Text: Julia Reiter
Fotos Thomas Raggam

Ali Bakari

Hat das Lachen nie verloren, auch wenn es nicht einfach ist, tagein, tagaus eine Straßenzeitung zu verkaufen.

Etwa zehn Quadratmeter, sechs Reihen Einkaufswagen, ein Mülleimer mit integriertem Aschenbecher, darüber eine Glasdecke. Mittendrin lehnt ein Mann lässig wie sein Stil auf einem der Wagerl. „Schönes Wetter heute!“, sagt er. Es hat gerade aufgehört zu tröpfeln. Der Himmel ist dicht bewölkt. Unter dem Schirm seiner Baseballkappe blitzt ein Grinsen hervor, das Zahnpastawerbung machen könnte. „Kann ich Ihnen helfen, Madame?“ Höflich nimmt er einer Dame mit grau meliertem Haar und Gehstock das Einkaufswagerl ab. Er ruckelt es so lange hin und her, bis es einrastet, und möchte der Kundin die Münze reichen. Sie winkt ab. „Vielen Dank und einen schönen Tag noch!“, ruft er ihr hinterher.

„Wenn du diesen Job machst, musst du gut drauf sein“
Seit etwa einem Jahr „macht“ Ali Bakari hier beim Hofer zwischen Friedhof und McDonald’s sein Business. Er holt den zurückgelassenen Verpackungsmüll aus den Wägen, reicht sie an Kund:innen, begrüßt die Ankommenden und verabschiedet die Gehenden. Hat jemand kein Kleingeld, ist er sofort mit seinem Einkaufswagen-Löser zur Stelle. Gibt es Gesprächsbedarf, ist er ganz Ohr. Möchte jemand das neueste Megaphon kaufen, gibt es das bei Ali natürlich auch. Und ein Lächeln obendrauf. Ob er auch mal schlechte Tage habe? „Klar“, sagt er. „Aber wenn du diesen Job machst, musst du gut drauf sein. Sonst wirst du nichts verkaufen.

Wer schon einmal gekellnert oder sonst irgendwo im Dienstleistungssektor gearbeitet hat, kennt das vermutlich. Doch das Lächeln unter Druck hat auch seine Schattenseiten. Studien, wie etwa jene des deutschen Psychologen Dieter Zapf, zeigen, dass erzwungenes Nettsein und das Unterdrücken eigener Gefühle bei der Arbeit zu Stress und Burnout führen können.
Burnout? Vermutlich ein „Luxusproblem“, über das Ali keine Gedanken verliert. Fünf bis sechs Stunden steht er täglich als Megaphon-Verkäufer in der Plüddemanngasse, um Geld für Essen zu verdienen. Heute läuft es nicht so gut. Es ist 15:30 Uhr und Ali hat noch kein einziges Heft verkauft. Das ist glücklicherweise aber nicht immer so.


„In Kenia habe ich als Fischer gearbeitet“
Hinter den Glaswänden rauscht das Blaulicht eines Rettungswagens vorbei und geht in den Wogen des Verkehrslärms unter. 92,2 PM. Die Messstation in der St. Peter Hauptstraße, nur wenige Meter entfernt, misst die höchsten Feinstaubwerte der Stadt. „In Kenia habe ich als Fischer gearbeitet“, erzählt Ali. „Ich war viel am Meer.“ Irgendwann sah er sich gezwungen, sein Boot gegen ein Schiff nach Europa zu tauschen. Drei Monate war er unterwegs, drei harte Monate, in denen das Wasser
sein Feind wurde. „Wenn du stirbst, stirbst du. Nur Gott kann dich beschützen.“ Ein Lachen huscht ihm über die Lippen, beinahe reflexartig. Seine 47 Lebensjahre liegen irgendwo dahinter versteckt.

Die Schiebetür zur Hoferfiliale öffnet sich. Eine Kundin eilt auf Ali zu und reicht ihm eine Schüssel. Ein kurzes „Mahlzeit!“ und schon ist sie wieder weg. Ali blickt auf die Bratkartoffel. „Ja, es passiert öfters, dass mir jemand Essen vorbeibringt.“ In seiner Stimme liegt Freude. Alis Aufstiegschancen sind beschränkt, doch irgendwie schafft er es, den Fokus auf die volle Hälfte des Glases zu legen. „Es gibt kein Vor und Zurück. Aber kein Problem für mich, das ist das Leben“, sagt er. Über der gläsernen Decke reißen allmählich die Wolken auf. Schönes Wetter ist wohl Ansichtssache. Ali nimmt einen Schluck aus der Dose RedBull, setzt ab und da ist es wieder – sein Grinsen.