STRASSENMAGAZIN/Verkäufer/Stephen Uruwah/
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Nichts zu lachen

Autor porträtiert Verkäufer.
Diesmal Wolfgang Pollanz über Stephen Uruwah.

Ob Stephen Uruwah in seinem Leben immer viel zu lachen hatte, bezweifle ich. Aber als wir gemeinsam mit dem Fotografen Christopher nahe der Karlauerstraße nach einem geeigneten Platz für ein Foto gesucht ha-ben und es um den passenden Hintergrund ging, habe ich irgendwann den Scherz gemacht, es werde wohl ein Black-and-White-Foto werden, und dabei habe ich gar nicht an unsere Haut-, sondern vielmehr an unsere Haarfarben gedacht. Dann haben wir beide herzhaft gelacht.

Vielleicht ist es sein Glaube, der Stephen die Zuversicht gibt. Er ist Mitglied der Pentecostal Church und leitet dort den Chor, gesungen wird beim Gottesdienst, bei Hochzeiten – African Gospel, Kirchenlieder. Und jetzt hat Stephen eine CD aufgenommen. Er würde zwar gerne seinen erlernten Beruf als Mechaniker ausüben („Mercedes specialist“, nennt er sich selbst stolz), aber noch lieber würde er ein Superstar werden. Die CD sei der erste Schritt dazu.

Leider habe ich bei unserem Treffen nur kurz in sie hineinhören können, weil Stephen nur eine Kopie dabei hatte, und auch das Cover war nur ein erster Entwurf, „God’s Promise Has Come To Pass“ war darauf zu lesen, und „chosen generation“.

Die Österreicher brauchen einfach mehr Unterhaltung. Vielleicht, so hofft er, gäbe es in anderen europäischen Staaten mehr Interesse an seiner Musik, vielleicht in Deutschland, dort sei nicht alles so auf sich selbst und das Österreichische fixiert wie hier. Aber er glaubt fest daran, dass sich das eines Tages ändern wird, wenn es auch in diesem Land eine, wie er sagt, mixed up society geben werde, in der die Menschen einander als Menschen sehen und begegnen, nicht als Angehörige eines bestimmten Volkes, einer bestimmten Rasse.

Graz, das sei möglicherweise nur eine transit station in seinem Leben, auch wenn er sie als homebase eigentlich sehr schätze. Hier sei es friedlich, ruhig, sicher. Und die Polizei, sagt er, mache einen guten Job. Nicht so wie in seiner alten Heimatstadt Benin City, aus der er 2009 nach Österreich gekommen ist. Auch er selbst sei schon durch viele Stationen gegangen, in verschiedenen Berufen, in verschiedenen Leben, zuerst in Nigeria, jetzt in Österreich.

Auch in den nächsten Wochen wird Stephen wieder auf seinem Stammplatz in Straßgang stehen und das Megaphon verkaufen. Und wenn ihn dann wieder einmal ein besonders netter Zeitgenosse – wie es ihm schon passiert ist – mit schlimmen Schimpfwörtern bedenkt,  wird er sein Lächeln behalten. Auch wenn er möglicher-weise nicht immer etwas zu lachen hat.

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Wolfgang Pollanz,geb. 1954 in Graz, lebt in Wies, Steiermark. Seit 1989 Herausgeber der »edition kürbis«, seit 1998 von »pumpkin records«. Als Schriftsteller mit verschiedenen Preisen ausgezeichnet. Zahlreiche Veröffentlichungen (Romane, Prosa, Gedichte sowie Texte in Literaturzeitschriften und Antholo-gien), Verfasser von Theaterstücken und Hörspielen. Nach „Von Reisen” (2011) erschien im September 2012 ebenfalls in der Edition Keiper  „Felden. Ein Roman”.

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