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Der Supermarkt-Prediger

Von: Martin G. Wanko

NUMMER EINS. Am Anfang war das Gewinnspiel. MEGAPHON-LeserInnen konnten ihre Lieblingsverkäufer­Innen wählen. Samuel Umar hat es geschafft. Haushoch. Mehr als hundert Mal wurde sein Name genannt. Das brachte ihm eine Urkunde und ein kleines Geschenk ein, eines sollte man ihm aber vor allem zollen: Respekt.

Samuel Umar kommt aus dem Sudan. Aus religiösen Gründen flüchtete er aus dem Land am Nil. Viel mehr will er über seine Vergangenheit nicht reden, immerhin muss­te er im Sudan seine Familie zurücklassen, hat den Kontakt verloren, und das schmerzt.
Zumindest hat er keinen physischen Kontakt mehr. Psychisch schon eher, über Gott. Gott ist groß und kennt keine Grenzen, da hat auch seine Familie Platz. Und Samuel Umar ist Prediger. Er predigt im Gotteshaus, auf der Straße, überall, wo Gott es haben will. „Ich predige nicht für mich, das wäre egoistisch, ich predige für jeden, ich predige für die Welt.“ Kein geringer Anspruch, aber es funktioniert. Hätte Samuel sonst die Wahl gewonnen? Eben. Samuel betritt bei der 15-Jahr-MEGAPHON-Feier die Bühne. Er hat zur Preisverleihung ein blaues, festliches Gewand an, ein traditionelles Kleidungsstück aus Afrika. Nach einigen Dankesworten setzt er zur Predigt an. Er muss predigen, den Menschen ganz einfach seine heutige Botschaft mitteilen:  „Winning is wonderful.“ So ist es. Oh happy day. Mit Samuel geht die Sonne auf.  

Szenenwechsel. Am nächsten Tag vor einem Supermarkt in Messendorf südlich von Graz, an der Peripherie zwischen Rübenäckern und Diskontern. Das Publikum hier ist direkt, hat wenig Zeit für schöne Worte. Entweder passt etwas oder nicht. Samuel steht am Vorplatz zwischen Eingang und den Einkaufswagenschlangen. Er hat einen strategisch guten Platz gewählt. Hier greifen die Menschen zu den Münzen, die sie in die Wagen stecken.
Eine Frau geht auf ihn zu. Sie drückt ihm das abgezählte Geld in die Hand, Samuel reicht ihr ein MEGAPHON. Jetzt wechselt sie mit ihm vertraute Worte. Keiner kann das Gespräch hören, es gehört den beiden. Ich gehe der Frau nach und frage sie, warum sie ein MEGAPHON gekauft hat. „Weil er nicht lästig ist!“, antwortet sie mir. Ich bin überrascht, ich dachte immer, wer lästig ist, verkauft mehr. Dem ist nicht so. Ich schaue sie fragend an, sie spricht weiter. „Samuel ist immer freundlich, egal ob man ein MEGAPHON kauft oder nicht.“ Und hier sind wir wieder bei seiner Predigt. Samuel nimmt den Menschen ihre Traurigkeit. Er bezieht sie in sein Gebet ein. Sie spüren, da ist einer, der nicht nur nimmt, da ist einer, der auch geben kann und geben will.

Ein Wimpernschlag später. Vater und Sohn kommen bei Samuel vorbei. Der Junge, im Kindergartenalter, freut sich, Samuel zu sehen. Samuel geht in die Hocke, sie schütteln einander die Hände und Samuel scherzt mit dem Kleinen, als ob er der Hollywood-Star Ed Murphy wäre, der gerade einen Straßenverkäufer spielt. Der Junge strahlt, der Vater schaut zufrieden. Diese Situationen darf man nicht unterschätzen: Für Kinder ist der Kontakt mit MEGAPHON-Verkäufern oft die erste Möglichkeit, mit einem Afrikaner zu tun zu  haben. So etwas prägt.
Und so läuft es weiter. Samuel lacht alle an, lädt jeden auf einen Talk ein. Nicht alle nehmen an. Macht auch nichts. Das Leben ist so. Ein Mann mit kantigem Gesicht, rotem Poloshirt, Jeans und Turnschuhen nimmt sich einen Einkaufswagen und fragt Samuel, ob er etwas brauche. „Chicken“, antwortet Samuel. Der Mann fragt nach, ob er ein ganzes oder ein tranchiertes haben will. Samuel deutet ihm „ein ganzes“ und nickt dabei zufrieden. Einige Minuten später ist der Mann zurück und gibt ihm das Brathuhn. Samuel bedankt sich und zeigt dem Mann voller Stolz seine Urkunde, die bezeugt, dass er der beliebteste MEGAPHON-Verkäufer ist. Der Mann klopft ihm auf die Schulter. Er ist stolz auf Samuel. Auf die Frage, warum er denn das macht, antwortet er ganz locker: „Weil der Samuel zu uns nach Messendorf gehört und gelegentlich eine Kleinigkeit braucht. Der gehört zu uns, hierher!“ Und der Mann im roten Poloshirt ist nicht der Einzige, der Samuel hilft. Samuel nennt sie seine „familiar friends“.
Beim MEGAPHON-Gewinnspiel, in dem es einen Marimekko-Gutschein zu gewinnen gab, wurde aus allen Einsendungen die Postkarte von Anne Stöcker-Schmarenz gezogen. Sie wählte Samuel zu ihrem Lieblingsverkäufer, weil „er jedes Mal extrem gut gelaunt ist und das wirklich bewundernswert ist, wenn man bedenkt, dass Samuel aus der Heimat flüchten hat müssen. Dann kommt noch sein unerschütterlicher Glaube dazu, aus dem er schöpft und mit dem er diese gewonnene Kraft weitergibt, und dann seine Menschlichkeit: Samuel hat für alle ein Ohr. Sind meine Kinder krank, redet er mir Mut zu. Das sind alles Dinge, die man zum Leben braucht.“

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