Illustrationen: Marina Labella
„Scheisse, glaubst du, der brüllt wegen der Klima?“
Unsere Autorin wollte nie eine Klimaanlage. Dann zog sie ins Dachgeschoss. Was folgte: Paranoia, Großeltern-Weisheiten und die Erkenntnis, dass sich das schlechte Gewissen im Zweifelsfall wegkühlen lässt.
Eigentlich sollte diese Wohnung unser romantisches Liebesnest werden. Aber dann verwandelt sie sich schon bei der ersten Hitze in einen Backofen. Von Mittag bis Abend knallt pralle Sonne auf die Dachfenster. Nach zwei Tagen sieht mein Efeu unter der Dachschräge aus, als hätte ich ihn im Airfryer gebraten.
Klimaanlagen sah ich lange als Perversion an: Sie verlagern Hitze aus der Wohnung nach draußen und verschärfen damit genau das Problem, vor dem sie schützen sollen. Nie hätte ich gedacht, dass ich eines Tages auf die dunkle Seite der Aircon wechseln würde. Aber die Aussicht, den Sommer im Dachgeschoss-Hitzestau zu verbringen, ist niederschmetternd. Ich beschließe zu handeln. Aber wie?
Der Einbau einer Split-Klimaanlage ist in Österreich kein kleines Politikum. Auf der Website der Stadt Graz steht: Weil beim Einbau einer Split-Klimaanlage in die Außenfassade eingegriffen wird, braucht es in Eigentumswohnungen grundsätzlich die Zustimmung der übrigen Eigentümer:innen; zusätzlich ist eine Baubewilligung erforderlich.
„Diese Genehmigungen holen sich die wenigsten“, teilt uns der Chef der Montagefirma für Klimaanlagen mit. Denselben Satz hören wir von allen Seiten: Der offizielle Weg sei langwierig bis unmöglich.
Während mein Müsli auch ohne Kochen zum Porridge wird, serviert die Zeitung am Frühstückstisch jeden Morgen neue Hitze-Schlagzeilen. Noch nie seit Beginn der Messungen 1858 waren die Temperaturen so hoch wie zu Beginn dieses Sommers. In der Steiermark starben in den vergangenen Jahren mehr Menschen an den Folgen von Hitze als in jedem anderen Bundesland Österreichs. Und alle, die sich schützen wollen, müssen sich durch einen bürokratischen Hürdenlauf kämpfen? Wie kann das sein?
Sven und ich mobilisieren die sehr limitierte kriminelle Energie in uns. Und entscheiden uns für den inoffiziellen Weg.
Ein paar Wochen später feiert das Ding Premiere. Ein Piepen ertönt, die längliche Klappe fährt langsam nach oben, das Rauschen erklingt wie ein Versprechen. Nun hängt sie da in unserem Vorzimmer und tauscht warme gegen kühle Luft – in stummer Eleganz, geboren aus unserer Not heraus. Und ohne Genehmigung. Unsere Split-Klimaanlage der Marke Daikin. Kosten inklusive Installation: schwindelerregende 3.764,68 Euro. Nach meinem Auto die zweitteuerste Anschaffung meines Lebens.
Im Büro schwitzen meine Kolleg:innen. Über Europa rollt die erste lange Hitzewelle des Sommers. Beschämt erzähle ich von unserer neuen Anschaffung. „Ihr seid alle herzlich zum Co-Working im Kühlen eingeladen“, schreibe ich. Anschließend lege ich voller Genuss einen Mittagsschlaf bei erfrischenden 25 Grad ein. Als ich den Flugmodus ausschalte, wartet bereits eine WhatsApp-Nachricht von Sven auf mich:
„Ich hab gerade einen unerfreulichen Anruf bekommen wegen der Klimaanlage. Vielleicht solltest du sie besser ausschalten.“
Der Anruf kam von einem Elektriker. Unsere Hausverwaltung hatte ihn eingeschaltet, nachdem sich unser Nachbar – Ü70, leichte Züge von Anthony Hopkins – beschwert hatte. Seit den Stemmarbeiten (hoppla) gebe es Probleme mit seiner Freisprechanlage. Das Bohren des etwa 60 Millimeter breiten Lochs durch unsere Fassade war also nicht unbemerkt geblieben. Verdammt. Der Elektriker habe nun den Auftrag, der Ursache der Beschwerden nachzugehen. Ob diese tatsächlich mit unserer Klimaanlage zu tun haben oder ob der Nachbar dem fußballuninteressierten Sven die wiederholten Absagen zu seinen Fußball-Watchpartys übelgenommen hat, werden wir wohl nie erfahren.
Seit diesem Anruf leben wir in ständiger Alarmbereitschaft. Wir entwickeln leicht paranoide Züge. Sven liegt aus Sorge bis fünf Uhr morgens wach. Ich tappe während meiner Arbeitszeit im Homeoffice auf Zehenspitzen durch die Wohnung, als könnte ich im Fall eines Überraschungsbesuchs einfach nicht da sein. Trotzdem lassen wir die Klimaanlage weiterlaufen – zumindest tagsüber, solange ihr leises Surren im Verkehrsrauschen untergeht.
„Du Vullidiot!“, hört Sven den Nachbarn unter uns schreien. „Scheisse, glaubst du, der brüllt wegen der Klima?“, fragt er mich. Wir schalten sie sofort aus. Als Deutschland gegen Ecuador im Fernsehen läuft, schlägt Sven vor, sie ein paar Stufen höher zu drehen. „Jetzt schaut er fix das Spiel. Da können wir kurz ausprobieren, wie sich das stärkere Gebläse anfühlt.“
Auf der Suche nach einem Licht am Ende des Tunnels, wende ich mich an den Konsumentenschutz der Arbeiterkammer Steiermark. Mit dem Problem seien wir längst nicht allein, bestätigt Karl Raith, Leiter der Abteilung Wohnrecht. Die Anfragen hätten merklich zugenommen. Meist gehe es darum, ob Mieter:innen oder Eigentümer:innen überhaupt eine Split-Klimaanlage einbauen dürfen und welche Genehmigungen nötig seien. Die bestehenden Vorschriften seien angesichts immer häufiger werdender Hitzewellen nicht mehr zeitgemäß. Trotzdem fehle bis heute eine klare gesetzliche Regelung. „Man kann ja nicht gerade sagen, dass diese Thematik völlig überraschend aufgetaucht ist“, sagt Raith. „Solange der Gesetzgeber keine Klarheit schafft, bleibt das kompliziert bis kaum umsetzbar.“ Zwar könne man die Zustimmung der übrigen Wohnungseigentümer:innen unter bestimmten Voraussetzungen gerichtlich durchsetzen. In der Praxis dauern solche Verfahren jedoch oft so lange, dass Menschen, die aus gesundheitlichen Gründen rasch Kühlung brauchen, nicht geholfen ist.
Dass Wohnungen heute schneller aufheizen als noch vor einigen Jahrzehnten, überrascht René Rieberer vom Institut für Wärmetechnik der TU Graz nicht. „Steigende Außentemperaturen und höhere Wärmeeinträge belasten Wohnräume zunehmend“, sagt er. „So gesehen kann von einer notwendigen Klimaanpassung gesprochen werden.“
Ja und jetzt?
„Den Elektriker, den die Hausverwaltung schickt, schmierst einfach und fertig!“, antworten meine Großeltern beinahe synchron auf meine Erzählung von der Klimaanlagen-Odysee. Wir sitzen im klimatisierten Besucher:innenraum des LKHs, wo meine Oma gerade eine OP hatte. Das Thema scheint sie noch mehr aufzuregen, als der ‘Krankenhausfraß’. „Mah was glaubst, wenn wir immer den offiziellen Weg g’angen wären, würd’ unser Haus heut noch net stehen“, fügt mein Opa mit Lässigkeit hinzu. Er ist über 80. Plötzlich wirkt er 60 Jahre jünger.
Tausende Male habe er das schon so gemacht. „Also soll ich dem Elektriker einfach hundert Euro anbieten und fragen, ob er uns dafür bitte nicht bei der Hausverwaltung melden könnte?“, frage ich unschuldig. „Jessas Maria Dirndl, du kennst di echt net aus. Na horch’ her wie ma’ des macht!“ Und dann demonstrieren Oma und Opa mit einer Selbstverständlichkeit wie man „sowas“ macht:
Schritt 1: gute Mehlspeise backen (unbedingt selber machen!)
Schritt 2: frischen Kaffee inklusive Mehlspeise anbieten
Schritt 3: beobachten, wie der Elektriker so tickt, und bei Gemeinsamkeiten einhaken
Schritt 4: Mitgefühl für die eigene schwierige Lage erzeugen
Schritt 5: beim Abschied 100 Euro zustecken und dazusagen: „Für Ihre Mühen und vielen Dank für Ihre Hilfe!“
Schritt 6: Abwarten und hoffen, dass die Botschaft angekommen ist
Angesichts meiner Überforderung schlagen meine Großeltern vor, mein Papa solle den Elektriker statt mir empfangen. Tage vergehen. Die Daikin benutzen wir heimlich wie Kriminelle. Vom Elektriker keine Spur.
25. Juni, 34 Grad. Sven kommt aus dem Müllraum zurück. „Die Frau Ploder hat grad einen Nervenzusammenbruch gehabt“, teilt er mir mit. Frau Ploder ist unsere 83-jährige Nachbarin. Vor kurzem ist ihr Partner verstorben, jetzt wohnt sie alleine. „Sie weiß nicht, wo der Hubert den Ventilator hingeräumt hat.“ Sven schenkt ihr einen unserer Ventilatoren. Er hofft, dass sie nicht fragt, warum wir ihn nicht mehr brauchen.
27. Juni, 36 Grad. Frau Ploder läutet an unserer Tür. Ich versuche die kühle Luft, die aus unserer Wohnung dringt, vor ihr zu verbergen. Gewissensbisse plagen mich. Dabei möchte sie sich nur mit einer Flasche Kernöl für den Ventilator bedanken. Ich biete ihr noch einen zweiten an, damit sie den einen nicht ständig von Raum zu Raum schleppen muss und helfe ihr beim Tragen. In ihrer Wohnung herrscht eine andere Klimazone. Aus Angst vor der Hitze lüftet sie auch nachts nicht, erzählt sie mir. Vor ihren Dachschrägenfenstern hängen durchsichtige Seidentücher. Jalousien gibt es keine.
Ich mach’ mir Sorgen, dass sie umkippen könnte. „Die Teppiche hab’ ich eh schon alle weggeräumt, damit ich nicht drüber stolpern kann“, antwortet sie. Für einen kurzen Moment bilde ich mir ein, selbst auf der Stirn der filigranen Porzellanfigürchen am Wohnzimmertisch Schweißperlen zu sehen. Seit den 60ern wohnt Frau Ploder bereits in dieser Wohnung. Aber noch nie sei es so heiß gewesen. Während ich ihr Außenjalousien erkläre, merke ich, wie unbefriedigend dieses Gespräch eigentlich ist. Denn die naheliegendste Lösung verschweige ich ihr.
Außenbeschattung durch Jalousien sei tatsächlich der wichtigste Hebel gegen sommerliche Hitze, sagt Rieberer. Doch auch die stoßen an ihre Grenzen. Vor allem in Wohnungen in bestehenden Gebäuden und in Dachgeschosswohnungen würden sich Räume trotz Beschattung oft schon nach wenigen heißen Tagen stark aufheizen. Gleichzeitig bringe die Nachtlüftung immer seltener ausreichend Abkühlung. „Speziell bei Bestandsgebäuden wird nichts anderes übrigbleiben, als zukünftig verstärkt Klimageräte einzusetzen“, sagt er. Entscheidend sei dabei, auf möglichst effiziente und leise Geräte zu setzen.
Meine Klimaanlage wird die Klimakrise nicht lösen, das weiß ich. Aber sie ist auch nicht mehr der Klimasünder, für den ich sie lange gehalten habe. Klimageräte seien zwar nur dann klimafreundlich, wenn sie mit möglichst emissionsarm erzeugtem Strom betrieben werden und keine Kältemittel entweichen, sagt Rieberer. Gleichzeitig ist der Strommix – gerade im Sommer – deutlich grüner geworden. Moderne Splitgeräte arbeiten wesentlich effizienter und verwenden umweltfreundlichere Kältemittel.
Deutlich kritischer beurteilt Rieberer mobile Klimageräte mit Abluftschlauch. Sie seien „nicht gerade die effizienteste Art zur Kühlung von Wohnräumen“. Weil sie warme Luft von außen oder aus anderen Räumen nachziehen, gehe ein Teil der Kühlleistung verloren. Splitgeräte hätten diesen Nachteil nicht: Sie gäben die Wärme direkt an die Außenluft ab und seien deshalb „systembedingt“ effizienter.
Vielleicht hat das inzwischen auch die Politik erkannt. Sowohl auf Bundes- als auch auf Landesebene werden derzeit Erleichterungen vorbereitet – allerdings an unterschiedlichen Stellen. Wohnminister Andreas Babler (SPÖ) prüft Änderungen im Miet- und Wohnungseigentumsrecht, um Maßnahmen zum Hitzeschutz leichter durchsetzen zu können. Parallel dazu will das Land Steiermark die baurechtliche Bewilligungspflicht für Klimaanlagen abschaffen. Künftig soll – analog zu Wärmepumpen – eine Meldung samt schalltechnischem Nachweis genügen.
Raith begrüßt die geplante Änderung. Wer keine Baubewilligung mehr brauche, müsse zumindest nicht mehr befürchten, dass die Behörde vor der Tür stehe. Die eigentliche Hürde – das Miet- und Wohnungseigentumsrecht – bleibe damit allerdings bestehen.
Ich bin müde von der Vorstellung, dass Konsument:innen mit schlechtem Gewissen das ausbaden sollen, was ein profitgieriges Wirtschaftssystem verursacht hat: nämlich die Klimakatastrophe. Mein schlechtes Gewissen ist deshalb nicht verschwunden. Aber es hat Risse bekommen.
Auch in der politischen Linken wird gerade neu verhandelt, wie man zur Klimaanlage steht. Matthias Daum schreibt in der ZEIT, Klimaanlagen seien „weder Heilsbringer noch Sündenfall“, sondern Teil einer größeren Transformation – und warnt davor, das Thema kampflos der Rechten zu überlassen, die mit einfachen Versprechen punktet, während linke Antworten wie Entsiegelung oder Fassadendämmung zwar richtig, aber langsam sind. Vielleicht bin ich also nicht die Einzige, die ihr Verhältnis zur Klimaanlage gerade neu sortiert.
Immer noch keine Spur vom Elektriker. Die Mehlspeise nach Rezept meiner Großeltern habe ich auch noch nicht gebacken. Das Problem wurde anscheinend in einer anderen Wohnung gelöst. Vielleicht hat sich der Klimakrimi nur in unseren Köpfen abgespielt?
Unsere Paranoia lässt nach. Unsere Daikin läuft inzwischen manchmal schon auf Stufe 2. Der Nachbar flucht nur noch während seiner heißgeliebten Fußballspiele. Manchmal schauen wir vom Dachschrägenfenster hinüber und sind erleichtert, wenn Frau Ploders Fenster gekippt ist. Gerade ist es etwas kühler – die Ruhe vor der nächsten Hitzewelle. Für unsere Daikin kommen die Reformen zu spät. Für Frau Ploder hoffentlich nicht.
>>> Die Namen der Protagonist:innen wurden von der Redaktion geändert, um ihre Anonymität zu wahren. Die Namen der Experten wurden nicht verändert.