Von: Martin G. Wanko
TRIUMPH. Charles Ikenna Egboh kommt aus Nigeria und verkauft das MEGAPHON in der Schmiedgasse, Ecke Stubenberggasse, vor dem Amtshaus. Und ist seit Kurzem im Besitz einer besonderen Card.
Schon von Weitem höre ich seine kräftige Stimme. Ich komme näher und sehe, wie er auf einen Passanten zugeht und ihn anspricht: „MEGAPHON, bitte!“ Aber das „Bitte“ ist in keinem flehenden Tonfall gehalten, sondern eher als Aufforderung zu verstehen. „MEGAPHON, bitte!“ Hier ist das neue MEGAPHON, also bitte, werfen Sie einen Blick hinein, es zahlt sich aus! Ich gehe auf den Verkäufer zu. Charles Ikenna Egboh ist eindringlich, aber nicht aufdringlich. Er hat Charme und setzt ihn gekonnt ein. Ich kaufe ihm ein Magazin ab, er bedankt sich, er lächelt kurz. Einen Augenaufschlag später und seine Gedanken sind bereits beim nächsten Passanten. Das Leben als MEGAPHON-Verkäufer ist anstrengend.
Gleich darauf kommt ein Trafikant vorbei und füllt den Zigarettenautomaten an, der an der Außenwand des Amtshauses hängt. Charles Ikenna Egboh geht auf ihn zu und lächelt, er scheint den Trafikanten zu kennen. Nein, er verkauft ihm kein MEGAPHON, sondern zückt sein Portmonee. Er holt eine Card heraus und zeigt sie sehr stolz dem Mann. Es ist keine Kreditkarte, keine noble Club-Card, es ist etwas viel Wichtigeres, wie sich in den nächsten Tagen herausstellen wird.
Ortswechsel: Auschlössl. Ich treffe Charles Ikenna Egboh zum Interview. Gleich zu Beginn unseres Gesprächs zeigt er mir diese Card, es ist seine Niederlassungsbewilligung. Diese Karte berechtigt ihn, ein Jahr in Österreich zu bleiben. „Humanitäres Aufenthaltsrecht“ nennt sich das im Amtsdeutsch. Für Charles ist das ein Triumph, keine Frage, es hätte ja auch anders kommen können. „Ich glaube, dass ich durch harte Arbeit, den Glauben an mich selbst und den Glauben an Gott an mein Ziel komme.“
Der Glaube ist für Charles wichtig, er stärkt ihn, auch wenn er bei erbarmungsloser Hitze oder bei starkem Schneefall in der Schmiedgasse steht und MEGAPHON verkauft. „Am Ende vom Tunnel ist ein Licht, und diesem Licht bin ich jetzt ein Stück näher gekommen.“ Durch das Visum kann er nun durchatmen, sich auf seine Zukunft konzentrieren. Besser Deutsch lernen zum Beispiel. Er spricht nicht schlecht Deutsch, aber „ich will es fließend sprechen, weil ich hier in Österreich bleiben will“.
Überhaupt fällt Charles Ikenna Egboh viel Gutes zu Österreich ein. „Österreich ist ein friedliches Land und durch den Verkauf von MEGAPHON habe ich zu vielen Menschen hier einen sehr aufbauenden Kontakt bekommen. Tolle Menschen mit einer tollen Sprache!“ Tatsächlich hat Charles hier Freunde gefunden, Ernst zum Beispiel oder Alfred, der in der Nähe seines Standplatzes wohnt. „Alfred hat mir so viel geholfen, dass ich gar nicht weiß, wo ich zum Erzählen anfangen soll.“ Seine Freunde bestärken ihn im Glauben. Das Wissen, nicht allein zu sein, ist gerade in Phasen wichtig, wo das Leben nicht so verläuft wie man will.
Charles schaut nun auf die Uhr. Zeit ist für ihn Geld. Er will heute noch einige MEGAPHON-Aufgaben verkaufen. Eine letzte Frage hätte ich. Was ihn denn nach dem Tunnel und der Dunkelheit im Licht erwarte, will ich noch von ihm wissen. „Die passende Frau kennenlernen, eine Familie gründen und weiterhin auf einem guten Standplatz stehen.“ Charles hat also trotz Visum Bodenhaftung behalten und das ist gut so. Seine Wünsche werden sicher in Erfüllung gehen, denn dorthin bringen ihn sein Glaube, seine Freunde, ein bisschen Glück und wir.
Martin G. Wanko M.A., geboren 1970 in Graz, Studium Qualitätsjournalismus in Krems an der Donau-Universität. Als Dramatiker zwölf Uraufführungen, Veröffentlichung von drei Romanen, u.a. zahlreiche Stipendien und Auszeichnungen. Mehr Infos unter: www.m-wanko.at