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Das Schweigen und die Ferne

Von: Ernst Marianne Binder

Autor portraitiert Verkäufer. Ernst Marianne Binder über Petru Cāldārar.

Ein frühherbstlicher Tag. Die Mittagssonne strahlt fröhlich und guter Dinge von einem preußisch blauen Himmel. Petru kommt in Begleitung eines Dolmetschers zum vereinbarten Treffpunkt. Ich habe mir gewünscht, einen Rom zu portraitieren und mich akribisch darauf vorbereitet. Mein Fragenkatalog liegt auf dem Tisch, wir schütteln uns die Hände und setzen uns in den Schatten.

"Petru kann nicht sprechen", beginnt Ion, der Dolmetscher, das Gespräch. "Das kann ja heiter werden", denke ich. "Sind Sie gehörlos?", frage ich Petru, ohne dass ich mir etwas dabei denke. Der schüttelt den Kopf, als ob er mich verstünde. Ion klärt das Missverständnis auf. Petru ist seit einem Schlaganfall vor anderthalb Jahren halbseitig gelähmt. Die Sprache komme erst langsam wieder. "Ich verstehe ihn oft auch nicht." Wenn es etwas Bürokratisches zu erledigen gebe, dann würde seine Frau übersetzen.

Petru und Ion sind Freunde. Beide so um die fünfzig, haben sie ihre Kindheit in Resita verbracht, einer kleinen rumänischen Industriestadt im Banat. Bis in die 60er-Jahre sind hier vor allem Dampflokomotiven erzeugt worden. Nun, nach der Revolution, liegt alles darnieder. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, und wenn man einen Job hat, frisst die Inflation den Lohn auf. Die Deutschstämmigen, die mehr als 60 Prozent der Bevölkerung ausgemacht haben, sind alle nach Deutschland; zurückgeblieben sind die Alten und die Kranken. Die versuchen sich mehr schlecht als recht durchzuschlagen. Wer kann, haut ab.

Petru ist seit 20 Jahren auf der Suche nach einem neuen Zuhause. Zuerst Deutschland, dann zurück nach Rumänien, wieder Deutschland, dann Italien. Dort wird vor 16 Jahren sein Sohn geboren. Er bringt die Familie mit dem Verkauf von Straßenzeitungen durch. Dann der Schlaganfall, eine Woche Koma, zwölf Monate Spital, danach Rollstuhl. Inzwischen kann er wieder gehen. Vor zwei Monaten hat Ion ihn nach Österreich geholt.

Petru ist ein ernster, schweigsamer Mann. Auf den ersten Blick sympathisch. Früher, erzählt Ion, sei er ein fröhlicher Mensch gewesen, habe gerne getanzt und Akkordeon gespielt. Petrus Augen leuchten kurz auf, als wir darüber sprechen. Er lächelt. Dann hält er die gelähmte rechte Hand hoch und schüttelt den Kopf. Das ist vorbei. Ob er hier bleiben möchte? Er nickt. Es ist schön hier, sagt er und schaut so herzzerreißend traurig, dass ich ihn am liebsten drücken würde. Er möchte bleiben. Die Sprache wiederfinden. Wieder sprechen lernen. Deutsch? Er zuckt mit den Schultern. Er lebt und hat ein Dach über dem Kopf. Das reicht fürs Erste.

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Ernst Marianne BinderGeboren 1953 in Mostar, Jugoslawien.
Seit 1971 freiberuflicher Autor, Musiker und Regisseur.
Lebt zur Zeit in Graz.
Neben der künstlerischen Tätigkeit verschiedene Berufe wie: Steinmetz, Fensterputzer, Zeitungsausträger, Fabrikarbeiter, Olivenbauer, Kellner, Discjockey, Zirkus-Beleuchter, freier Mitarbeiter im ORF, etc.
Veröffentlichungen von Theaterstücken, Gedichten, Hörspielen und Prosa in Literaturzeitschriften, im ORF und in Anthologien.
2011 "DAS STUMME H", Texte; Edition Graz, Verlag Sonderzahl, Wien.

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