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Kein Ende in Sicht

Von: Gabriel Loidolt

WARTEN. Mike Gatta, MEGAPHON-Verkäufer bei der Karl-Franzens-Universität, hat den Grazer Schriftsteller Gabriel Loidolt getroffen. Gedanken über zwei Leben.

Sein Englisch ist fließend, aber ich verstehe trotzdem nur die Hälfte. Seine Muttersprache? „Isekiri“, sagt er.
Mike Gatta kommt aus Nigeria, aus einem Gebiet nahe der inoffiziellen Grenze zu Biafra. Er gehört der Minderheit der Isekiri an, das sind ca. 500.000 Menschen im Meer von gut 150 Millionen, die meisten davon Yoruba, Haussa, Igbo, Kanuri und Fulani.
Über den Biafra-Krieg weiß ich besser Bescheid als er, er ist erst in seinen Zwanzigern und hat nur sechs Jahre Schule hinter sich. Ich wuchs zwar bescheiden auf, aber mit einer Tageszeitung und seit dem Sechs-Tage-Krieg sogar mit einem TV-Gerät – das war auch die Zeit, als der Bürger- und Hungerkrieg in Nigeria begann, der drei Jahre dauern sollte: die Zentralregierung gegen die abtrünnige ölreiche, meist von Christen bewohnte Ibo-Region Biafra – überspitzt formuliert: Muslime gegen Christen.
Ein unfairer Vergleich? Es ging vornehmlich um Öl – Geld kennt keine Religion, aber die Religionen kennen das Geld. Mike Gatta ist Christ. Kein großer Kirchgeher, wie er mir verriet, aber einer, der abends vor dem Schlafengehen in seinem kleinen Untermietzimmer in der Ragnitz mit Gott spricht. Er dankt ihm für das nackte Leben und bittet ihn um Dinge, die für so viele andere Menschen selbstverständlich sind: um echte Arbeit und eine richtige Wohnung – und endlich den positiven Bescheid in Sachen Asylantrag, denn ohne den wird er weiterhin am Universitätsplatz stehen und das MEGAPHON verkaufen müssen. Nach Öster­reich gekommen ist er vor sechs Jahren – in Kanada, so weiß ich, kann man nach drei Jahren eingebürgert werden, dort muss man während der Wartezeit sogar arbeiten. In Österreich ist das verboten … und das erzürnt mich, obwohl ich kein Freund jener guten Menschen bin, für die Ausländer die Guten sind und Inländer die Bösen. Ich schäme mich für solche Einäugigen genauso wie ich mich für die Versäumnisse meines Landes schäme, das den Pfusch auf allen Ebenen als Staatskunst ausgibt. Die Täuschung des Stimmenviehs beginnt schon bei der Wortwahl: Asylwerber aus Afrika sind ganz sicher keine „Zuwanderer“ – die hat es in der Monarchie gegeben, von einem Kronland ins andere. Asylwerber sind auch keine Migranten, sondern potenzielle Immigranten. Und mit solchen Taschenspielertricks hausiert unsere Regierung seit Jahren – diese Lügen vergiften das politische Klima und schaffen zunehmend größeren Raum für rechtspopulistische Ideologien.
Was Mike Gatta in Österreich vermisst? Seine Eltern sind gestorben, umgekommen in einem der vielen regionalen Konflikte. Aber er hat noch eine Schwester. Er weiß aber nicht, wo und wie er sie erreichen könnte. Was er in Österreich liebt? Die Sauberkeit, den Wohlstand. Er möchte auch einmal besser leben, aber dazu braucht er eine Arbeitsgenehmigung. Sechs Jahre warten auf den Asylbescheid – und kein Ende in Sicht!

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