STRASSENMAGAZIN/Archiv/MEGAPHON 2014/Mai 2014/Papa auf Zeit/
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Papa auf Zeit

Von: Anita Raidl

Stefan Holubar gibt Kindern aus armen Verhältnissen Halt. Sein Zivildienst in Guatemala ist arbeitsintensiv, inspirierend und eine Erfahrung fürs Leben.

Stefan Holubar kann sich zurücklehnen: Die Kinder sind gut versorgt und außer Haus. Die Sonnenstrahlen beginnen, das Gemüt zu durchdringen. Acht Stunden Zeitunterschied liegen zwischen Österreich und Guatemala, wo es jetzt gerade halb acht Uhr morgens ist. „Zum Frühstück gab’s Haferschleim, nicht besonders lecker“, erzählt der gebürtige Villacher und fügt entschuldigend hinzu: „Eigentlich wollte ich den Kindern Palatschinken machen, ich hab‘ aber verschlafen, bin erst um halb sechs aufgestanden.“
Holubar absolviert seit einigen Monaten seinen Auslandszivildienst in Guatemala-Stadt, der Hauptstadt von Guatemala. Er kümmert sich in der „Casa Hogar“, einer österreichisch-guatemaltekischen Einrichtung, um rund dreißig Mädchen und Buben im Alter von fünf bis zwanzig Jahren. Sie alle stammen aus ländlichen Gegenden und armen Verhältnissen. „Ich übernehme quasi die Vaterrolle“, erklärt der 19-Jährige selbstbewusst. Von früh bis spät ist er für die Kids da. Macht Frühstück, begleitet sie in die Schule oder zur Busstation. Holt sie wieder ab, hilft bei den Hausübungen, beim Lernen. Um 21 Uhr sind die meisten schon im Bett und Holubar wechselt in seine Unterkunft, „eine Garage“, wie er sagt. Sie ist ganz in der Nähe.
Freie Zeit ist für den jungen Zivildiener rar gesät. Alle 14 Tage ein Wochenende und der eine oder andere Vormittag, während die Kinder in der Schule sind. „Sobald ich Zeit habe, fahre ich weg: auf die Uni, in ein Café. Gelegentlich besuche ich einen Salsa-Kurs“, sagt er und setzt nach: „Sonst dreht man durch.“ Holubar muss mit seinen Kräften haushalten und den- noch ist es gerade die Arbeit, die ihn zum Schwärmen bringt: „Das, was ich hier erlebe, verändert mich. Es ist in jeglicher Hinsicht unglaublich.“
Gespräche, gemeinsam Fußball schauen, gebrauchte Schuhe – scheinbar kleine Aufmerksamkeiten bringen nicht nur die Augen seiner Schützlinge zum Leuchten. Manchmal begleitet er die Kinder auch aufs Land, zu ihrer Familie. „Ich lebe und arbeite mit den ganz Armen. Ich weiß nun, wie es sich anfühlt, wenn man sich kein Klopapier oder kein Paar Schuhe leisten kann.“ Holubar lernt, dass man auch mit wenig zufrieden sein kann. Für die Sozialdienst-Stelle bei der Casa Hogar hat sich Holubar bereits mit 16 Jahren beim Verein „Österreichischer Auslandsdienst“ beworben. „Die Bewerbungsfrist bei uns beträgt eineinhalb Jahre vor Antritt“, informiert Jörg Reitmaier, der Geschäftsführer des Vereins. Als eine von rund zwanzig Trägerorganisationen österreichweit vermittelt dieser Stellen für den zwölfmonatigen Auslandsdienst, den man als Sozial-, Gedenk- und Friedensdienst leisten kann.
„Den Auslandsdienst leistet man unentgeltlich. Förderungen sind aber möglich“, weiß Reitmaier. Die Stadt Graz etwa schrieb heuer erstmals ein Stipendium für friedens- oder gedenkdienstleistende Grazer wie Grazerinnen aus. Wenn man sich dafür bewerben möchte, benötigt man jedoch die Erklärung eines Trägervereins. „Nur so kann gewährleistet werden, dass die Leute schon eine gewisse Vorbildung für die Stelle haben“, so Reitmaier, der vor wenigen Jahren selbst Gedenkdiener im Auschwitz Jewish Center, Polen, und im Virginia Holocaust Center, USA, war.
„Bewerber helfen bei uns im Verein mit, organisieren Vorträge oder Jahrgangstreffen“, berichtet der junge Geschäftsführer. „So zeigt sich, wer zuverlässig ist.“ Wer in das Netzwerk von „Österreichischer Auslands-dienst“ reinschnuppern möchte, kann sich an die Tutoren im jeweiligen Bundesland wenden und an einem der monatlichen Treffen teilnehmen. Für Stefan Holubar ist sein Auslandsdienst Anfang August zu Ende. Danach möchte er eine Reise nach Panama machen und sein Studium auf der Montanuni Leoben antreten. „Ich freu mich schon sehr auf zu Hause, auf die österreichische Sauberkeit“, sagt er und räumt gleich ein, „das hat aber nichts damit zu tun, dass ich hier wegkommen will, denn es gibt noch so viele Projekte, die ich realisieren möchte.“ Eines davon ist „Vision for kitchen“. Holubar: „Das Essen soll hygienischer und schneller zubereitet werden können.“ In den letzten Monaten hat es der engagierte Kärntner tatsächlich geschafft, genug Spenden für die Sanierung der Kücheneinrichtung und -geräte in der „Casa Hogar“ zu sammeln. Schon im Mai soll die Küche tadellos funktionieren.
Was dann noch fehlt sind Messer, Töpfe und Pfannen. Damit auch seine Nachfolger Haferschleim, Palatschinken und Co. für ihre Schützlinge zubereiten können.

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