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Ohne Alarmbereitschaft

Von: Gerhild Steinbuch

ZUHÖREN. James Abdul und ich sind ungefähr gleich alt. Trotzdem das unmittelbare Gefühl, dass ich mich der Lächerlichkeit preisgebe.

Da ist eine Lächerlichkeit schon in meinem Auftritt, denke ich, die im Gespräch dann ein allumfassendes Ausmaß erreichen wird, und zwar unweigerlich. Ich, immer die Entschuldigung einem eventuellen Zuspätkommen zuvorkommend im Gesicht, immer in Alarmbereitschaft, immer einen Tick zu jung in Gestik und Mimik. James Abdul wartet schon, ist ruhig, zurückhaltend, bedacht. Ein mehr instinktives als bewusstes Vorgehen: Im anderen das Eigene suchen, das als Gemeinsamkeit benennen und eine Verbindung herstellen, die das Gespräch erleichtert und auch nach oberflächlicher Unterhaltung ein angenehm vertrautes Gefühl zurücklässt. Jede_r ist sich selbst am nächsten. Das ist menschlich, besonders sympathisch ist es nicht. An James Abdul prallt mein Narzissmus wirkungslos ab. Er zwingt mich zum Zuhören. Gut so.
James erzählt, dass er seit Februar in Österreich lebt und über Umwege nach Graz gelangt ist. Hier verkauft er in der Murgasse das MEGAPHON. Das Schlimmste seien die Regentage, sagt er: „Wenn du drin bist, weil du nicht verkaufen kannst und auch sonst nichts machst. Nur warten.“ Ich frage ihn, ob nicht eigentlich die Menschen das Schlimmste sind. Und James schaut mich an, als hätte ich eine unheimlich dumme Frage gestellt, womit er ja auch recht hat: Während ich eine Wut auf das Verdrängen und Wegschauen in mir trage und nach Anlässen Ausschau halte, um sie zu potenzieren, meine Wut, sucht James Abdul genau Gegenteiliges. Und spricht über die Angst: „Früher“, sagt er, „war ich ständig in Alarmbereitschaft. Das ist in Österreich anders. Das ist das Beste daran.“ Und da begreife ich den wesentlichen Unterschied zwischen uns. Ich versuche, einen Konflikt stellvertretend auszutragen. James trägt den offenen Konflikt mit sich: Als ältestes von drei Kindern im Sudan geboren, in Simbabwe aufgewachsen, inmitten eines religiösen Spannungsfeldes. Nun, da er in Österreich ist, hat er den Kontakt zu seiner Familie verloren, weiß nicht, ob seine Schwestern oder seine Mutter noch am Leben sind. Trotzdem sagt er etwas, das mich zuerst in diesem Kontext erstaunt: „I like being myself now.“ Und dass die Nähe zu sich selbst, für ihn auch die Nähe zu Gott, das eigentlich Wichtige sei: „Das Negative lasse ich nicht mehr in mein Leben.“

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