STRASSENMAGAZIN/Verkäufer/John Okeke/
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„Grüß Gott, Andritz!“

Von: Friederike Schwab

ZUKUNFT. John Okeke bekam die meisten Stimmen: Seine KundInnen vor dem Billa-Markt in Andritz haben ihn zum MEGAPHON-Verkäufer des Jahres 2011 gemacht.

Einige Schritte durch den Augarten, John Okeke spricht ein wenig Deutsch, ich erinnere mich an mein Englisch. Um miteinander bekannt zu werden, ist das ganz gut so. So holpern wir beide wechselweise, ohne ängstlich oder verlegen zu werden.
John Okeke weiß genau, was er schreiben würde, und wundert sich, dass ich über ihn schreibe.
„Mit ‚Grüß Gott, Andritz!‘ müssen Sie beginnen, das sind die Leute, die mich zur Nummer 1 im MEGAPHONVerkaufen gewählt haben. Denn gewählt wird man für die Freundlichkeit,
das Entgegenkommen, die Kontaktfreude.“ In Andritz, seinem Verkaufsbereich, leben sehr liebe und freundliche Leute, die täglich beim Billa vorbeischauen, um mit ihm zu plaudern, um ihre Probleme mit ihm zu diskutieren. „Schwierigkeiten mit einem Ehepartner oder mit Kindern, auch anderes – die Menschen in Österreich sind sehr mitteilsam.“ Ich denke an Erwin Ringels Buch über die österreichische Seele, daran, dass wir uns selbst nie genug fremd sind, um uns selbst erkennen zu können. Dass wir uns aber gern als fremd Gewordene bemitleiden. „Als Fremder“, erklärt mir John, „sieht man ein Land besser.“ Bis auf wenige Ausnahmen, die das MEGAPHON-Verkaufen nicht schätzen oder grundsätzlich gegen Afrikaner seien, begegnen ihm hier freundliche Menschen. „Die wenigen,
die mich nicht hier haben wollen“, sagt er, „das sind so wenige.“ Er zeigt mir das mit dem kleinen Finger. „Das ist normal, wirklich.“ Wichtig sei für ihn, dass die Leute ihn nicht mit Geldspenden trösten, sondern dass sie die Zeitschrift kaufen und lesen. Sehr viele Exemplare kann er monatlich absetzen. Ob er sich für Politik interessiere, frage ich. Er nickt. Hier sei es gut, hier herrsche Demokratie. Österreich sei seine Heimat. Er ist sich dessen ganz sicher. Freunde zu finden, eine Familie, das brauche Zeit. Vergessen würde er die Vergangenheit nie:
seinen Vater und all die anderen, über die er beharrlich schweigt. Sobald ich versuche, näher an seine Ausreise heranzukommen, an die schwierigen vier Monate bis zum Bescheid, vorübergehend
in Österreich bleiben zu dürfen, an afrikanische Kontakte in seinem Umfeld Graz, lenkt er mein Interesse rasch Richtung Zukunft: denn sieben Jahre lebe er nun schon hier, das allein zählt. Um ein Bleiberecht für immer habe er bereits angesucht.
Johns Muttersprache im östlichen Teil von Nigeria ist Ibo, er buchstabiert es. Seine Ausbildung und sein Beruf als Apotheker werden hier nicht anerkannt. In Österreich möchte John Okeke alles Mögliche angehen, als Anstreicher, Bauarbeiter oder Gärtner könnte er arbeiten. Er ist körperlich stark. Aber er muss sich langsam heranarbeiten an unsere Sprache. „Du lernst, indem du mit den Leuten redest?“, frage ich ihn. „Ja. Schwierige Sprache.“„Helfen dir die Behörden? Wer hilft dir?“ Wie rasch bei mir die Angst da ist, gelinde gesagt: das Misstrauen in staatliche Einrichtungen. „Was du gut nennst“, erkläre ich ihm, „ist für uns Sorge, ob sich das Gute wohl als nachhaltig erweist. Dass es bleibt, verstehst du? Soll ich über besondere Wünsche schreiben, über etwas dir Wichtiges?“ „Sie müssen schreiben: ‚Grüß Gott, Andritz!‘, denn das ist mein Bereich, so viele freundliche Menschen haben für mich gestimmt, und das hat sieben Jahre gebraucht. Zuerst war ich Nummer 2 und jetzt, seit Kurzem, bin ich Nummer 1 der MEGAPHON-Verkäufer für das Jahr 2011. Sie werden das schon richtig schreiben.“
John Okeke bringt es fertig, dass ich mich plötzlich berauschen kann an der Zukunft, die sich wie ein Schatz auf dem Kaffeehaustischchen zwischen uns häuft, das Quäntchen Misstrauen und verborgene Angst meinerseits werden vorläufig unter den Wurzeln der Augartenwiese begraben. Die alten Bäume werden schon weiterwachsen. Ich vergesse sogar, nach Johns Alter zu fragen, scheint es doch, als gäbe es nur die Gegenwart. Ich hätte ihn gern porträtiert. Nicht gemalt, sondern gezeichnet. Ich bin Malerin, erkläre ich ihm. John Okeke streckt mir abwehrend beide Hände entgegen und schüttelt seinen Kopf.
Und natürlich lacht er dabei.

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