Text: Evelyn Schalk
Fotos: Alexander Danner

Jenseits von Ankommen

Immer mehr Vertriebene aus der Ukraine stranden nach ihrer Ankunft in Graz ohne Unterkunft auf der Straße. Die Geschichte einer Familie, die lange Zeit im Metahofpark ausharren musste, erzählt von einer folgenschweren Versorgungslücke dank der Einsparungen des Landes.

Als es zu regnen beginnt, drängen sich alle unter einer großen Fichte, das Astwerk ist lose und bietet kaum Schutz vor der Nässe. Von den rund 15 Menschen, die an diesem Juli-Nachmittag hier zusammensitzen, wird die Hälfte auch die Nacht ohne ein Dach über dem Kopf verbringen. Verbringen müssen, denn einen anderen Ort haben sie nicht. Anastasia* (34), ihre Töchter Kulika (15), Bianka (14) und Katrina (11) sowie ihre Ziehmutter Rosalia (64) sind im April aus Charkiw, einer jener Regionen in der Ukraine, die am massivsten von den russischen Angriffen betroffen ist, nach Graz geflohen. Doch hier war die Odyssee der Vertriebenen nicht zu Ende. Sie strandeten völlig mittellos im nahe dem Hauptbahnhof gelegenen Metahofpark – und mussten fast drei Monate dort ausharren.

Der russische Überfall auf die Ukraine forderte bisher an die 16.000 zivile Opfer, die Dunkelziffer liegt weit höher, über fünf Millionen Menschen sind auf der Flucht. In Charkiw wurden unzählige Gebäude zerstört. So auch das Zuhause von Anastasias Familie. Als die Bombardements Anfang 2026 immer heftiger wurden, wuchs auch ihre Angst. „Es war schon vorher nicht leicht“, so Anastasia. „Ich habe morgens von sechs bis acht in einem Hotel geputzt und danach auf dem Markt Kleider verkauft.“ Damit war es mit Kriegsausbruch vorbei. „Wir haben alles verloren, es gab keine Arbeit, die Mädchen konnten nicht mehr zur Schule gehen. Wir standen vor dem Nichts.“ Rosalia braucht kontinuierliche medizinische Versorgung, doch auch Medikamente waren nicht mehr zu bekommen. Anastasia hat noch eine vierte Tochter, mit 18 Jahren die älteste. Sie wollte unbedingt ihre beinah abgeschlossene Ausbildung zu Ende bringen. Also ist sie bei Verwandten in Charkiw geblieben. Anastasias Lider zucken, wenn sie über sie spricht, sie erträgt die Sorge kaum. Oft fällt der Strom aus und sie hat stunden- oder tagelang keine Nachricht von ihr. Dann zittert sie, ob sie noch am Leben ist. Ihren Mann hat sie bereits verloren. Vor einem halben Jahr ist er gestorben, als Soldat in der ukrainischen Armee. Vor dem Krieg hat er auf dem Bau geschuftet, 19 Jahre waren sie verheiratet.

Der Krieg hat ihr Zuhause in Trümmer gelegt, ihren Mann umgebracht, ihre Familie auseinandergerissen. Anastasia sah keinen anderen Ausweg mehr, als Charkiw endgültig zu verlassen, vor allem, um ihre Töchter in Sicherheit zu bringen. Wochenlang hat sie ihre Flucht vorbereitet, jeden Cent eingeteilt. Zunächst sind sie nach Berehove nahe der ungarischen Grenze gereist. Es ist ihre Geburtsstadt, die sie seit 18 Jahren nicht gesehen hat. Ungarisch ist ihre Erstsprache, Ukrainisch und etwas Russisch spricht sie ebenso. Tagelang waren sie unterwegs, quer durch das riesige, vom Krieg gebeutelte Land. Doch in Berehove angekommen, wird ihr klar: „Dort gibt es auch nichts.“ Keine Arbeit, keine Zukunft, dafür viel Angst und Armut. Als sie es schließlich weiter bis nach Österreich geschafft haben, kommen sie mit kaum mehr an, als sie am Leib tragen – und landen in Graz auf der Straße.

Denn seit Sommer 2025 stellt das Land Steiermark keine Notunterkünfte für Vertriebene aus der Ukraine mehr zur Verfügung. Bis sie in die sogenannte Grundversorgung aufgenommen werden, sind die Menschen auf sich allein gestellt. Ab der Antragstellung können sie zwar täglich die Lebensmittelausgabe der Caritas in Anspruch nehmen und sich nach dem aktuellen Stand erkundigen. Die Aufnahme kann jedoch Wochen, zuweilen sogar Monate dauern. Wer keine private Unterbringung findet oder sich so lange ein Hotel leisten kann, dem bleibt nichts anderes übrig, als auf der Straße bzw. eben im Park zu übernachten. Wie den fünf Frauen ergeht es immer mehr Familien.

Manchmal dauert der Prozess noch länger als vorgegeben. Bei den fünf Frauen sind es schließlich Monate. „Drei Monate waren wir im Park“, erzählt Anastasia, „immer wieder ist der Boden unter den Planen zu Matsch geworden und weggesunken, es hat so viel geregnet. Es war einfach furchtbar, mit die schlimmste Zeit in meinem Leben.“ Bianka nickt: „Ständig war alles nass und schmutzig. Was hätten wir machen sollen?“ Zwischen Ästen sind ein paar Stofffetzen gespannt, darunter wenige Habseligkeiten, ein alter Kinderwagen. Auf dem nackten Boden nur Pappkarton. Alle sind sie krank geworden, Katrina, die Jüngste, bekam hohes Fieber. „Gleichzeitig hatten wir nichts mehr zu essen. Ich wusste nicht mehr weiter.“ Als Anastasia uns ein paar Tage zuvor von ihrer ersten Zeit in Graz berichtet, ist ihr noch jedes Detail präsent, doch an dieser Stelle zittert ihre Stimme. „Eines Abends waren wir so verzweifelt, dass ich betteln gegangen bin. Noch nie in meinem Leben habe ich sowas gemacht und ich hätte mir nicht im Traum vorstellen können, das je tun zu müssen.“ Mit ein paar Euro kaufen sie etwas zu essen und nach einer Weile einen kleinen Gaskocher, um wenigstens Wasser warm zu machen. Denn das gibt es im Park auch nicht, nur einen Trinkbrunnen, der seit Wochen kaputt ist, und ein einziges öffentliches WC hinter einem ramponierten Bretterverschlag. Inzwischen kursieren Berichte über Zwangsprostitution – ein warmer Schlafplatz für sexuelle „Gegenleistungen“. Die Frauen bleiben eng zusammen, passen so gut es geht aufeinander auf. Rosalia zeigt auf eine flache Stelle unter einer Blutbuche ein paar Meter weiter. „Dort habe ich für uns dann Suppe gekocht.“

Bürgermeisterin Elke Kahr weiß um die Situation, die Stadt Graz sei fast ein Jahr lang in die Bresche gesprungen und hat mit Caritas und VinziWerken Notquartiere für die Vertriebenen organisiert. Im Frühjahr 2026 seien die Kapazitäten erschöpft, die vorhandenen Plätze massiv überbelegt, so das Sozialamt. Vor allem Quartiere für Familien fehlen. Essen stellt eigentlich die Caritas bereit. Doch Anastasia erzählt: „Oft haben wir da nur einen Becher Joghurt pro Person und ein Stück Brot oder Wurst für den ganzen Tag bekommen.“ Georg Eichberger von der Caritas bestätigt die Lebensmittelversorgung, ergänzt aber: „Wir können nur ausgeben, was gespendet wird.“ Zur medizinischen Versorgung steht den Betroffenen die Marienambulanz offen, dafür müssen sie allerdings mobil sein; komplexere Behandlungen oder Langzeittherapien können dort nicht durchgeführt werden. Mittlerweile ist ein Team ab und zu im Park präsent.

Streetworker:innen sind ebenfalls immer wieder vor Ort. Lösung können sie aber auch keine anbieten.

Helfen, wo weggeschaut wird

Die Notsituation der Menschen haben Tamara und Ola schon früh bemerkt. Die beiden wohnen in der Nähe des Metahofparks. „Als ich gesehen habe, dass dort Menschen mit Kindern, sogar Babys, übernachten, denen es ganz offensichtlich am Nötigsten fehlt, konnte ich das doch nicht einfach ignorieren“, so Tamara. „Die Situation hat sich immer weiter zugespitzt.“ Ola nickt: „Meine Kinder spielen selbst oft im Park. Es ist furchtbar, zu sehen, wie Mütter mit Kleinkindern unter solchen Bedingungen ausharren müssen.“ Kurzerhand organisieren die beiden eine kleine Spendenaktion in ihrem privaten Umfeld und kaufen Essen, Hygieneartikel, Babywindeln für die Vertriebenen. „Als wir das erste Mal mit Essen in den Park gekommen sind, haben uns die Kinder in wenigen Minuten alles abgenommen – nicht aus Unhöflichkeit, sondern vor lauter Hunger“, erinnert sich Tamara. Bald ist klar, dass sporadische Spenden nicht ausreichen, der Bedarf ist zu groß. Es kommen immer wieder neue Familien an, darunter viele Babys, Schwangere, ältere Menschen, Kranke, einige Kriegsveteranen.**

So auch aus Anastasias Familie. Im Juli sind ihre Großmutter Bella (72), ihr Bruder Federović (32), ihre Tante Ljuba (52) und eine Freundin, Jasmin (19), mit Baby Emil nach Graz geflüchtet. Bella hat sich gerade auf einer schmalen Holzbank niedergelassen, ein Tuch um die Schultern gelegt. Die Temperaturen an diesem Sommerabend sind gefallen, es ist fast herbstlich. Sie hat Brustkrebs, fortgeschrittenes Stadium. Eigentlich bräuchte sie intensive medizinische Behandlung. Hier ist sie dankbar, wenn sie ein Rezept für Schmerzmittel bekommt. Federović sitzt in einem alten Rollstuhl, auch der wurde durch Spenden organisiert. Ein Bein ist amputiert, ein Arm gelähmt, er kann kaum sprechen. Bevor er von der ukrainischen Armee eingezogen wurde, hatte er sich als Müllmann durchgeschlagen. „Beim Militär hat er sich eine Lungenkrankheit eingefangen, die unbehandelt geblieben ist – bis es zu spät war und sein Bein amputiert werden musste“, erzählt Ljuba aufgebracht. „Dann haben sie ihn in diesem Zustand zurückgeschickt.“ Federović schaut weg. Kulika steht auf und legt die Arme um ihren Onkel.

Es beginnt stärker zu regnen. Vorhin hat Jasmin noch das Baby gestillt, jetzt zieht sie ihr ärmelloses Shirt eng um den schmalen Körper, sie hat Gänsehaut, Jacke hat sie keine. Sie kramt in einem kleinen Haufen Babysachen, findet darin aber auch für Emil kaum etwas Wärmendes. Tamara wird später sowohl für sie als auch für das Baby etwas beim Discounter besorgen.

Als den beiden Helferinnen klar wurde, welches Ausmaß der Bedarf annimmt, gründeten sie die Initiative „Leave No One Behind“, starteten eine Go-fund-me Spendenkampagne *** und sind seither mindestens zweimal täglich im Park – alles in ihrer Freizeit. Längst versorgen sie die Ankommenden nicht nur mit Lebensmitteln, sondern helfen bei Behördenwegen, gehen mit ihnen medizinische Befunde durch, erklären, übersetzen, trösten und lachen. Nicht von Helferin zu Bedürftiger, sondern einfach von Mensch zu Mensch.

Immer wieder sind auch Ordnungswache und Polizei im Park präsent. Strafen werden für Verwaltungsübertretungen ausgestellt, wie die Störung öffentlicher Ordnung durch schlichte Präsenz. Doch wovon soll die jemand bezahlen, der nicht einmal Geld für Essen hat? Dass es zu keinerlei Straftaten von Seiten der Ukrainer:innen kam, bestätigt auch die Polizei. Trotzdem erhielt Anastasias Familie eine Anzeige, weil sie Anfang Juni in einer Nacht mit Starkregen in der leerstehenden Annenpassage Schutz gesucht hatten.

Nach zweieinhalb Monaten im Park wurde ihnen schließlich im Juli von der Stadt Graz eine Fläche zugewiesen, wo es mehr Platz, einige öffentliche WCs und bessere Versorgung geben sollte. Immer noch unter freiem Himmel, und am Stadtrand. Die Frauen richteten sich dort ein. In der zweiten Nacht dann der Schock. Eine Gruppe Männer griff die Vertriebenen an, schlug mit Stöcken auf die Planen ein. Bianka wurde am Kopf getroffen, von ihrem Zelt wollten sie gar nicht ablassen. Ihre Hilfeschreie hörte niemand. Schließlich rief eine Passantin, die an der nahen Haltestelle aus dem Bus ausstieg, die Polizei, nachdem Anastasia verzweifelt versucht hatte, auf ihre Not aufmerksam zu machen. Bis die Beamten eintrafen, waren die Angreifer davongerannt. Die Ermittlungen blieben bisher erfolglos. Nach den bereits durchgemachten Traumata hat sich der Angriff tief eingebrannt, beim Erzählen überschlagen sich die Stimmen der Mädchen noch heute.

Nach Monaten endlich ein Dach über dem Kopf,
doch die Verzweiflung bleibt

Das Wochenende danach wird die Familie durch die Stadt in einem Hostel untergebracht. Kurz darauf ist die Überprüfung ihrer Dokumente abgeschlossen und sie werden in die Grundversorgung aufgenommen. Rosalia, Anastasia und ihre Töchter bekamen ein Quartier zugewiesen. Dorthin werden sie heute Abend zurückkehren, eineinhalb Stunden Zugfahrt von Graz entfernt, während der Rest der Familie weiterhin im Park schlafen muss. Sie in ihrer neuen Unterkunft auch nur übergangsweise aufzunehmen, ist ihnen strikt verboten.

Der Tag, an dem wir sie kurz nach ihrem Einzug dort besuchen, ist Anastasias 34. Geburtstag. Der Raum in dem alten Haus ist fast leer, ein kleiner Tisch, ein paar zusammengewürfelte Stühle, eine in die Jahre gekommene Couch. Sie besteht darauf, dass sich alle setzen, sie selbst bleibt stehen. Sie hat kleine Häppchen vorbereitet, Muffins und ein Gugelhupf stehen daneben, von Ola und Tamara. Seit vorgestern haben Anastasia, Rosalia und ihre Töchter nach vielen Monaten zum ersten Mal wieder ein Dach über dem Kopf.

Doch noch immer bleibt die Versorgung mit dem täglichen Bedarf eine Gratwanderung. Die Überweisung auf die von der FPÖ eingeführten Bezahlkarten lässt auf sich warten. Wieder weiß Anastasia nicht, womit sie am nächsten Tag Lebensmittel einkaufen soll. „Ich bin so froh, dass wir nicht mehr im Park sind, aber jetzt, wenn ich ein paar ruhigere Stunden habe, kommen die Gedanken. Gut geht es mir nicht.“ Die Mädchen wollen so rasch wie möglich zur Schule, sie verstehen sogar schon ein wenig Deutsch. Anastasia bestärkt sie darin; sie selbst hatte, wie viele Rom:nja, nie die Möglichkeit dazu. Kulika möchte eine Lehre als Friseurin machen, Bianka Flugbegleiterin werden. In Charkiw hatte sie ihre Ausbildung schon geplant. Dann kam der Krieg. Mitten ins allgemeine Lachen und Scherzen von vorhin, sagt Kulika: „Aber ich vermisse meinen Papa so sehr.“ Bianka nimmt sie in den Arm. „Wir alle.“

Die Bundesregierung streicht ab Herbst auch noch die Familienbeihilfe für Ukrainevertriebene, tausende Familien stürzt das in akute Verarmungsgefahr. Trotzdem werden weiterhin Menschen ankommen, solange Krieg, Not und Zukunftsangst sie zur Flucht zwingen. Graz trägt Titel wie Menschenrechtshauptstadt und Kulturhauptstadt. Im August fand eine öffentliche Kundgebung, mitorganisiert von „Leave No One Behind“ statt, die menschenwürdige Versorgung und Unterbringung Geflüchteter forderte.

Aus dem Büro des zuständigen FPÖ-Soziallandesrats Amesbauer heißt es, was die Stadt freiwillig tue, sei deren Sache, der Bund müsse eine Lösung finden. Doch was passiert, wenn man bis dahin jede Unterstützung verweigert und Babys, Alte, Kranke, Schwangere gänzlich unversorgt lässt? Es ist nur eine Frage der Zeit, bis es zu schweren Notfällen, schlimmstenfalls Toten, kommt. Nimmt man das in Kauf? Die Antwort: Schweigen.

Anastasia verteilt Trinkbecher aus Pappe, Geschirr hat sie keines. Durch das trübe Fensterglas blitzen Sonnenstrahlen auf den wackeligen Tisch mit dem Kuchen, den Tamara mitgebracht hat.

Ihr Blick wandert über die kahlen, schmutzigen Wände zu den versammelten Menschen im Raum. „Das ist mein schönster Geburtstag seit langem“, sagt Anastasia leise und Tränen rinnen ihr übers Gesicht.

[Hinweis: Anastasias Mann hat seinen Einsatz in der ukrainischen Armee überlebt — das wurde erst nach Veröffentlichung dieses Textes bekannt.]

* Namen von der Redaktion geändert

** Je nach Entwicklung der Lage in der Ukraine kommen unterschiedlich viele Menschen auf der Flucht notgedrungen in Graz unter.

*** Spenden für Leave No One Behind (siehe QR-Code). Welche Sachgüter dringend benötigt werden und weitere Updates gibt es regelmäßig auf Instagram.