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Djokovićs Tennisball

Von: Reinhard Lechner

Biografie ist die intime Binnensicht des Subjekts, sie zeigt sich in einer einzigartigen Erfahrungsaufschichtung, meint der deutsche Pädagoge Peter Alheit. Unsere Geschichten formieren sich ähnlich wie die Lebensläufe unserer Kleider: Wir können nicht vorhersagen, was wir tragen und mit wem wir die Waschmaschinen teilen werden.

Biografie ist die intime Binnensicht des Subjekts, sie zeigt sich in einer einzigartigen Erfahrungsaufschichtung, meint der deutsche Pädagoge Peter Alheit. Unsere Geschichten formieren sich ähnlich wie die Lebensläufe unserer Kleider: Wir können nicht vorhersagen, was wir tragen und mit wem wir die Waschmaschinen teilen werden. Die Trommel wirbelt die Stücke durcheinander, Langarme von Blusen und Hemden verknoten sich, Sockenpaare werden getrennt.
Woher kommst du, John? Aus Nigeria, ich lebe seit 2004 in Österreich. John trägt Flip-Flops, eine graue Dreiviertelhose, ein T-Shirt und seine Kappe. Meine Geschichte ist lang, nicht alles erzähle ich gerne. Er besaß Land, auf dem er verkaufte; aber Leute mit Macht sagten, es sei nicht sein Land, also könne er darauf nicht verkaufen. Wie denkst du über die Menschen in Österreich? Sie sind sehr fürsorglich. Die meisten sind gut. Von den wenigen schlechten spuckte ihm einer ins Gesicht, 2005. So sind sie, überall auf der Welt: gut und schlecht. Und MEGAPHON? Das MEGAPHON hilft sehr, es holt dich aus deinen vier Wänden heraus. John steht am Lendplatz vor dem Billa. Er merkt sich jedes der Gesichter, die um eine Zeitschrift zu ihm kommen. Vor allem Frauen kaufen MEGAPHON, bestimmt siebzig Prozent sind Frauen. Wo bist du zu Hause, John? Hier in Österreich, hier habe ich meine Frau kennengelernt und geheiratet, 2006. Wir sitzen unter dem Baum im Grazer Volksgarten, wo sich die beiden das erste Mal trafen. Ich soll ihr an der Stelle danke für alles sagen: danke, Oktavia. Was bedeutet dir Literatur, liest du Romane und Gedichte? Nein, ich sehe mir lieber Filme an oder lange Tennismatches. Der Serbe Novak Djokovic´ gefällt mir. Match Point, ein Film von Woody Allen, beginnt mit einem Tennisball – er schlägt in Zeitlupe auf der Netzkante auf und springt senkrecht in die Höhe; dann wird das Bild angehalten, es bleibt offen, in welches Feld er fallen wird. Über Ballwechsel, über Hinhalten und über das Glück, das unsere Filzkugeln benötigen, weiß John Bescheid. Er holt eine Karte aus der Geldbörse, zeigt sie mir und lächelt. Ein Stück Plastik, auf dem steht, dass er in Österreich bleiben kann. Johns Tennisball schlug 2004 auf der Kante auf, stand von 2004 bis 2011 in der Luft, um 2011 schließlich ins Feld des Gegenübers zu fallen. „Besonders schwer wiegen Gedichte nicht“, heißt es in einem Gedicht von Hans Magnus Enzensberger. „Solange der Tennisball steigt, ist er, glaube ich, leichter als Luft.“ Djokovic´s Tennisball. Johns Tennisball.
John sitzt auf seiner Erfahrungsaufschichtung. Er hat mich eingeladen, neben ihm Platz zu nehmen, auf seiner Geschichte, seinem Berg Kleider, die er getragen hat, verknotet und verwirrt mit den Stücken anderer, ganz unten ein Tennisball, die Geschichte seiner Welt, etwas, das drückt, erinnert. Nach oben ist uneingeschränkt Platz.

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