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Ein wunderbarer Ort

Von: Andrea Stift

Emmanuel Oliseh verkauft seit Juni 2010 das MEGAPHON vor dem Sewa in der Annenstraße. Er traf die Schriftstellerin Andrea Stift zum Gespräch.

Wir treffen uns im Auschlössl: Emmanuel Oliseh und ich. Wir kennen uns nicht und sind etwas unbeholfen. Ist es ein Interview? Ist es eine unbefangene Unterhaltung? Wir wissen es nicht, wir stocken uns zögerlich in ein Gespräch und trinken Tee, bis Emmanuel sagt: Was ich wirklich sagen möchte, wofür ich diesen Bericht nützen möchte, und ich denke: Ein guter Moment, mich rauszunehmen. Dieser Text stammt bloß von mir. Er ist für Emmanuel.
Wofür Emmanuel diesen Bericht wirklich nützen möchte, ist, sich zu bedanken. Bei: der Caritas, beim Team des MEGAPHON, bei den Ärzten und Rechtsanwälten, bei der Polizei (bei der Polizei?, ich: ungläubig, voller Vorurteile, – Ja, bei der Polizei!) und bei sämtlichen Österreichern. Sie alle erlebt er als very nice and caring. Dieser Ort ist jetzt meine Heimat, sagt Emmanuel, nicht zu vergleichen mit dem Land meiner Herkunft. In Nigeria ist Leben steter Kampf ums Überleben. In Nigeria, erzählt Emmanuel, kommt die Polizei selten, wenn man sie braucht; und wenn sie da ist, rückt sie bald unverrichteter Dinge wieder ab. In Nigeria sieht man auch keinen Rettungswagen, und falls man doch einen zu Gesicht bekommt, dann liegt darin ein Toter. Immer.
Dass es in Österreich sogar Rettungswagen für Tiere gibt, findet Emmanuel erstaunlich. Haustiere und wie sie behandelt werden: Schatzi, lacht Emmanuel, sagen hier die Menschen zu ihren Hunden und Katzen! Es muss das Paradies sein. Früher musste ich auf der Straße leben, jetzt bin ich gern und freiwillig auf der Straße unterwegs. Es zieht mich hinaus. In Nigeria war ich allein, hier kümmern sich die Menschen um mich. Ich bin ihnen dankbar. Ich fühle mich hier geborgen. Ich habe Hoffnung in meiner Hand und gebe sie nicht auf. Eine Familie habe ich weder da noch dort, doch viele Freunde: hier. Wir verabreden uns im Vorbeigehen. Wir treffen uns mal da, mal dort und überall. Meine Freunde sind meine Familie.
Österreich ist ein wunderbarer Ort: sicher und friedvoll, und ich wünsche mir und allen, die hier leben, dass das so bleibt. Ich spreche gerne mit Euch, ich erkläre auch, wenn Ihr das wissen wollt, warum ich in einem Rollstuhl sitze. Man kann mich anreden: Ich verkaufe diese Zeitschrift in der Annenstraße. Wenn ich nicht da bin, sitze ich im Deutschkurs. Ich habe das Bedürfnis, etwas zurückzugeben. Ich möchte wirklich Danke sagen. Das geht leichter, wenn ich erst mal Eure Sprache beherrsche.
Das ist Emmanuel, und das bin ich. Am Ende dieses Gesprächs sind wir nicht mehr so zögerlich. Wir haben uns miteinander bekannt gemacht. Und ich bin seit langer Zeit wieder einmal so etwas wie zufrieden, in Graz zu leben. Klein. Und very peaceful.

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