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Extrem

Die Autorin Andrea Wolfmayr über Megaphon-Verkäufer Osagie Kevin.

Solche Geschichten mag man gar nicht mehr glauben, wir sind überfrachtet, aus den Medien. Dass du nun einem gegenüber sitzt, der das alles erlebt und überlebt hat: Brindisi. Nicht die Boat People-Sache mit den Kuttern, im Gegenteil, im Rumpf eines Schiff, bei Brot und Wasser. Und dann Lager. Dieses Lager, ein nächstes. Irgendwann hör ich auf, genau zu hören, mitzuschreiben, wie ich‘s sonst immer tu. Mit dem Kuli, den mir meine Mama geschenkt hat. Zur Promotion, jetzt ist sie tot. Seine Mama lebt noch, glaubt er, irgendwo im Süden von Nigeria, von wo sie ihn weg gegeben haben, as a child, weil das Essen nicht mehr reichte.
Später dann war er in einem Zimmer mit 20 Leuten, in einem Zelt mit vielen Männern. Die üblichen Stockbetten, die üblichen Anträge, wir kennen das, wir wissen alles. Wie er es geschafft hat, raus zu kommen, warum nach Graz, frage ich. Mein Schulenglisch hilft nicht, holpert, stolpert, versagt. Ich spräche gut, behauptet er, eine Lüge, eine Schmeichelei, ich spreche viel zu schlecht, aber sein nigerianisches Englisch ist auch nicht leicht zu verstehen. Kevin ist 20. Und allein in der Welt. Es ist schwer, dem zuzuhören, was er erzählt. Es quält. Und er schaut…- wohin schaut er, wie ist das noch mit der Körpersprache, rein psychologisch. Wohin gehen seine Blicke. Er schaut in eine Vergangenheit, die nicht weit weg ist, für ihn nicht, für uns nicht, schaut in eine unsichere Zukunft. Schräg nach rechts unten. Ich höre auf nachzufragen. Ich kann sowieso nicht aushalten, was er sagt. Irgendwann red nicht mehr zwischen, lass den Erzählstrom wirken, seine leise Stimme. Das Augenweiß wird gelblich, der grad noch fröhliche junge Mann sackt ab in Untiefen. Sein T-Shirt: Grünes Camouflage, ein Piraten-Totenkopf mit gekreuzten Schwertern. Ein junger Mann, Asylant, wie oft haben wir Menschen wie ihn gesehen. Wir kennen solche wie ihn.
Er hat kürzlich einen Freund gefunden in Graz, der hat ihn angesprochen, ihn sogar in seine Familie mitgenommen. Die sind total nett zu ihm. Er liebt sie. Und ein paar Worte Deutsch spricht er schon. Er wollte eigentlich Ingenieur werden, chemical industry, mathematics interessiert ihn. Aber - no money. Von Anfang an. No money, no chance. Sie waren zu viele Kinder, schickten ihn zu auntie, mit 12. Die Tante hatte ein Baby, ihrer Familie ging es besser als seiner. Alles Christen. Jeden Sonntag waren sie in der Kirche, St. Theresia! St. Theresia Public Church! betont er, als müsse jeder diese Kirche kennen. Es war an einem Sonntag, das Baby hatte einen Fleck an der Kleidung, war er schuld oder hatte sich das Baby schmutzig gemacht, ich hab‘s nicht mitgekriegt, er sprach so schnell, so leise. Er wurde nachhause geschickt, er sollte den Fleck herauswaschen und wiederkommen. Er ging. Plötzlich Riesenlärm. Überall Polizei, er durfte nicht durch, what’s happened? Ein Bombenanschlag. Moslems gegen Christen. Überall Leichenteile. Aber seine Tante, das Baby! Sie wurden ihm gezeigt, sie zogen die Decke weg, da waren sie, die Tante, das Baby, tot. Alle tot. Und niemand mehr. Brothers and sisters, parents, alle im Süden, seit der Kindheit nie mehr gesehen. Er allein, ganz allein. Er wollte weg von diesem Ort, weg aus Nigeria. Er war 18.
Wie man sieht, gelang es ihm. Sein Spirit, er klopft sich gegen die Brust, sagt ihm, dass er seine Mum eines Tages wiedersehen wird. Er kann sich’s nicht vorstellen  - er schüttelt den Kopf, wieder und wieder. Aber irgendetwas lässt mich sagen: You WILL see her again!, denn er WIRD sie wiedersehen, er wird seine Heimat wiedersehen und es werden andere politische Zustände herrschen, Zustände, in denen die Bewohner eines Landes auch Arbeit bekommen, eine Heimat, ein Zuhause. Eine Zukunft, in der Kinder keine Angst haben müssen vor Vertreibung, Verschenkung, Raub, Mord. Eine ganz „normale“, sichere Zukunft. Wenigstens so „sicher“ wie unsere, die österreichische, die europäische.
Ich weiß, man kann das nicht vergleichen. Wie wir leben, wie wir sind. Zwei verschiedene Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen, verschiedenen nationalen und politischen Situationen. Kevin und ich, extremer geht’s nicht. Aber ich denke: Man kann uns DOCH vergleichen. Uns nebeneinander stellen. Das kann man.

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Andrea Wolfmayr,Geboren 1953 in Gleisdorf. Studierte Germanistik/Kunstgeschichte in Graz mit Abschluss 1998, arbeitete freiberuflich, dann als Buchhändlerin,1999–2006 im Österreichischen Nationalrat und seit 2007 im Grazer Kulturamt.
Hat eine erwachsene Tochter und ein Enkelkind, ist verheiratet und lebt in Gleisdorf.
Veröffentlichte Romane und Kurzprosa in verschiedenen Verlagen, Literaturzeitschriften, Journalen, Zeitungen und im ORF.
Div. Preise und Stipendien. Ihr nächster Roman „Weiße Mischung“ ist eben in der edition keiper, Graz erschienen.

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