August 2022

Megaphon #317

Musik kann.

Als ich erstmals in Lateinamerika gelandet bin, brannten sich zwei Eindrücke besonders ein: Armut und Musik. Noch nie zuvor hatte ich so viele (oder überhaupt) Kinder auf der Straße gesehen. Noch nie zuvor hatte ich so viel Freude auf der Tanzfläche erlebt. „Wie ist es möglich, dass Menschen trotz so viel Leids, so fröhlich tanzen können?“, habe ich meine peruanische Gastmama gefragt. „Wir tanzen nicht trotz, sondern WEGEN dem Leid“, hat sie gesagt. „Wenn wir die Musik, das Tanzen, unsere Lebensfreude aufgeben – was bleibt uns dann noch?“

Musik kann so vieles. Musik erzählt Geschichten. Sie kritisiert und bricht Stereotype auf – wenn sie z.B. aus dem Mund von Al Pone kommt. Musik holt Menschen, die am Rand der Gesellschaft stehen, rein. Davon kann Gefängniskonzert-Sängerin Diana Ezerex ein Lied singen. Dennoch und jeglicher Armutsromantik zum Trotz: Niemand kann sich Salsa (zumindest in musikalischer Form) aufs Brot schmieren. Soziale Gerechtigkeit bleibt unumgängliche Priorität. Doch bis niemand mehr auf der Straße lebt, bin ich dankbar, für jede Note, die etwas Leichtigkeit in das Leben mancher bringt.

In diesem Monat zu lesen

URBAN
Rap mit Migrationsvordergrund?
Unter seinem Künstlernamen „Al Pone“ rappt, parodiert und kritisiert Benjamin Riegler stereotype Gesellschaftsbilder. Vom Jugo bis hin zum Švabo. Ein Porträt.

REGIONAL
Soul hinter Schloss und Riegel
Diana Ezerex schreibt Lieder, singt sie und das manchmal hinter Gittern. Aber warum? Nadine Mousa hat die Musikerin bei einem ihrer Gefängniskonzerte begleitet.

VERKÄUFER DES MONATS
Andrew Augustine
In Nigeria hat Andrew Chemie studiert, seit 2019 verkauft er das Megaphon. Nun wünscht er sich in seiner neuen Heimat einen Job mit regelmäßigem Einkommen.

QUELLEN ZU DEN ZAHLEN
Zahl zu den Beratungszentren, Zahl zum Genozid, Zahl zu den Gender Agents, Zahl den Freibädern, Zahl zum Blutspenden