STRASSENMAGAZIN/Verkäufer/Ojumo Taiwo/
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Every day is not Christmas

Autor trifft Verkäufer.
Diesmal Klaus Lederwasch über Ojumo Taiwo.

Kurz nach Neujahr. Es ist kalt in Friesach. Friesach liegt circa 20 Kilometer nördlich von Graz. Taiwo und ich sitzen im Auto und blicken auf jene Stelle, wo er sechsmal die Woche sieben bis acht Stunden lang das Megaphon und vor allem gute Laune verbreitet.

„Anfangs war das gar nicht so einfach“, sagt er. Aber er denke, das sei nicht ungewöhnlich: „When coming new to a place, it’s not easy to win peoples’ souls. But I have the courage to dance with them. To make them dance. To sing with them.“1

Und er erklärt, wie wichtig es ihm ist, mit den Menschen zu lachen, zu spielen und Spaß zu haben. „Hast du mich zu Weihnachten gesehen?“, fragt er und lacht laut los, „Mit der Mütze, als Father Christmas verkleidet?“ „Klar“, sag’ ich, „sogar vom Auto aus, beim Vorbeifahren. Das war wirklich witzig.“

Ich tanze auch gerne, deshalb hake ich nach und versuche etwas mehr über die Tanzbereitschaft von Menschen herauszufinden, deren eigentliche Intention es ist, beim Diskonter einzukaufen. „Die Menschen hier sind cool“, sagt er, „und die meisten sind wirklich nett.“ Aber egal, wie die Leute reagieren, ihm macht es Spaß. Außerdem könne er gar nicht anders, sagt er und lächelt. „In Nigeria, we used to dance at Dance Festivals. We were trained to dance and dance a lot. Any time, at any occasion. I am a very good dancer.“2

Wir lachen. Am liebsten tanzt er HipHop. „Wer ist deiner Meinung nach Nigerias bester HipHop-Künstler?“, frage ich. „2Face Idibia“, sagt er und schreibt den Namen auf einen Zettel. Werde ich mir natürlich anhören. „Aber meistens höre ich amerikanische Musik“, sagt er, „am liebsten R. Kelly.“

„Gibt es eigentlich irgendetwas, was du aus Nigeria mitgebracht hast? Etwas, was dich an deine Heimat erinnert? Eine Art Verbindungsstück?“ „Nein, ich kam nur mit den Kleidern, die ich am Leib trug. 2011. Im Dezember. Das war kalt. Aber alles, was es in Nigeria gibt, bekomme ich auch hier im Afrika-Shop.“

„Was wünschst du dir für die Zukunft?“ „Einen positiven Asylbescheid. Und irgendetwas, das die Situation besser macht. Wenigstens darf ich zumindest so lange in Österreich bleiben, bis in meinem Asylverfahren eine Entscheidung gefallen ist.“
„Aber du darfst nicht arbeiten.“„Nein, deshalb hat es für mich oberste Priorität, jeden Tag hier herzufahren, um Megaphon zu verkaufen. An idle hand is the devil’s workshop.”3

„Welchen Beruf hattest du in deiner Heimat?“ „Ich bin gelernter Buchhalter.“„Du wohnst in Graz. Wie hoch sind deine Fahrtkos-ten?“„55,20 € im Monat – das meiste Geld geht für Essen und Transport drauf.“

Wir sitzen eine Weile im Auto und unterhalten uns. Taiwo erzählt von sich, seiner Lage, seinen Eindrücken von Österreich, von Nigeria, von seinem Glauben, seinen Wünschen. Ich höre zu und behalte es für mich. Einige Augenblicke lang herrscht absolute Stille. Ich merke, Taiwo sitzt auf Nadeln. Es ist Anfang Jänner, Zeit ist kostbar, und wie hat er so schön gesagt: „Everyday is not Christmas.“

Beim Aussteigen erwähnt er sein Hobby. Tischtennis spielen. In Nigeria hat er früher an Wettkämpfen teilgenommen. Gerne würde er sich auch in Österreich bei einem Verein anmelden. Außerdem freue er sich schon auf den Deutschkurs, der demnächst beginnt. Aber er ist auch ein bisschen aufgeregt. „German is difficult“4, sagen wir wie aus einem Mund. Da fällt mir auf, dass wir kein einziges Wort in unseren Muttersprachen gewechselt haben. Weder in Deutsch noch in Yoruba. Hm. Dafür haben wir im Sitzen getanzt.

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1 „Wenn du neu wo hinkommst, ist es nicht einfach, die Menschen für dich zu gewinnen. Aber ich bin mutig genug, mit ihnen zu tanzen. Sie zum Tanzen zu bringen. Mit ihnen zu singen.“
2 „In Nigeria tanzten wir ständig auf Tanzfesten. Uns wurde das richtig beigebracht und wir tanzen viel. Ständig, zu jeder Ge-legenheit. Ich bin ein sehr guter Tänzer.“
3 Ein Sprichwort. Möglichst wörtlich übersetzt, heißt es: „Für untätige Hände findet der Teufel Arbeit.“
4 „Deutsch ist schwierig.“

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Klaus Lederwasch

Geboren im Aichfeld, momentan wohnhaft in Graz Umgebung.
Poetry Slammer, Autor und Liedermacher. Veröffentlichungen in Zeitschriften (u.a. DUM – Das Ultimative Magazin, &Radieschen). Ö-Slam Sieger 2012.

Weiterführende Informationen unter:

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