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Am Leben, lebendig bleiben

Von: Aslı Erdogan

Autorin trifft Verkäufer.
Diesmal Aslı Erdogan über Igwe Chukwuemeka.

Graz im Monat November. Ein Tag umrahmt vom kalten, goldenen Schein der zauberhaften Wintersonne. Ein vergoldetes Licht tanzt auf den Bäumen. Die Blätter im Schimmer des Abschieds geben mit ihrem Zappeln ein letztes Lebenszeichen von sich. Die ferne Wintersonne ruft nicht gewürdigte Tage zurück, verkürzt die Stunden, versetzt den Bäumen noch mehr kahles Aussehen. Sie gibt etwas mehr Licht, etwas mehr Farbe in jenen gelblichen Nebel, etwas mehr Leben! Zwei Fremde, zwei Eingewanderte, die sich am  Eingang zum Park getroffen haben. Als würde ich mich an ihn erinnern.

Igwe, der zwei Länder gesehen hat. Nigeria, wo er geboren ist und aufwuchs, das er für ein anderes Leben hinter sich ließ, und Österreich, wo er ein anderes Leben gründete und seine „Zukunft” sah. Von Stadt zu Stadt begab er sich in Nigeria, hatte Handel getrieben und Autoteile verkauft. In Graz hatte er allerlei Jobs: Zeitungsausträger, im Restaurant, Megaphon-Verkäufer und Parkettverleger (Streifen), jene Arbeit, die er hierzulande gelernt hat. Und die Reise zwischen beiden Ländern …

„Ich möchte vergessen. Diese Geschichte wurde längst erzählt. Sie ist ohnehin allseits bekannt …“

Es ist mehr als ein Gespräch. Igwe gleicht vielmehr einem Romanhelden. Seine Antwort ist die Stille, er erzählt zwischen den Zeilen (stellen wir keine Fragen, antwortet das Leben auf seine Weise). Verschlossen, still und stolz … Seine Augen spiegeln die Stille eines großen Ozeans wider, der seine echte Kraft, seine Stürme verheimlicht …

Wir sind doch alle Menschen”, streut er ein, „es gibt wirklich noch gute Menschen … Willst du gewaltsam dazugehören, hältst du es nicht lange aus.

Bist du je zurückgekehrt? Wie fandest du Nigeria? Hat dich dein Land wiedererkannt?

Erst nach zehn Jahren konnte ich das erste Mal hin. Das Land hat sich verändert. Viel Neues gab es. Ich ändere mich nicht, bin ja auch ein alter Mann … Aber dort fühlte ich mich wie neu erschaffen. Natürlich … Am meisten vermisse ich meine Familie. Meine Mutter. Mein Vater starb, als ich in Wien lebte… Eine mächtige Welle leckt ihn übers Gesicht. Seine Augen verdunkeln sich.

Wie sollen sie denn herkommen? Sie haben oft nicht einmal drei Mahlzeiten am Tag.
„Schau“, sagt er zu mir, jedes einzelne Wort betonend, „hinter den Schwarzen hierzulande, hinter allen Afrikanern, die du auf den Straßen siehst, steht eine große Familie. Eine riesige Familie! Wir sind nicht verpflichtet zu helfen, wir tun es einfach!“

Er sagt, dass er die schweren Tage, das Mühsamste hinter sich hat. Diese habe er mit Hilfe von Freund/innen, guten Menschen und der Kirche, der er sich zugehörig fühlt, überstanden. „Das ist mein Wesen. Die schlechten Dinge schiebe ich auf die Seite und lebe weiter. Ich bin optimistisch. Handeln ist mein Beruf.  Ich zeige dir meine Parkettarbeit. Die habe ich hier gelernt.“ Er zeigt mir Fotos von seinen Arbeiten der letzten Zeit, ich ihm meinen Roman, der ins Deutsche übersetzt wurde, mit einem glückseligen Ausdruck. Ich frage ihn nach den Erlebnissen auf der Straße.
Ja, da sind die Menschen sehr unterschiedlich. Mal öffnet einer seine Geldbörse, kommt auf dich zu und sagt dann: „Geh zurück in deine Heimat!“ Einmal hat mich jemand von hinten angerempelt. Er hat sich aber später bei mir entschuldigt.

Das Meer zieht sich zurück. Kieselsteine … „Das Wichtigste ist, dass man es bereut … Ich bete zu Gott, dass er mir gute Menschen auf meinen Weg mitgibt. Der kleinste Keim des Glaubens kann Berge versetzen!“ Konnte denn dein Glaube Berge versetzen?
Einige Male … Aber ich sage dir nicht, was für Berge es waren.

In diesem Moment fällt mir ein, wo ich ihn das erste Mal gesehen hatte. Als wären wir uns in jener Kirche begegnet, in der angeblich die Bilder von Hitler und Mussolini hängen. Ich glaube, dass ich eifersüchtig auf ihn war, als ich ihn beim Beten beobachtete. Den Mut habe ich nicht, ihn danach zu fragen. Er steigt auf sein Fahrrad und ist fort. Stolz und aufrecht ist sein Rücken, still ist er, so still wie das Leben. Er kennt Wege und Abschiede, erzählt jedoch nicht von den Bergen, die oftmals versetzt wurden … Am Leben, lebendig bleiben …Eine zauberhaft goldene Wintersonne.

*****

Aslı Erdogan, in Istanbul geboren, studierte Informatik und Physik. Sie arbeitete am Kernforschungszentrum CERN in Genf und lebte in Rio de Janeiro. Seit 1996 freie Schriftstellerin, hat  sich Erdogan für die kurdische Minderheit, politisch Inhaftierte und Frauenrechte engagiert. Zuletzt ist ihr Roman "Die Stadt mit der roten Pelerine" auf Deutsch erschienen. Zurzeit ist sie Asylschreiberin in Graz.

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