160 Euro. Enthalten sind darin sowohl Versicherung wie auch Gesundheitszeugnisse für die Bienen, die vorher von einem Sachverständigen untersucht werden. Wenn zwei Monate abgelaufen sind, werden die Bienenstöcke zurückgebracht und die Mieter/innen erhalten den Honig vom eigenen Bienenstock. Und das ist sogar eine ganze Menge: Etwa fünf bis acht Kilo werden in dieser Zeit produziert.
Doch bei dem Projekt soll es nicht nur um Honig für den Eigengebrauch gehen, sondern naturgemäß auch um das Wiederbeleben der Imkerei. Denn Bienen sind nicht nur Sympathieträger. Sie sind nützlich, bestäuben Pflanzen, machen Honig und sind vor allem eines: von großer Bedeutung für das gesamte Ökosystem. Umso dramatischer sind die Folgen des immer größer werdenden Bienenmangels. Im Jänner wurde eine Studie der Universität Reading in Großbritannien veröffentlicht. Sie kalkuliert, dass es in Europa sieben Milliarden Bienen zu wenig gibt. Die Folgen dieses Mangels sind, dass Pflanzen nicht mehr ausreichend bestäubt werden. Mit direkten Folgen für die Menschen. „Wenn wir jetzt nicht handeln, werden wir in der Zukunft eine Katastrophe erleben“, sagt der Leiter der Studie, Simon Potts. Die Probleme sind vielseitig: Plätze, wo Bienenvölker natürlich nisten können, sind spärlich, und die von außen eingeschleppte Varroamilbe macht ihnen ebenfalls zu schaffen. Auch der Einsatz von Pflanzengiften schadet den Schwärmen nachweislich. Und dann wäre da noch der Imkermangel. Im Jahr 1990 gab es in Österreich noch 30.000 Bienenzüchter/innen, doch es wurden Jahr für Jahr weniger. Seit dem Tiefpunkt 2006 mit nur 23.000 Im- ker/innen erholen sich die Zahlen nur langsam. Dabei kann die europäische Honigbiene ohne Imker/in nicht existieren. „Früher war es so, dass bei jedem Bauernhof ein Bienenstock gestanden ist. Als ich klein war, hat es geheißen: ‚Pass auf, wenn du über die Wiese rennst, dass dich keine Biene sticht.‘ Jetzt sieht man kaum noch Bienen in der Wiese sitzen“, beklagt Maria Bodner. Für die meisten Leute ist die traditionelle Nebenerwerbsimkerei heute nicht mehr zeitgemäß, weil der Aufwand zu groß ist.
Kein Wunder also, dass Bodner bei der Verwirklichung von „rent a bee“ unterstützt wurde. Etwa von der Wiener Gesellschaft für Beziehungsethik. „Das Projekt ist eine wundervolle Möglichkeit für Städter/innen, mehr Beziehung zur Natur herzustellen und dabei einen sinnvollen Beitrag für das Überleben der Bienen zu leisten“, sagt deren Chef Robert Rogner. Bei der Imkerei denkt man zunächst wohl an ländliche Gegenden – aber auch in Städten finden Bienen oft ein großes Blütenangebot. In Parks und auf Balkonen gibt es viele Pflanzen, die zu unterschiedlichen Zeiten blühen und den Schwärmen optimale Bedingungen bieten. Eine Belastung des Honigs durch Abgase oder Schwermetalle ist nicht zu erwarten. „Die gelangen nicht in den Blütenkelch, weil er von der Blüte geschützt ist“, erklärt Maria Bodner.
Als sie auf der Suche nach 1000 Anmeldungen für die Finanzierung ihres Projekts war, kamen die meisten Anmeldungen dann tatsächlich aus dem urbanen Raum, um genau zu sein aus Graz. Die Skepsis war anfangs groß, aber schon bald stand fest, dass die ursprünglich angestrebte Mieterzahl wahrscheinlich sogar übertroffen werden kann. Dabei ist 2014 für „rent a bee“ eigentlich das Probejahr. „Jetzt geht’s erst richtig los“, schwärmt Maria Bodner, vielleicht schon bald nicht mehr eine der wenigen, sondern eine von vielen Jungimker/innen Österreichs.

Weiterführende Informationen unter:

MEGAPHON, Auschlössl
Friedrichgasse 36, 8010 Graz
Tel: 0316/8015 650
Fax: 0316/81 23 99
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