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Prince aus Owerri

Von: Valerie Fritsch

Wir begegnen einander an einem endlosen Sommertag, bevor es regnet und der Himmel über sich hinauswächst. Es ist kein Gespräch, aber eine Danksagung.

Prince Duru hat tanzende Hände und ein Gospelsingerherz, und wenn er spricht, spricht er mit einer unaufhörlichen Inbrunst: von der Welt. Die Welt beginnt in den geheimen Religionskriegen Nigerias und endet im Pflastersteinchaos der Sporgasse und den Wochenendstunden am Lendplatz. Wenn die Mütter getötet werden von wütenden Moslems und die Menschen sterben und man sich kaum erinnern kann, woran, verlässt man sein Land nicht, um wiederzukommen. Wenn die Probleme groß werden und die Hoffnung klein, geht man, um anzukommen. Wenn man keine Demütigung erfährt, aber Hilfe, lernt man eine stolze Demut. Wenn den  schlechten Zeiten gute Menschen folgen, kann man herzhaft lachen.
Der Mann aus Owerri kommt 2001 nach Europa und verkauft drei Jahre später das MEGAPHON an den Straßenecken Graz’ mit blitzenden Zähnen.  
Es ist kein Gespräch, aber eine Danksagung. Es ist eine Lobrede und ein eigens erfundenes Gelöbnis, dem das Pathos ernst ist. Prince dankt der Regierung und der Landesregierung, den Helfern und der Caritas, dem MEGAPHON und jenen, die ihn kennen. Er dankt Gunter Schelling, der erst jahrelang Zeitschriften bei ihm kauft und, als er kein Asyl erhält, für ihn bürgt, ohne ihn zuvor je kaum mehr als herzlich gegrüßt zu haben. Er dankt den wildfremden Menschen auf den Straßen, die ihm Zehn-Euro-Scheine zustecken, um einen Anwalt zu bezahlen, und ihm Glück wünschen. Er dankt der Polizei, die Acht gibt auf die Ruhe seines Verkaufsplatzes und die Sicherheit in den überhitzten Stunden. Er gelobt, niemals etwas Böses zu tun und im Gefängnis zu enden, und er gelobt, die Gesetze des Landes, das so ein schönes ist, zu befolgen. Er gelobt, eine Familie zu gründen und Gospel zu singen, um die Menschen glücklich zu machen. Er singt gegen die Sorgen, weil er sie kennt und: die brunnentiefen Falten, die sie machen.
In seinem Leben ist man vierundzwanzig Stunden am Tag zuhause und um sein Schicksal muss man sich bemühen.
Prince lacht. Die Vergangenheit wird nie wieder kleiner, aber die Zukunft voll von Wünschen. Die Staatsbürgerschaft und Arbeit fehlen, aber das Englisch ist blitzschnell und elegant und das Deutsch einwandfrei. Die Musik und das Wissen rebellieren im Kopf und nach zehn Jahren in Öster­reich sagt er heute politisch: I’ve done everything I could to be integrated in this country, the one thing that’s left is that the country integrates me.

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