Text: Marina Klimchuk
Fotos: Thomas Raggam

Becky kauft eine Kochbanane

Die Stadt Graz ist Beckys Zuhause. Hier kennt man sie. Aber sie kann sich nicht darüber freuen. Die Sorgen um ihre Kinder und Enkel in Nigeria zerfressen sie.

Becky presst ihren Zeigefinger fest gegen die Schaufensterscheibe, drückt den Kopf gegen das Glas. Als ob sie mit ihrer Körperkraft alles zurückbringen könnte: Die Perücken, die afrikanischen Gewürze, die Louis-Vuitton-Taschen. Rösselmühlgasse 16 im Grazer Annenviertel.

Neun Jahre lang strömten hier die Kund:innen in und aus ihrem Haarsalon, plauderten, gaben Rastazöpfchen oder Extensions in Auftrag. Becky, heute 59 Jahre alt, wohnte im Stockwerk darüber. Sie arbeitete fast immer Überstunden. An Urlaub dachte sie nie — auf die Idee wäre sie gar nicht gekommen. Dann ging sie pleite und musste schließen. Seitdem stehen die Räumlichkeiten leer. Ihre Erinnerungen an diese schmerzhafte Zeit trägt sie gut verschlossen in sich.

Heute wertet sie mit dem Verkauf von Megaphon-Magazinen ihre Sozialhilfe auf. Wenn sie vor dem Hofer steht und auf Kundschaft wartet, werfen ihr die Leute ab und zu schiefe Blicke zu. Manchmal sagt sie dann: „Ich schäme mich für nichts. Ihr könnt mich nicht erniedrigen! Ich hatte auch mal ein Business.” Pro Monat versucht Becky, 30 Magazine zu verkaufen. Aber oft wird sie nicht einmal die los. Immer weniger Menschen kaufen ein Heft. Dafür gibt es auch solche, die ihr statt 3,40 Euro einen Fünfer in die Hand drücken.

Altersarmut verschmilzt zwei menschliche Angstzustände: Alter und Armut. Becky ist aus unaushaltbaren Zuständen in ihrer Heimat geflohen, um irgendwie zu überleben. Sie hat lange geschuftet, um unabhängig zu sein. Heute steht sie mit nichts da.

Stunden vor dem Besuch im Annenviertel prasseln dicke Regentropfen auf den Asphalt. Becky sitzt im McDonald’s am Hauptbahnhof, isst Chicken McNuggets und trinkt einen Kaffee. Sie trägt Perlenohrringe und eine beige, tuchartige Kopfbedeckung. Manchmal, wenn etwas sie amüsiert, lacht sie so laut auf, dass man mitlachen muss. Dann springt sie zu einem anderen Thema und fängt plötzlich an zu weinen.

Die ganze Woche, erzählt sie, sei sie vor Schwäche kaum aus dem Bett gekommen. Heute ist der erste Tag, an dem sie das Haus verlassen hat. Vor Kurzem verlor sie ihren Job als Putzkraft, weil sie zu oft fehlte. Schulterschmerzen. Diabetes. Spuren einer Krebserkrankung.

Geboren wurde Becky zur Zeit des nigerianischen Bürgerkrieges, auch Biafra-Krieg genannt. Damals, zwischen 1967 und 1970 gingen Fotos von hungernden Kindern und Babys um die ganze Welt, das US-Magazin”Life” und später der Stern” zeigten die „Hungernden Kinder des Biafra-Kriegs“ auf ihren Titelseiten. Forscher gehen von etwa zwei Millionen Toten aus, von denen die meisten an Hunger starben. Becky lebte.

Mit 47 Millionen Bürger:innen war das ehemalige britische Überseegebiet Nigeria der bevölkerungsreichste Staat Afrikas. Aber eine nigerianische Nation und ein Nationalgefühl existierte nicht — stattdessen lebten nach der kolonialen Grenzziehung mehr als 200 Ethnien in dem Land. Beckys Familie gehörte zu den christlichen Igbo im Südosten des Landes und floh aus dem abtrünnigen Kriegsgebiet Biafra in das benachbarte Kamerun. Dort wuchs sie auf,  heiratete jung und brachte ihre fünf Kinder zur Welt.

2001 war sie 33. Sie konnte die Gewalt in ihrer Ehe nicht mehr ertragen. Sie ließ ihre Kinder zurück und zahlte ihr gesamtes Erspartes Schleppern. Die brachten sie in ein Land, von dem sie noch nie etwas gehört hatte: Österreich. Hier beantragte sie Asyl.

Besessen von einem einzigen Gedanken begann sie, sich in Graz ein Leben aufzubauen. Sie wollte ihre Kinder zu sich holen. An nichts anderes konnte sie denken. Aber als sie fünf Jahre später die österreichische Staatsbürgerschaft erhielt, durfte dank des Familiennachzugs nur noch die jüngste Tochter nach Österreich einreisen, die damals noch nicht volljährig war. Wenn sie davon spricht, wirkt es, als ob sie diesen Schlag immer noch nicht verkraftet hätte.

Becky liebt Graz. Graz ist ihre Stadt, auch wenn sie nie die Zeit oder Kraft hatte, die deutsche Sprache gut zu lernen. Aber wenn sie im Annenviertel unterwegs ist, grüßen sie viele Bekannte. Man kennt sie. Hier leben ihr Kind und ihre Enkelkinder. Doch jeden Tag plagt sie die Sorge um ihre vier Kinder, um die politische Situation und die Armut in Nigeria. Die Angst und das schlechte Gewissen darüber, dass sie selbst kaum über die Runden kommt und sie nicht finanziell unterstützen kann, erdrücken sie fast.

“Wir in Österreich sind im Paradies. Meine Kinder stecken in der Dunkelheit fest. Es reicht, einmal den Mund aufzumachen und etwas falsches zu sagen, um einfach zu verschwinden.” Gerade auf dem Land herrscht oft Stromausfall. Sobald sie den Sohn nicht erreichen kann, malt sie sich das Schlimmste aus. Zum letzten Mal war sie mit ihrer Tochter 2018 in Nigeria. Danach kam die Pandemie. Jetzt fehlt ihr das Geld. Ihre jüngsten zwei Enkelkinder kennt sie nur über Video. Als sie davon erzählt, bricht sie in Tränen aus. “Alles an Nigeria ist Gefahr”.

In Graz trifft sie sich häufig mit anderen Igbo aus der Region Biafra. Sie haben eine gemeinsame Whatsapp-Gruppe, fordern auch sechs Jahrzehnte nach dem Krieg die Unabhängigkeit von Nigeria. Sie kochen miteinander, tauschen sich aus. Aber als Freunde würde Becky diese Menschen nicht bezeichnen, sagt sie. Dazu stehen sie sich nicht nahe genug.

Am Nachmittag hat es aufgehört zu regnen, draußen ist es nasskalt. Bevor Becky den Bus nach Hause nimmt, macht sie einen Stopp im indischen Laden. Sie will heute Fufu kochen, einen afrikanischen Brei aus Maniokwurzel und Kochbananen. Der Ladenbesitzer begrüßt sie wie eine alte Freundin. Sue steht sie vor der Kiste mit den Kochbananen und drückt ihre Finger in die Frucht, um die Konsistenz zu prüfen, untersucht sie sorgfältig auf Reife und Süße. Am Ende kauft sie eine einzige.