Text: Sigrun Karre
Fotos: Arno Friebes

“Neger, setzen!“

Buchstäbliches Schwarz-Weiß-Denken und rassistisch motivierte Gewalt haben die Persönlichkeit von Gabriel Gschaider (32) geprägt. Neben helleren und dunkleren Schattierungen von Grau hat sein Leben aber auch bunte Farbtöne. Bald sollen er und sein Leben dank einer Crowdfunding-Kampagne und der Unterstützung österreichischer Filmschaffender auf der Kino-Leinwand zu sehen sein. Das Megaphon hat ihn besucht um zu erfahren wie es dazu kam und weshalb es manchmal wichtig ist Kreisläufe zu durchbrechen.

Knittelfeld, eine steirische Kleinstadt im Murtaler Aichfeld, hat eine wechselvolle Geschichte. Wo im Ersten Weltkrieg ein Lager für 30.000 russische Kriegsgefangene stand, wurde nach Kriegsende der Stadtteil Knittelfelder Neustadt errichtet, der lange mit Imageproblemen zu kämpfen hatte. Schwere Luftangriffe im Zweiten Weltkrieg beraubten Knittelfeld seiner historischen Altstadt, solide Zweckbauten aus den 1950er- bis 1970er-Jahre prägen das Gesicht der Stadt und zeugen von der wirtschaftlichen Blütephase der Region. Seit dem Niedergang der verstaatlichten Industrie in der Mur-Mürz-Furche liegt auch in Knittelfeld die Arbeitslosigkeit konstant über dem österreichischen Durchschnitt, die Anzahl der Pendler:innen steigt, während die Bevölkerungszahlen in der Geburtsstadt des BZÖ sinken. In dieser Stadt, „in den 1990ern ein ziemlich raues Pflaster“, wie es ein gebürtiger Knittelfelder beschreibt, hat Gabriel Gschaider 17 prägende Jahre seiner Kindheit und Jugend verbracht. Er war ein Bub mit einem typisch steirischen Familiennamen und regional eingefärbtem Dialekt. Der Großvater, ein gelernter Elektriker, war als STEWEAG-Manager angesehen in der Stadt, seine alleinerziehende Mutter dürfte wohl etwas unkonventioneller als der Durschnitts-Provinzbürger in den letzten Dekaden des 20. Jahrhunderts gewesen sein. „Sie war ein Alt-Hippie, eine Idealistin und hat jahrelang in Wien
Kalabash, ein alternatives Szene-Lokal, betrieben; mit Männern hat sie leider kein Glück gehabt“, erzählt Gabriel im Garten vor seiner Wohnung in Graz. Offen, entspannt, unkompliziert ist die Atmosphäre. Pointiert erzählt er als Nebengasse einer anderen Geschichte die Geschichte von einem Mann, dem er einen Esel gekauft hat, der damit für eine Crowdfunding-Aktion von Slowenien nach Syrien geritten ist, um unter anderem Waisenhaus-Kinder auf Sri Lanka zu unterstützen. Das sollte nicht die einzige Geschichte an diesem späten Nachmittag bleiben, die Stoff für ein Drehbuch abgeben könnte – und das auch tatsächlich tun wird. Aber dazu später. Zwei pinke Flamingos, die vor uns auf der Wiese posieren und als potentielles Fotomotiv sofort Arnos Aufmerksamkeit auf sich ziehen, sind vielleicht so etwas wie die hippieske Antwort auf den kleinkarierten Gartenzwerg. Jedenfalls haben sie das Zeug zum Statement für mehr Unernsthaftigkeit und Toleranz. Auf ernsthafte Themen und Intoleranz kommen wir noch zu sprechen, damit hat Gabriel reichlich Erfahrung gemacht. Der Grund dafür ist ein einzelnes optisches Detail, Gabriels dunkle Hautfarbe, die er von seinem Vater, einem Ghanaer, vererbt bekommen hat. 

„Black lives matter“ hat auch in Österreich das Thema Diskriminierung von Menschen schwarzer Hautfarbe im letzten Jahr aufs Tapet gebracht. Rund 50 Prozent aller Afro-Österreicher:innen geben aktuell an, regelmäßig Opfer von Diskriminierung zu sein. Erst in den letzten Jahren wurde ein verdrängtes Kapitel in der österreichischen Geschichte vermehrt medial öffentlich gemacht, das der dunkelhäutigen Besatzungskinder, die ab den 1950er Jahren in Österreich aufwuchsen, zum Teil aber auch in den USA von afro-amerikanischen Familien adoptiert wurden, weil österreichische Jugendämter nicht selten der Meinung waren, ein dunkelhäutiges Kind könne unmöglich in Österreich bei der leiblichen Mutter aufwachsen, sondern solle in einer schwarzen Familie leben. 

„Schleich di Neger noch Afrika“ hat Gabriel, der in Wien geboren wurde und ab seinem fünften Lebensjahr in Knittelfeld aufwuchs, noch 40 Jahre später in seiner Kindheit ab den 1990ern gehört. Solange er ein Kleinkind war, kam der Rassismus oft im freundlicheren Tonfall daher, da hieß es oft: „So a süßes Kohlesackerl.“ Spätestens mit der Einschulung begann Grabiel, sich im Spiegel zu betrachten und sich zu fragen, warum er nicht weiß sein konnte. Er wollte wie alle anderen Kinder einfach dazugehören, das gelang ihm damals nicht. „Erst mit 18 hat mir meine Mutter erzählt, dass sich erst mein Großvater dafür einsetzen musste, dass ich die Volksschule in Knittelfeld überhaupt besuchen durfte, weil der Elternrat und die Lehrer:innen ursprünglich dagegen waren. Ich habe aber schnell gemerkt, dass die Kinder nicht mit mir spielen durften, ich hatte nur mit Kindern mit Migrationshintergrund Kontakt, von denen es damals, im Gegensatz zu heute, wenige in Knittelfeld gab. Ich war richtig dankbar, dass die sich mit mir abgaben, obwohl ich doch eine dunkle Hautfarbe hatte.“ 

Die Schikanen steigerten sich mit zunehmendem Alter, in der Hauptschule dann gab es einen Lehrer, der hatte es besonders auf ihn und die Handvoll Migranten-Kinder abgesehen. „‚Neger, setzen!‘, ist er mich angefahren, hat aber gleich hinzugefügt, dass das nicht rassistisch, sondern eine neutrale Bezeichnung für eine Ethnie sei.“ Er hätte dann aber unmissverständlich nachgelegt, Gabriel gehöre nicht nach Knittelfeld, sondern solle in Afrika den Affen auf den Baum klettern helfen, und er würde ihm nach der Schule „eine auflegen“. Viele Erinnerungen folgen, etwa die vom FPÖ-Funktionär, der seine Springerstiefel als „Negertreter“ bezeichnete.

Orhan „Han“ Krivic ist heute selbstständig als Tätowierer mit eigenem Studio in Fohnsdorf und als „Meister Han“ heute ziemlich nachgefragt in der Branche. Als Kind ist er mit den Eltern während des Jugoslawienkriegs von Bosnien nach Österreich geflüchtet und in Knittelfeld gelandet. Er bestätigt mir später am Telefon diese Szenen: „Wir Ausländer und Gabriel als einziger Schwarzer in der Stadt waren einfach die Prellböcke, mit uns konnte man es machen. Wir waren nichts wert. Der besagte Lehrer hat auch regelmäßig Stühle und einen schweren Schlüsselbund nach uns geworfen, da war so ein Klima von Hass und Aggression. Auch die Polizei hat uns am Kieker gehabt. Irgendwann begannen dann auch Kinder, die das miterlebten, uns zu drangsalieren. Später sind wir am Schulweg ständig von Jugendlichen verfolgt und verprügelt geworden. Das Schlimme war aber nicht einmal, dass wir dauernd Dresch bekommen haben, das Schlimme war die ständige Angst. Ich hab oft gedacht, ich bring mich um. Glücklicherweise gab es in Knittelfeld eine Familie, die begonnen hat, sich um mich zu kümmern, die haben mich gerettet, glaube ich.“ Ein anderer Schulkollege meint, er hätte erst später mitbekommen, dass Gabriel und andere Kinder mit Migrationshintergrund ein Problem mit Rassismus hatten und kann sich nicht wirklich an Details erinnern. Auf mein Interesse reagiert er misstrauisch. Han erinnert sich an viele Details, z. B. an eine Szene, wo Kinder eine ca. 45-jährige Ausländerin im Stadtpark mit Steinen beworfen hätten, während sie bereits weinte. „Wie Piranhas waren die Leute damals. Ich glaube, es hatten einfach viele einen Knacks, wer weiß, was die Kinder zu Hause erlebt haben, umsonst wird man nicht so. Ich habe heute selbst zwei Kinder. Wie die aufwachsen und wie wir aufgewachsen sind, das ist wie Tag und Nacht. Sie sind voll integriert, die Lehrer sind lieb.“ Han lebt heute mit seiner Familie eher zurückgezogen, hat ein Haus in Alleinlage, die Erlebnisse haben ihn geprägt, wie er betont: „Ich denke oft, es ist vorbei, und dann sagt z. B. kürzlich einer, von dem ich glaubte, der ist okay, plötzlich zu mir: ‚Hoffentlich wird’s heut‘ in der Nacht richtig kalt, minus 20 Grad, wegen den Parasiten.‘ Ich verstehe nicht und dann sagt er: ‚Na, wegen den Flüchtlingen, dann ist das Problem gelöst‘, sowas sagt er ausgerechnet zu mir, dem ehemaligen Flüchtlingskind.“

Gabriel zündet sich eine Zigarette an und erzählt weiter, er schloss die Hauptschule mit lauter Genügend ab, man hätte ihm prophezeit, aus ihm würde nichts werden, es würde nicht mal für einen Job als Straßenkehrer reichen. Er begann eine Elektriker-Lehre, die er abbrach. „Ich war immer ein Pazifist, so bin ich von meiner Mutter erzogen worden, aber irgendwann ist durch dieses Gefühl von Machtlosigkeit und Unterdrückung bei mir in der Pubertät ein innerer Damm gebrochen. Mit 17 hab ich mir eine Bomber-Jacke gekauft, die Dreadlocks abrasiert, zu trainieren begonnen und wollte es ihnen einfach nur noch heimzahlen.“ Zwei Haftstrafen wegen schwerer Körperverletzung waren die Folge. Gabriel macht keinen Hehl daraus, dass er selbst ein Problem mit Aggression hat: „Gewalt erzeugt Gewalt. Das ist keine Entschuldigung, aber es ist, wie ich selbst erlebt habe, sehr schwierig, diesen Kreislauf zu durchbrechen. Ich bin selbst zu einem Arschloch geworden, obwohl ich immer wusste, dass Gewalt nie eine Lösung sein kann. Ich würde mich gerne bei jedem Typen entschuldigen, dem ich je eine aufgelegt hab.“ Als das AMS ihm in Knittelfeld nur einen Job bei der Tierkörperverwertung vermitteln wollte, ging er als Straßenmusiker nach Deutschland. Danach folgten sehr abwechslungsreiche Stationen in seinem Leben. Er entdeckte sein Verkaufstalent, wurde Handelsvertreter, tourte als Sänger mit seiner Band Cyclonproductions durch Österreich und landete mit den Bandkollegen auf der GoTV-Couch, er modelte, arbeitete als Freiwilligen-Koordinator bei der Präsidenschaftskampagne von Irmgard Griss mit, „eine integre Persönlichkeit“, wie er betont, später auch bei Kampagnen für die Liste Pilz, die Neos und die SPÖ. Ein Jahr lang war er dann Parlamentarischer Mitarbeiter der freien Abgeordneten Martha Bißmann, mit der er einst liiert war und heute noch befreundet ist. „Das war eine interessante Zeit, aber ich habe gemerkt, dass die politische Bubble auf Dauer nicht gesund ist.“ Heute ist er beim Start-up FreyZein von Makava-Gründer Jan Karlsson, das nachhaltige Wanderjacken produziert, für die Bereiche Key Account Management und Marketing zuständig. „Das hat Hand und Fuß und ist einfach in jeder Hinsicht eine richtig gute Sache.“ Irgendwann dazwischen war er auch mal Türsteher, hat Techno-Partys veranstaltet, mit seinem Verein „Love wins“ Hilfslieferungen ins Flüchtlingslager Traiskirchen und andere Charity-Aktionen organisiert. Es gab auch immer wieder dunkle Zeiten, Drogen, Depressionen, Arbeitslosigkeit. „Vor sechs Jahren habe ich mich gefragt, wieso es mir oft so komisch geht, ich habe mich dann zwei Monate lang auf der Sigmund-Freud-Klinik testen lassen.“ Gabriels komisches Gefühl bekam gleich mehrere Namen, bei ihm wurden ADHS, Borderline und eine bipolare Störung diagnostiziert. Seither nimmt er Antidepressiva und macht eine Gesprächstherapie. „Ich weiß heute endlich, dass ich viele Talente habe, aber ich habe auch mindestens so viele Defizite.“ Ausschließlich auf seine Erlebnisse mit Rassismus und Gewalt will er seine Probleme nicht zurückführen, das sei nicht die ganze Wahrheit. Aber es sollte auch klar sein, dass ständige Entwertung und Gewalt die Psyche eines Kindes schädigen. „Man kann kategorisieren und besser damit umgehen lernen, aber Heilung gibt es nicht“, meint Gabriel.

Wie jeder Mensch ist er nicht frei von Ambivalenzen, er reflektiert sie nüchtern. Angesprochen auf seine Motivation für gleich mehrere Teilnahmen bei diversen TV-Formaten wie der Barbara Karlich Show, Helden von morgen oder dem Blue-Eyed-Experiment meint er: „Ich bin ziemlich geltungsbedürftig, soviel steht fest. Aber das sind ja alle Menschen, die gerne auf einer Bühne oder in der Öffentlichkeit stehen. Vielleicht eine Art Kompensation.“  Zugleich ist da auch eine starke soziale Ader und ein Gemeinschaftssinn, was er mit folgender Philosophie erklärt: „Ich wollte schon als Kind immer die Welt verbessern, auch wenn das naiv klingt. Wahrscheinlich hat da auch meine Mutter auf mich abgefärbt. Ich glaube nicht an Karma oder Gott. Ich glaube eher, dass wir in einem emergenten System alle miteinander verbunden sind, und desto mehr man sich bemüht, Positives in dieses System reinzugeben, desto besser geht es uns allen. Es ist eine Lebensentscheidung von mir, dass ich mein Leben einem positiven Zweck widmen möchte. Ich habe auch den ganzen Leuten aus Knittelfeld verziehen, es macht keinen Sinn, ewig das Opfer zu bleiben.“

Sehr wohl einen Sinn sieht er darin, seine Geschichte ungeschönt filmisch zu erzählen, um eine Sensibilisierung für das Thema Kleinstadt-Rassismus zu erzeugen und so vielleicht in Zukunft anderen Kindern und Jugendlichen ähnliche Erfahrungen zu ersparen. „Es ist zwar einiges besser geworden, diese Form des Kleinstadt-Rassismus existiert aber noch immer, wie ich selbst kürzlich wieder erleben musste.“ So ist Gabriel derzeit dabei, eine Crowdfunding-Kampagne für sein Herzens-Projekt, einen Spielfilm, zu starten. Inspiriert ist das Skript von seiner eigenen Lebensgeschichte, er selbst wird die Hauptrolle spielen. Unter anderem hat er bereits den Produzenten und Regisseur Frederik Füssel für dieses Projekt gewinnen können. Alexander Ratka, der Komponist der Titel-Melodie der Doku-Serie Universum, und viele andere aus der österreichischen Filmszene haben sich nach einem Facebook-Posting von Gabriel spontan bereit erklärt, kostenlos an der Realisierung des Films mitzuarbeiten. „250.000 bis 300.000 Euro möchte ich nun über Crowdfunding finanzieren, dann schaffen wir es, einen Kinofilm im Netflix-Standard zu drehen.“ Geplanter Drehbeginn ist Frühling 2022. Der voraussichtliche Filmtitel „Schwoaza“ ist so prägnant wie eindeutig. Derzeit nimmt Gabriel neben seiner Arbeit Schauspielunterricht, seine Visionen gehen aber schon weiter in die Zukunft, er möchte seinen Kindheitstraum verwirklichen und in Zukunft selbst Filmregie machen. „Ich habe schon als Kind Kurzfilme gedreht, mich hat das immer fasziniert, also hau ich mich da jetzt einfach rein.“ Auf Facebook beendet Gabriel ein Posting mit folgendem Satz frei nach John Lennon: „Gebt bitte nie auf, euren Träumen zu folgen, egal wie alt ihr seid oder wie unrealistisch diese auch sein mögen!“ Wird gemacht!