Mai 2022

Megaphon #314

Stell dir vor, es ist Krieg.

Ich war ein Volksschüler, als ich mit meinem Großvater in der Küche saß und er mir vom Krieg erzählt hat. Ich habe wenige genaue Erinnerungen an das Gespräch. Aber ich weiß, dass mein Opa ein liebevoller Mensch war, der seinen Enkeln alles möglich machen wollte. Und ich weiß, dass er nur ein einziges Mal sehr böse auf mich war. Widerwillig hatte er meinem Cousin und mir im Teenageralter erlaubt, in seinem Garten mit einer Spielzeugpistole zu hantieren. Eine Plastikkugel meines Spielzeugs wurde zum Querschläger. Über die Wäschestange traf sie meinen Opa am Kopf. Ihn, von dem ich seit unserem Gespräch in der Küche wusste, an welchen Stellen am Kopf ihn einst die Granatsplitter trafen.

Ich musste gerade an diese Geschichte denken, weil dieses Megaphon in Zeiten des Krieges in Europa auch im Zeichen der Kriegserinnerungen steht. Und weil mir, üblicherweise nicht um Worte verlegen, ebenjene Worte gerade fehlen. Daher zitiere ich unsere Redakteurin Lilli Schuch, die in ihrem Artikel zum 30. Jahrestag des Beginns des Bürger:innenkriegs in Jugoslawien (Seite 12) schreibt: „Niemand kann etwas Tröstliches über einen Krieg sagen. Niemand. Der Krieg ist eine Bankrotterklärung der Vernunft und verschlingt jede Sprache.“

In diesem Monat zu lesen

URBAN
Gibt es gute und schlechte Geflüchtete?
Peter K. Wagner hat sich und Expert:innen gefragt, warum Menschen mit Fluchthintergrund in Europa unterschiedlich behandelt werden.

REGIONAL
30 Jahre Esterajh
Seit Februar herrscht Krieg in der Ukraine. Und nichts ist mehr, wie es war. Genauso wie Anfang der 1990er in Jugoslawien. Lilli Schuch erinnert sich mit zwei Freund:innen zurück.

GLOBAL
„Geistig bin ich noch in der Ukraine“
Zwei Ukrainerinnen haben Antonia Reissner von der zerstörerischen Wucht des Krieges erzählt, aber auch von ihrer Ankunft in Österreich.