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Kaum Schlaf nach Mitternacht

Von: Annelies Pichler

Sehnsucht. Christopher Edoleyi möchte endlich seine Frau besuchen.

Wenn Christopher Edoleyis Wecker läutet, ist es noch lange nicht hell: Es ist erst eine Stunde nach Mitternacht. Doch die druckfrischen Zeitungen, die ausgetragen werden müssen, könnten bald schon da sein. „Manchmal kommen sie um halb zwei, dann wieder erst um drei Uhr, manchmal sogar erst um fünf oder sechs Uhr“, erzählt der MEGAPHON-Verkäufer, dem oft nur eine Stunde Schlaf bleibt, bevor er nach dem Austragen einer Tageszeitung mit dem Verkauf des Straßenmagazins beginnt.  Dabei ist das Gebiet, das ihm als Zeitungsausträger zugeteilt ist, nur klein und bringt nicht viel ein.
Acht Jahre ist es her, dass er Nigeria Hals über Kopf verlassen musste. Acht Jahre ohne Zukunftsperspektive, denn immer noch ist es ungewiss, ob er mit Österreich eine neue Heimat gefunden hat. Nach Nigeria kann er nicht zurück.
Dort hatte er lange als Lastwagenfahrer für eine große Firma gearbeitet und sich schließlich selbstständig gemacht. Als Kleinstunternehmer mit einem 18-Personen-Bus. Zudem war der überzeugte Christ auch sehr aktiv in seiner Kirche, und das kann in einem Land wie Nigeria gefährlich werden.
Der Konflikt zwischen MuslimInnen und ChristInnen schwelt ständig und eskaliert immer wieder, führt zu blutigen Massakern mit vielen Opfern. Christopher Edoleyi ist eines davon und er hatte Glück. Denn er konnte flüchten.
Seine damalige Frau und seine sechs Kinder hat er seither jedoch nicht wiedergesehen. „Sie war damals noch sehr jung“, sagt er heute und meint es als Entschuldigung. Dafür, dass die junge Ehefrau die Scheidung verlangte und auch die sechs gemeinsamen Kinder verließ. Und ergänzt: „Die Kinder sind bei meiner Mutter groß geworden und noch heute leben sie bei ihr.“
Seit vier Jahren ist er wieder verheiratet. Mit einer Frau, die er in Graz kennen gelernt hat und die wie er aus Nigeria kommt. Inzwischen aber ist sie mit ihren beiden Kindern nach London gezogen. Sie will, dass sie englischsprachig aufwachsen. Doch sooft es geht, besucht sie ihren Ehemann. Ihm jedoch sind Gegenbesuche nicht möglich: Ohne Visum ist der Weg versperrt. Jetzt will er alle Hebel in Bewegung setzen, um eines zu bekommen. Doch das ist nicht sein einziges Problem: Über sein linkes Auge zieht sich ein Schleier. Der Operationstermin im Juni ist schon fixiert. Inzwischen muss er seine Augen schonen und das verschiebt auch seinen aktuellen Plan etwas weiter in die Zukunft. Doch sein Entschluss steht fest: Endlich Deutsch lernen!

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