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Robert Bogdán

Von: Clemens J. Setz

ABGEKLÄRT. Seit acht Jahren verkauft der junge Slowake Robert Bogdán das MEGAPHON. Den Standplatz in
St. Peter teilt er sich mit seinem Vater.

Ich habe mich immer für einen disziplinierten Menschen gehalten, aber nach den zwei Stunden, die ich mit Robert Bogdán verbracht habe, ist klar, dass das eine Illusion war. Schon als wir im Freien fotografiert werden, meckere ich darüber, dass es heute aber sehr kalt ist. Robert stimmt mir zu, ja, es ist kalt, aber das hat er jeden Tag. Von früh bis spät. Später erklärt er mir: Es hat doch keinen Sinn, andauernd daran zu denken, dass es kalt ist. Dadurch beginnt man nur zu frieren.
„Ich liebe Graz“ ist einer der ersten Sätze, die er zu mir sagt, während wir auf die Ungarisch-Übersetzerin warten. Seit acht Jahren kommt er immer wieder nach Graz. Hier könnte man leben. Robert Bogdán ist 25, seine Heimatstadt ist Filákovo in der Slowakei an der ungarischen Grenze. Er wohnt in einem VinziDorf-Schlafsaal mit vielen anderen Menschen zusammen; echte Nachtruhe und Privatsphäre gibt es dort nicht. Er steht bei jedem Wetter viele Stunden lang auf der Straße und verkauft Hefte, von denen er jeden Tag meist nicht mehr als zehn loswird. Wie die Menschen ihn behandeln, will ich wissen. Gut, zumindest die meisten. Manche laden ihn auf einen Kaffee ein, sind freundlich zu ihm – bisweilen rührt ihn das, die Güte mancher Menschen.
Das Geld, das er verdient, bringt er in regelmäßigen Abständen seiner Familie in der Slowakei. Für ihn selbst bleibt nicht viel, aber: Hunger gibt es nicht, ebenso wie es Jammern nicht gibt. Es kommt für ihn nicht in Frage, sich zu beklagen. Er erzählt mir seine Geschichte, weil ich ihn nach den Details frage. Von selbst würde er sie niemals jemandem aufdrängen.
Ich gebe es zu: Ich habe erwartet, eine Leidensgeschichte erzählt zu bekommen. Damit, so habe ich geglaubt, kann ich umgehen. So ein Porträt schreibt sich leicht. Aber Robert weigert sich, zu leiden. Es bringt doch nichts, sich zu beklagen, sagt Robert. Wenn ich wütend werde, habe ich nichts gewonnen, wenn ich durchdrehe, auch nicht. Wie bleibst du so diszipliniert?, will ich wissen. Die Übersetzung meiner Frage dauert etwas, die Antwort ist relativ kurz, aber von gro­ßem Gewicht: Von nichts kommt nichts. Ich lächle und sage: Shakespeare, King Lear. Sofort wird mir klar, wie dumm und überheblich diese Bemerkung war, ich schäme mich und laufe rot an. Aber Robert spricht einfach weiter: Es muss eine Hoffnung da sein, mit der man jeden Morgen aufwacht. Wenn man die nicht hat: Na ja (ein Achselzucken). Und welche Hoffnung ist das?, frage ich. Ganz einfach. Hier zu bleiben und eine Familie zu gründen. Und einen eigenen Betrieb zu haben.
Es gibt sie überall, in jeder Stadt der Welt: Menschen, die sich nicht beklagen. Sie sind ein Rätsel für diejenigen, die – wie ich – nicht anders können, als ständig zu jammern. Man denke nur an Literaten im Allgemeinen! Leute, die jahrelang auf irgendeinem Kindheitstrauma herumreiten. Die mit dem Kopf gegen die Wand des Universums anrennen, weil ihnen die Tatsache, dass sie sterblich sind, nicht behagt. Diese vielen, mit nichts als Gemecker verbrachten Stunden ... Und dieses namenlose Nichts, das aus jenem Nichts kommt und einen verschlucken kann, wenn man nicht – so wie ich an diesem Tag kurz vor Weihnachten – von Zeit zu Zeit von einem geduldigen Menschen mit Wirklichkeit übergossen wird.

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