STRASSENMAGAZIN/Verkäufer/So ist es gewesen/
drucken drucken 

So ist es gewesen

Von: Helwig Brunner

WAHRHEIT(EN). Der Nigerianer Emeka Agba Eleven erzählt seine Geschichte genau – und will genau verstanden werden. Der Grazer Schriftsteller Helwig Brunner hat ihm zugehört.

Manchmal während unseres Gesprächs wiederhole ich in eigenen Worten, was Emeka soeben berichtet hat, sehe ihn zustimmend nicken oder folge ihm, wie er richtigstellt, ergänzt, den Faden fortführt. Wo Afro-Englisch auf eingerostetes Matura-Englisch trifft, gelingt Verständigung nicht von selbst. Emeka fragt, ob alles stimmt, was ich notiere. Ich schreibe nur auf, was ich genau verstanden zu haben glaube. Doch der feine Haarriss, der jede Erzählung vom realen Leben trennt, wird wohl umso tiefer, je näher sie ihm zu kommen bemüht ist.
Emeka erzählt ruhig und geordnet: 1974 wird er geboren, hinein in eine intakte, doch gefährdete Kindheit. Vier Mädchen und vier Buben gibt es, nein, gab es in der Familie. Ein Bruder ist schon vor Emekas Geburt in einem bewaffneten Konflikt zu Tode gekommen, ein anderer gerät beim Löschen eines Brandes in den Stromkreis eines offenen Kabels. Eine schwangere Schwester, verhasste Katholikin im radikal-islamischen Norden, stirbt im Spital nach einer falschen Injektion – nicht zufällig, wie Emeka überzeugt ist. Und dann werden die Eltern, auf der Reise zur Hochzeit einer weiteren Schwester, aus dem Bus geholt, nach ihrer Religion gefragt und erschossen.
Ich habe Wikipedia-Wahrheiten im Kopf: Nigeria ist der bevölkerungsreichste Staat Afrikas. Korruption bringt das Land um den Wohlstand, den es angesichts seines Erdölreichtums genießen sollte. Die kulturelle und gesellschaftliche Vielfalt mit fünfhundert Sprachen, zahlreichen Religionen und einem zersplitterten Parteiensystem krankt an radikalisierten Gegnerschaften. Das weltweit repressivste Anti-Homosexuellen-Gesetz gilt hier, das in einigen Landesteilen den Tod durch Steinigung vorsieht. Vielfach herrschen unwürdige Lebensbedingungen für Kinder, was in einer hohen Zahl von Aids-Waisen, weit verbreiteter Kinderarbeit und im Einsatz von Kindersoldaten zum Ausdruck kommt.
Als junger Mann arbeitet Emeka als Hausdiener. Religiös motivierte Unruhen prägen das politische Umfeld. Emeka beteiligt sich an Demonstrationen, gerät ins Visier der Polizei und in Lebensgefahr. Er reist in die Hafenstadt Lagos, taucht in der Menge unter, verlässt Nigeria per Schiff in Richtung Europa. Dort wird er im Lastwagen mitgenommen und gelangt nach Österreich. Er wird als Asylwerber anerkannt. Als er das Erstaufnahmelager verlassen muss, beherbergt ihn vorübergehend die Caritas, dann eine Glaubensgemeinschaft. Emeka arbeitet als Zeitungsausträger und MEGAPHON-Verkäufer. Durch seine Heirat mit Jolana, einer slowakischen Altenhelferin, bekommt er ein Touristenvisum für Österreich. Alle drei Monate muss er seither ausreisen; dies macht den Job als Zeitungsausträger unmöglich. Erst wenn Jolana ständige Arbeit in Österreich findet, könnte auch Emeka hier sesshaft werden. Nichts wünscht er sich mehr, als selbst einer nützlichen Arbeit nachzugehen und sich eine Existenz aufbauen zu dürfen, solange er jung und seine Zuversicht ungebrochen ist.

Kommentar erstellen

Zu diesem artikel sind noch keine Kommentare vorhanden

MEGAPHON behält sich das Recht vor, veraltete Beiträge ebenso zu entfernen, wie Beiträge, die rechtlich bedenklich oder politisch unkorrekt sind, und kontrolliert in unregelmäßigen Abständen den Inhalt. Dennoch übernimmt die Redaktion für den Inhalt der einzelnen Kommentare keinerlei Verantwortung!

Weiterführende Informationen unter:

MEGAPHON, Auschlössl
Friedrichgasse 36, 8010 Graz
Tel: 0316/8015 650
Fax: 0316/81 23 99
megaphon@caritas-graz.at
www.megaphon.at/de/strassenmagazin/verkaeufer/170/