STRASSENMAGAZIN/Verkäufer/Mohammed Ibrahim Mouse/
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Und hiner tausend Stäben keine Welt

Begegnung in Bruck. Die Autorin Margit Kuchler-D'Aiello trifft Megaphon-Verkäufer Mohammed Ibrahim Mouse.

Wir treffen uns auf dem Hauptplatz in Bruck an der Mur. Stillstehende Karusselle leuchten in der Novembernachmittagssonne. Mohammed Ibrahim Mouse wartet mit ein paar seiner somalischen Landsleute und dem Fotografen auf mich. Er lächelt freundlich und sieht heiter und gelungen aus wie dieser Nachmittag im November. Aber wie man ja weiß, trügt der Schein – fast immer. Schon auf dem Karussell neben dem rosaroten Pferdchen, vor dem wir für den Fotografen posieren, wird seine Miene ernster.

Auf Englisch gibt er mir erste Informationen über seine Person, vorläufig sind es noch recht harmlose Eckdaten. In dem Zimmer der Caritas, das uns für das Gespräch zur Verfügung gestellt wird, verdichten sich seine Worte und werden flüssiger. Er spricht nun in seiner arabischen Muttersprache, die mir ein Dolmetscher ins Englische übersetzt. Mohammeds Dolmetscher und Zimmergenosse ist kriegsversehrt, es fehlen ihm der linke Unterarm und zwei Finger an der rechten Hand. Die rechte Hälfte seines Körpers sei gar nicht vorhanden, sagt er sachlich und ohne jede Emotion.

Ich starre auf seinen schmalen Oberkörper, die versehrte Seite. Somalia ist eines der ärmsten Länder der Welt. Im von einer Interimsregierung (un)geführten Land herrschen Bürgerkrieg und Anarchie. Mohammeds Versehrtheit hingegen ist nicht sichtbar, sie steht nur auf dem ärztlichen Befund, den er aus seiner Dokumententasche zieht. Sein linkes Auge ist bei einer Explosion während seiner Arbeit als Kameramann erblindet. Sein rechtes Auge kann jederzeit die Sehkraft verlieren.

Er habe die verlorenen Kinder und Jugendlichen in Somalia gefilmt, als der Sprengstoff explodierte und den Körper eines seiner Kollegen in Fetzen riss. Immer wieder schrecke Mohammed auf in der Nacht und sehe seinen in Stücke gerissenen Freund. Dann lasse die Panik sein Herz rasen. Ohne Medikamente könne er nicht mehr schlafen. Nun ist er seit drei Jahren in Österreich, wo er in Mürzzuschlag lebt. Hier ist Frieden. Sagt er. Österreich ist ein freies Land. Fügt er an. Und trotzdem fühle er sich zwischendurch wie im Gefängnis. Weil er noch immer kein Asyl habe und seine Möglichkeiten darum extrem eingeschränkt seien. Wenn er keine Megaphonmagazine verkaufe, besuche er zwei Mal in der Woche einen Deutschkurs. Ansonsten.

Er macht eine wegwerfende Handbewegung, und mir fällt wieder einmal der berühmte Satz von Rilkes Panther ein:
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
Und hinter tausend Stäben keine Welt.

Aber Mohammed Ibrahim Mouse, lässt die Hoffnung nicht fahren. I trust in god, sagt er nun selbst auf Englisch. It’s God who keeps him going on, fügt sein Übersetzer hinzu. Und mit diesem Gottvertrauen wird Mohammed weiterhin freundlich lächelnd vor einem Kaufhaus oder in einer Geschäftspassage stehen, die Megaphone in der Hand, sein inneres Aug’ auf die Zukunft gerichtet.

Margit Kuchler-D'Aiello
Geboren 1962 in Bruck an der Mur. Sie studierte Sprachen in Graz, lebte mehrere Jahre in Süditalien, wo auch ihre Tochter geboren wurde. Heute arbeitet die Autorin als Trainerin in der Erwachsenenbildung. Kuchler-D’Aiello erhielt verschiedene Literaturpreise und –stipendien. Veröffentlichung von Prosatexten und Lyrik in diversen Literaturmagazinen. Romane: "Portrait eines Balkonsitzers","Ein Mundwerk für Nellja".

Weiterführende Informationen unter:

MEGAPHON, Auschlössl
Friedrichgasse 36, 8010 Graz
Tel: 0316/8015 650
Fax: 0316/81 23 99
megaphon@caritas-graz.at
www.megaphon.at/de/strassenmagazin/verkaeufer/188/