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Warten auf Evelyn

Von: Mirella

Die Verkäuferin Evelyn Osaigbovo trifft die Journalistin und Autorin Mirella Kuchling.

Endstation Auschlössl? Nein, ein neuer Anfang. Wir warten: Arno, der Fotograf, und ich. Mineralwasser befeuchtet unsere Kehlen. Das Wetter kann in Afrika nicht gnadenloser sein… Noch ist die Wiese grün, an manchen Stellen aber verdorrt das Gras … Die Kellnerin mustert uns, sie vermutet wohl ein Blind Date.

Der Mann viel zu jung. Die Frau …? Wir warten noch immer, stumm. Nach zehn Minuten plaudern wir dann aber doch angeregt, die Kellnerin zweifelt an ihrer Menschenkenntnis. Und dann steht Evelyn plötzlich vor uns …

Vier Monate ist Evelyn in Österreich. Graz gefällt ihr. Sie kam nach ihrer Familie hierher und ist eng in den Kreis ihrer Verwandten und Bekannten eingebunden.

Evelyn steht täglich – morgens und abends – in der Lange Gasse und verkauft das Megaphon. Die meisten Menschen sind freundlich, sprechen mit ihr, möchten  wissen, woher sie kommt. Wenn Evelyn frei hat, sitzt sie  am liebsten auf einer Bank im Augarten und lässt die Seele baumeln. Sie liest christliche Literatur und singt Gospels im Kirchenchor.

Evelyn ist klein, scheu. Einmal in Fahrt aber schwer zu bremsen. Die Österreicher können so schlecht Englisch, meint sie. Sie wären nämlich so stolz auf ihre Sprache. Zu spezialisiert. Es ärgert sie, wenn die Menschen nachfragen oder nichts verstehen. Evelyn möchte daher so schnell wie möglich Deutsch lernen, ein paar Wörter kann sie bereits und täglich werden es mehr …

Liegende Steine – unsere Fotolocation. Riesige Mur-nockerln, die das Kulturhauptstadtjahr 2003 an Land gespült hat. Zuerst in der City, danach im Augarten.

Angekommen. Wenn Steine Wurzeln schlagen könn-ten, hier wäre der richtige Platz … Kinder springen von Stein zu Stein, erzählen von Dinosaurier-Eiern. Hunde verdrücken sich scheu oder selbstbewusst dahinter. Wir stehen vor den Steinen, hinaufzuklettern ersparen  wir allen Zuseherinnen und Zusehern, es wäre – trotz angebotener Räuberleiter –wahrscheinlich eine ziemli-che Blamage. Und möglicherweise alles andere als ein schöner Anblick.

Yamoussoukro heißt die Hauptstadt der Elfenbeinküste. Nigeria hatte viele Hauptstädte, die vierte und noch immer aktuelle heißt Abuja. Evelyns Nachname lautet Osaigbovo. Ungewohnt für unsere Ohren. Evelyn steht damit aber nicht allein: meinen Nachnamen muss ich auch immer buchstabieren. Dabei stammt er aus dem benachbarten Bundesland …
Nigeria besitzt eine Literaturszene, die international aufhorchen lässt. Wole Soyinka nahm 1986 als erster Vertreter der afrikanischen Literatur den Nobelpreis ent-gegen. Chinua Achebe erhielt 2002 den Friedensnobelpreis des Deutschen Buchhandels. Vielleicht schreibt
auch Evelyn eines Tages ein Buch und erzählt all jene Geschichten, die hinter ihren Augen stehen.

*****

Mirella Kuchling,geb. 1969 in Graz, lebt und arbeitet in der steirischen Landeshauptstadt. Autorin der
„Literarischen Spaziergänge durch Graz“ (Steirische Verlagsgesellschaft, 2004).
Nach „Frauenzimmer unmöbliert“ (2011) präsen-tiert sie am 20. September den zweiten Band „Frauenzimmer teilmöbliert“ in der Edition Keiper.

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