STRASSENMAGAZIN/Archiv/MEGAPHON 2016/September 2016/September 2016/
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Abdriften von Europa – Ein Drama

Von Ronald Frühwirth

ERSTE SZENE
Ein Bahnhof, der Zug fährt pfeifend ein, die Türen öffnen sich. Zahlreiche Menschen steigen aus den Waggons, ihre Gesichter wirken erschöpft, sie tragen Koffer und Taschen. Am Bahnsteig stehen viele Menschen und applaudieren den Aussteigenden zu. Sie rufen: „Willkommen!“ und „Schön, dass ihr da seid.“ Den Ankommenden werden Speisen gereicht. Im Hintergrund sind Schlafplätze und ein Medizin-Zelt zu sehen. Die Stimmung ist gelöst, viele Menschen lachen. Ein paar Polizeibeamte stehen am Rande des Geschehens, beobachten und nicken zustimmend. Am vorderen Bühnenrand, etwas im Abseits, eine Parkbank. Darauf sitzen zwei Männer mittleren Alters, mit grauem Haar, in grauen Anzügen, mit den Rücken zum Geschehen.

GRAUER HERR 1 (nachdenklich) Man könnte meinen, es gibt keine Ordnung.
GRAUER HERR 2 (grimmig) Schau dir das an! Die Polizei steht nur da und tut nichts. Wer kontrolliert die Identität der Ankömmlinge? Was, wenn sich da Schwindler darunter befinden? Merken die Leute am Bahnsteig nicht, dass sie nur benutzt werden? Ausgenutzt wird ihre Gutmütigkeit!
GRAUER HERR 1 Wie soll das alles funktionieren? Es gibt keine Behörde, die das organisiert. Die machen, was sie wollen. Es entgleitet uns!
GRAUER HERR 2 Wir sind doch gar nicht für diese Menschen zuständig! Wieso regt sich denn keiner auf?! Wo kommen wir denn da hin?! Was, wenn das alle machen? Menschenrechte hin oder her. Zuerst muss einmal Ordnung her, da helfen Menschenrechte nichts, wenn keine Ordnung herrscht!
GRAUER HERR 1 Reg dich nicht auf. Wir werden das schon wieder in geordnete Bahnen lenken. Du wirst sehen, der Hazeh wird bald toben. So viel Empathie, das mag der gar nicht. Der soll den Leuten ein bisserl Angst machen. Wir lassen sie noch ein wenig in ihrer Euphorie baden und dann, streuen wir ein paar Sorgen und Verunsicherung. Nicht so laut wie der Hazeh, aber bestimmt. Wir erzählen den Leuten die Geschichte von den beschränkten Ressourcen und von den Sorgen um die Zukunft ihrer Kinder. So etwas in der Art.
GRAUER HERR 2 Das könnt uns noch nutzen…
GRAUER HERR 1 So ist es. Wir brauchen ohnehin mehr Befugnisse für die Polizei. Und das Militär gehört aufgewertet. Die Leute werden Verständnis dafür aufbringen, wenn sie einmal verunsichert sind.
GRAUER HERR 2 Das gefällt mir. Und dieses Grundeinkommen-Ding…..
GRAUER HERR 1 Die Mindestsicherung meinst du.
GRAUER HERR 2 Ja, genau! Da müssen wir was tun. Kommunistisch ist das. Geld ohne Leistung, da gehört was unternommen!


ZWEITE SZENE

Ein öffentlicher Platz, mit Sitzbänken und einem großen Springbrunnen. Leute gehen eilig des Weges, in alle Richtungen. Etwas langsamer, in der Mitte des Platzes, gehen zwei Erwachsene mit zwei Kindern. Ihre Gesichter wirken erschöpft, sie tragen Koffer und Taschen. Sie gehen zu einem Wegweiser: Nach links weist ein Schild in Richtung „Europa“. Auf einem anderen, in dieselbe Richtung weisend, steht „Menschenrechte“. In die andere Richtung, nach rechts, weist ein Pfeil in Richtung „Festung“. Die erschöpfte Familie steht vor dem Wegweiser. Die erwachsene Frau nimmt ein Smartphone aus ihrer Tasche. Sie berät sich mit dem Mann. Schließlich gehen alle nach links ab. Die Vorbeieilenden machen einen Bogen um sie, mustern sie skeptisch und drücken ihre Aktentaschen und Handtaschen fest an sich. Als die Familie schon fast von der Bühne verschwunden ist, wendet sich einer der Vorbeieilenden ihr zu.

VORBEIEILENDER (laut rufend): Tötet alle Asylanten!
Die anderen Eiligen klatschen. Da erhebt sich einer, in eine Richterrobe gekleidet.
RICHTER: Geschmacklos ist das.
Auf einer der Parkbänke, am vorderen Bühnenrand, sitzen die zwei grauen Herren und beobachten die Szenerie.
GRAUER HERR 2 (zufrieden grinsend) Das ging ja schneller als gedacht.
GRAUER HERR 1 Tja, in Zeiten der Krise kommt man mit Menschenrechten nicht weiter. Das ginge auch zu weit, wenn sich jeder und jede darauf berufen könnte.
GRAUER HERR 2 Mit „alle“ ist halt nicht jeder Einzelne gemeint. Da müssen wir aufpassen, wenn wir wieder einmal so eine Konvention unterschreiben.
Im Hintergrund geht ein Haus in Flammen auf.
GRAUER HERR 2 Was ist denn jetzt geschehen?
GRAUER HERR 1 (auf sein Smartphone blickend) So ein Heim brennt, heißt es in den Nachrichten.
GRAUER HERR 2 Aha.
Im Hintergrund taucht der Minister auf, im grauen Overall, mit einer Maurerkelle in der Hand. Er steht vor dem brennenden Haus und platziert graue Ziegel aufeinander. Einer der grauen Herren steht auf und reicht ihm Mörtel.
MINISTER (murmelnd) Ein Ausrutscher, das Ganze…
Das Bühnenbild kippt langsam nach rechts. Der Wegweiser löst sich und driftet ab. Der Vorhang schließt sich.

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