Text: Anna Maria Steiner
Fotos: Thomas Raggam

Taiwo Raymond Ojumo

Verkaufte 2012 sein erstes Megaphon vor dem Grazer Rathaus – heute ist er genau dort Mitglied des Migrant:innen-Beirats.

Taiwo breitet die Arme aus und dreht sich um die eigene Achse. „Hier hat alles angefangen“, sagt er mit einem Lächeln und
zeigt über den Grazer Hauptplatz. Im März 2012 verkauft der gebürtige Nigerianer vor dem Rathaus sein erstes Megaphon. „Wien ist schön, aber ich bin nur selten dort“, erzählt er. „Warum verreisen, wenn in der Steiermark doch alles ist, was man zum Leben braucht?“

Türöffner Sprache
Wenn Taiwo „I bin a Steirabua“ sagt, dann kokettiert er weder mit seinem Aussehen noch erwartet er ein Kompliment. Sein Steirer-Dialekt kann sich hören lassen, neben solidem Hochdeutsch, das Taiwo schon kurz nach seiner Ankunft in Graz zu lernen beginnt. „So viele Menschen haben mir geholfen – nur eines kann mir niemand abnehmen: das Deutschlernen“, erzählt er. „Sprache ist einfach der Schlüssel zu den Menschen eines Landes“, erinnert sich Taiwo an seinen ersten
Deutschunterricht bei ISOP, dem Verein für „Innovative Sozialprojekte“. Dort absolviert er beginnend mit 2012 einen Sprachkurs nach dem anderen und schafft mit dem Sprachendiplom „B 2.2“ sogar jenes Kompetenzniveau, das es für die Fremdsprachen-Matura braucht. Von seinen Deutschkenntnissen profitiert er auch bei der Ausübung seines Ehrenamtes: Drei Jahre lang bringt der heute 49-Jährige mit Trommelkursen Lebensfreude in ein Grazer Pflegewohnhaus und arbeitet unentgeltlich bei Caritas und Rotem Kreuz. „Im Altenheim waren neben meinen Trommelworkshops auch die Tanznachmittage beliebt“, erzählt er.

Arbeiten und Tanzen
Um die Kraft von Bewegung und Musik weiß Taiwo auch aus eigener Erfahrung. „Mit meiner Band ‚Oduduwa‘ bin ich schon öfters aufgetreten“, verrät er stolz. Beim „Chiala Afrika“-Fest oder anderen Veranstaltungen sorgt er als Sänger und Frontman für die Stimmung, die es für jeden Live-Auftritt braucht. Überhaupt begleite Musik ihn schon durch das ganze Leben und erleichtere das Heimischwerden in einer neuen Stadt. „Wenn du als Nigerianer in Österreich ankommst, fühlst du dich anfangs wie in einer anderen Welt.“  Was am schlimmsten war bei seiner Ankunft aus Nigeria? Eindeutig das raue Winterwetter. „Es war so furchtbar kalt im Dezember 2011 – deswegen bin ich auch gleich einen ganzen Monat lang nicht vor die Tür gegangen.“ Mit vier bis fünf dicken Jacken übereinander und mehreren Paar Socken an den Füßen gewöhnte sich Taiwo schließlich an die Temperaturen und wird Megaphon-Verkäufer. Sechs Jahre ist er in Stübing und vertreibt dort
wochentags das Straßenmagazin. „In Stübing bin ich auch zum Steirer geworden“, lacht er und spricht von den großmütigen Menschen dort. „So etwas vergisst man nicht.“

Stimme sein für andere
Megaphon-Verkaufen, Deutsch-Lernen und ein geregelter Arbeitsalltag: Taiwo ist längst in Österreich angekommen. Während unseres Gesprächs sind wir vom Hauptplatz zum Rathaus-Foyer gewandert und betrachten das historische Gebäude von
innen. Als eines von neun Mitgliedern im Migrant:innenbeirat der Stadt Graz kommt Taiwo nun regelmäßig hierher.
„In meiner Funktion bin ich zuständig für die Anliegen der aus Afrika stammenden Menschen in Graz und möchte eine Stimme sein für meine Community“, erzählt er.
Menschen zusammenbringen, damit Vorurteile abgebaut und Informationen geteilt werden können – Taiwo will, dass das Zusammenleben in Graz für alle funktioniert. Ein Ehrenamt, das Taiwo ernst nimmt, und vor der ersten, konstituierenden Sitzung im Grazer Rathaus sei er nervös gewesen. „Ein bisschen, wie vor einem Auftritt auf der Bühne“, erzählt er und dreht sich plötzlich in Richtung Tür. Bürgermeisterin Elke Kahr verlässt gerade das Gebäude und geht auf Taiwo zu. „Danke für das soziale und gesellschaftspolitische Engagement“, sagt sie und streckt ihm die Hand entgegen. „Und danke auch für all die positive Energie.“