STRASSENMAGAZIN/Archiv/MEGAPHON 2014/November 2014/Brief an mich/
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Brief an mich

Von: Mike Markart

Mike Markart schreibt seinem jüngeren Selbst

Mein Lieber,

was soll ich Dir schreiben? Wie soll ich Dir die Welt schildern, welche auf Dich zukommt? Du warst ja schon damals ein mit Ängsten und Befürchtungen angefüllter Mensch. Wie soll ich Dir sagen, dass es eine geheimnislose Welt ist, aus der ich Dir schreibe. Eine Welt, die überfüllt ist mit Menschen, Informationen und Müll. Du wirst als 11-Jähriger einen Lehrer, welcher der Klasse erzählt, dass eine Maschine gebaut worden ist, welche die Arbeit von 200 Menschen erledigen kann, fragen, was diese 200 un-gebrauchten Menschen dann machen. Er wird Dir sagen, dass Du ein Idiot bist, denn Freizeit sei das Wertvollste und Erstrebenswerteste für den Menschen.

In jener Welt, von welcher ich Dir jetzt erzähle, haben Maschinen fast alle Arbeiten übernommen, ein die ganze Welt überspannendes Heer von Menschen hat deshalb sehr viel Freizeit. Diese macht ihnen aber keine Freude. Dafür haben sie die Möglichkeit, ihre Freizeit mit hunderten Fernsehprogrammen zu verbringen, welche 24 Stunden am Tag senden. Einschläfern. Und manipulieren. Um mit Millionen Menschen gleichzeitig verbunden zu sein, braucht man seinen Schreibtisch nicht mehr zu verlassen. Dazu benötigt man nur einen Computer, ein Smartphone und das Internet. Lauter Wörter, welche Dir natürlich neu sind. Riesige Fang- und Fertigungsschiffe ziehen durch die Meere, beuten sie aus. Gemüsesorten und Nutztiere werden genetisch umgebaut und den Anforderungen angepasst. Dem immer größer werdenden bedarf an Nahrungsmitteln für immer mehr Menschen. Die Menschheit hat sich in Bewegung gesetzt. Viele werden in Ghettos gelagert. Intoleranz ist eine allgegenwärtige Eigenschaft geworden. Gegen andere, Andersdenkende. und auch, was ich Dir über den GAK schreiben muss, wird Dir nicht gefallen. Hier die Kurzfassung: Wir sind Meister geworden. Ein herrlicher Augenblick, eine kurze, leuchtende Illusion. Der Titel kostete aber unvernünftig viel Geld. nach einigen Konkursen landeten wir in der letzten, der 1. Klasse.

Mike, ich setze diesen Brief an Dich natürlich nur auf. Ich werde aber nicht so verrückt sein, ihn Dir auch zu schicken. Denn jene Entwicklungen und Veränderungen, welche Deine Welt von meiner unterscheiden, sind für mich ein Weg gewesen. Dich geballt mit meiner gegenwärtigen Wirklichkeit zu konfrontieren, würde Dich schockieren, weil Du ja nur die Information hättest, aber nicht die Zusammenhänge. und natürlich hast Du sehr viel Schönes, Aufregendes vor Dir. Du wirst in Strandbars sitzen, das Meer beobachten und ein Glas Wein dazu trinken. Du wirst wunderbare Literatur lesen. Musik hören. Die Natur genießen. Menschen treffen und Dich verlieben.

Sei also einfach zuversichtlich …


Mike Markart, geboren 1961 in Graz, lebt als freier Autor in Stainz in der Weststeiermark. Er verfasst Hörspiele, theater-stücke, Romane und Erzählungen. Im September 2014 erschien sein Roman „Ich halte mir diesen Brief wie einen Hund“ in der Edition Keiper.

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