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Wiegen  und Wickeln

Von: Nina Koren

HOFFNUNG. Die junge Mutter Aliona Riazantseva wünscht sich nichts sehnlicher, als dass am Kaukasus endlich Frieden herrscht.

Das Stehen fällt ihr schon schwer, aber wenn sie die Fingerspitzen auf ihren Bauch legt, schaut sie glücklich aus: Aliona Riazantseva erwartet ihr erstes Kind, und während Sie diese MEGAPHON-Ausgabe in Händen halten, hält die 26-Jährige vermutlich schon ihr Neugeborenes im Arm.
Riazantseva verkaufte in den vergangenen Monaten mit viel Enthusiasmus vor dem Supermarkt in der Friedrichgasse das MEGAPHON, als eine der wenigen Verkäufer­Innen, die nicht aus Afrika stammen. Sie ist aus dem südlichen Kaukasus geflüchtet. „Das Verkaufen macht mir Spaß“, sagt sie, „und ich komme dabei mit den Österreichern ins Gespräch.“ Sprechen – das bedeutet für sie derzeit hauptsächlich Russisch oder Körpersprache, weil leider, sagt sie, konnte sie noch immer keinen freien Platz im Deutschkurs bekommen.
Doch jetzt ist für die nächsten Monate ohnehin einmal Wiegen und Wickeln angesagt. Alex heißt der neue Erdenbürger, auch er hat mit Worten noch wenig am Hut, und welche Sprache seine sein wird, ist auch noch offen. Seine sanfte Mutter stammt aus der georgischen Hauptstadt Tiflis, vor fünf Monaten kam sie mit Mann und Babybauch nach Graz. Aliona ist ethnische Russin, ihr Mann Georgier. Seit sich Georgiens Präsident Saakaschwili 2008 in einen fünftägigen Krieg mit Russland verstrickte, in dem 390 Menschen ums Leben kamen und in dem Georgien, zumindest fürs Erste, bedeutende Gebiete verlor, hat es die russische Minderheit in Tiflis schwer. „Wir bekamen immer mehr Drohanrufe“, erzählt Aliona Riazantseva. Ihr Mann, ein Polizist, wurde bei der Arbeit massiv unter Druck gesetzt, „ich hatte große Angst um uns und das Baby“.
In Österreich gefallen ihr die Ruhe und die Höflichkeit der Leute. „Sogar im Krankenhaus sind alle freundlich, hören einem zu“, berichtet Aliona Riazantseva von ihren Erfahrungen im Landeskrankenhaus. Dennoch vermisst sie ihre Heimat sehr, ihre Arbeit als VIP-Betreuerin am Flughafen in Tiflis, die herrliche georgische Küche, vor allem aber ihre Familie und ihre FreundInnen zu Hause. „Ich wünsche mir nichts sehnlicher, als dass sich die Lage in Georgien rasch wieder beruhigt und die Leute aufhören, so unfair zueinander zu sein“, sagt sie. Ihr ganzes Leben lang hätten RussInnen und GeorgierInnen ganz normal miteinander gelebt, Freundschaften geschlossen, geheiratet. „Doch die Politiker denken nur an ihre eigenen Interessen und schaffen dabei solche Probleme.“

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