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Keep on singing

Von: Andreas Unterweger

SINGEN. Rose Egbo singt und tanzt – in der Sporgasse, auf dem Hauptplatz, vor der Uni –, wo immer sie das MEGAPHON verkauft. Schriftsteller Andreas Unterweger traf sie zum Gespräch.

Sprechen wir über das, was gut ist. Sprechen wir über die freundlichen, die lieben Menschen. Sprechen wir nicht über das, was der Mann – du dachtest, es sei einer von den Guten, weil er nahe herankommt, dich noch näher winkt – dir ins Ohr gezischt hat. Sprechen wir nicht über Rassisten. Sprechen wir über das, was schön ist – an deinem neuen Leben, hier, in Österreich.
Sprechen wir über das Singen, das Schwimmen, das Fußballschauen – sprechen wir über die Wohnung, die du dir mit einer Freundin teilst. Sprechen wir über die Schokolade, die dir geschenkt wird, die Kärtchen, die CD, die Komplimente … Sprechen wir über die Bücher, die du liest, die Messen, die du hörst, deinen Glauben … Sprechen wir über deine Arbeit hier.
Sprechen wir nicht zu viel, nicht zu lang – du, Rose, singst ohnehin viel lieber. Du bist die MEGAPHON-Verkäuferin, die singt und tanzt. Bestimmt kenne ich dich vom Sehen. Ob ich dir ein Heft abgekauft habe? Weiß ich nicht. Ja, es gibt viele Verkäufer, sehr viele … Aber reden wir nicht davon – sprechen wir lieber darüber, dass du so das Geld für die Miete verdienst.
Sprechen wir über dich, Rose: Rose Egbo, geboren 1981 in Benin City, Nigeria – seit 2006 in Österreich. Sprechen wir nur über dein Leben hier, dein „neues Leben“ – und nicht über dein altes, in Nigeria. Oder gar über das, was dich daraus vertrieben hat. Wir sprechen über nichts, worüber du nicht reden willst – versprochen. Sprechen wir nicht mehr über das, was war.
Sprechen wir lieber über das, was sein wird. Dein Bürojob etwa. Davor: Erteilung der Aufenthaltsbewilligung. Davor: Abschluss des Sprachkurses, den du dir selbst bezahlst. Sprechen wir nur über dieses eine mögliche Zukunftsszenario, kein anderes. „I will NOT go back“, sagst du – und hoffst dabei auf Gott. Sprechen wir über Hoffnung, nicht über Angst.
Sprechen wir über das, was gut ist: das Bad zur Sonne; ein Sieg von Arsenal; ein Gospel, den du im Sonnenschein singst. Sprechen wir über die lieben Leute hier – nicht über das, was uns die Angst ins Ohr zischt. Sprechen wir über deine Hoffnung, Rose, dein Lächeln. Man muss stark sein, man muss immer lächeln, sagst du. Und (zu mir? zu dir selbst? zu uns beiden?): „Keep on singing.“

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