Fotos: Jakob Gosch
Durst auf Abkühlung
Wenn die Hitze in den Straßen steht, wird Abkühlung zur Frage von Zugang und öffentlichem Raum. Jede:r schwitzt, aber leiden alle gleich? Eine Grazer Gruppe sucht nach Antworten und zeigt auf, wem welche Abkühlung in der Stadt nicht zur Verfügung steht.
Die Füße im Wasser abkühlen und ein paar Schritte durch das flache Becken machen oder gleich über den türkis-blauen Beckenboden gleiten. Während Kinder mit aufblasbaren Tieren planschen, huschen Menschen rundherum von Schatten zu Schatten. Danach ein schmelzendes Eis am Beckenrand. So könnte urbane Abkühlung an heißen Sommertagen aussehen – mit zentralen Orten, die längst da sind und vielleicht mehr können, als wir ihnen bisher zutrauen. Brunnen.
Die Stadt sucht Abkühlung
Ende Juni zeigte sich, wie konkret diese Zukunft bereits ist: Paris meldete 44 Grad und nationalen Hitzenotstand, Graz steuerte ebenfalls auf Temperaturen nahe 40 Grad zu. Im Wahlkampf wurde über heiße Innenstädte gesprochen – meist über das, was irgendwann passieren müsste. Dabei ist Hitze längst mehr als ein unangenehmes Sommergefühl. Sie beeinträchtigt Schlaf und Produktivität, erhöht das Risiko für Unfälle, psychische Krisen und aggressives Verhalten und geht zugleich mit einer erhöhten Sterblichkeit einher. Das Erste, was einer schlecht abgekühlten Gesellschaft verloren geht, sind Menschenleben.
Eine Gruppe in Graz setzt deshalb früher an: bei Orten der Abkühlung, die längst da sind. Die fünfköpfige Badebande entstand lose aus dem gemeinsamen Studium, Freundschaft und der geteilten Beschäftigung mit Wasser im öffentlichen Raum. Ziel der Gruppe ist es, bestehende Wasserressourcen sichtbar zu machen und „hervorzuholen“. An einem Abend nach der Arbeit erzählen Alice und Lea – zwei der fünf Bandenmitglieder –, warum sie Brunnen, Wasserspiele und Flüsse nicht nur als Stadtdeko sehen: „Wir wollen etwas provokativ aufzeigen, dass es Ressourcen gibt, die nicht genutzt werden“, erklärt Alice. Lea fügt hinzu, dass das Ganze vor allem auf spielerische Art ins Blickfeld gerückt werden soll. „In der Schweiz ist das gang und gäbe, dass die potenziellen Bademöglichkeiten zugänglicher gemacht werden“, sagt sie. Eine dieser Möglichkeiten sind Brunnen.
Was da ist, nutzbar machen
Nach Feierabend, wenn die Hitze noch in den Straßen hängt, steigen Menschen in der Schweiz in manchen Städten ganz selbstverständlich in öffentliche Brunnen. Die Kampagne „Fountain Dip“ etablierte, dass Brunnen auch anders gedacht werden können: als Orte der Abkühlung statt nur als Stadtdeko. In Graz ist Brunnenbaden laut Grünanlagenverordnung als „zweckwidrige Benützung“ untersagt. Die Badebande hat es trotzdem ausprobiert: Ihr erster Ausflug führte ins kühle Marmorbecken vor der Oper. Der Brunnen sei eben nicht „ganz so schmutzig wie andere“, sagt Lea. Geplant war die Aktion anfangs kaum: „Das war viel spontaner als gedacht.“ Dieser nächtliche Ausflug war die Initialzündung für die Bande, aktiver zu werden. Dass Brunnenbaden provoziert, ist Alice bewusst. Neben hygienischen Fragen gebe es auch Bedenken zum Denkmalschutz – und das durchaus berechtigt. Gerade deshalb wolle die Gruppe eine generelle Diskussion darüber anstoßen, wie bestehende Wasserflächen künftig genutzt werden könnten.
Offiziell sind Grazer Brunnen (noch) keine Badeorte. Gerald Zaczek-Pichler von der Holding Graz verweist auf die mangelnde technische Ausstattung: „Aktuell werden die meisten Brunnen und Wasserspiele mit einer einfachen Chlorfilteranlage grob gereinigt.“ Deshalb gebe es hygienische Bedenken. Auf die Frage, was nötig wäre, um die Wasserqualität zu verbessern, blieb eine konkrete Antwort aus. Abkühlung in Brunnen aktuell also Fehlanazeige.
Bleibt das Schwimmbad und die wenigen Badeseen im Umland. Das kostet. Ein regulärer Tageseintritt im Freibad liegt bei 8,90 Euro, für Familien summiert sich ein Badetag schnell. Außerdem steigt der Preis stetig. Im vergangenen Jahr durchschnittlich um rund 4,5 Prozent. Dass SozialCard-Inhaber:innen weniger zahlen, löst das Grundproblem nicht.
Denn: Wer am stärksten unter der Hitze leidet, ist nicht nur eine Frage des persönlichen Empfindens. Ältere Menschen, Säuglinge, Menschen mit Erkrankungen und Personen, die im Freien arbeiten, sind körperlich besonders gefährdet. Hinzu kommt eine strukturelle Dimension: Laut einer Umfrage der Volkshilfe aus 2023 fehlt ärmeren Menschen nicht nur der Zugang zu Abkühlung – es fehlen auch die Mittel, um sich gegen die Effekte der Klimakrise und anhaltender Hitzeperioden zu wappnen. Wer zur Miete wohnt, kann keine Außenjalousien montieren: zu teuer, rechtlich meist ohnehin nicht umsetzbar. Wer wenig verdient, kann sich keine Klimaanlage leisten – und oft auch nicht die Stromrechnung, die sie mit sich bringt. Armutsbetroffene wohnen häufiger in schlecht isolierten Wohnungen, in dichter bebauten Vierteln, näher am aufgeheizten Asphalt. Es fehlt an Abkühlung.
Und was kann helfen?
„Das bestehende System, die vorhandenen Ressourcen in den Fokus rücken“ – so beschreibt Alice die Kernidee der Badebande. Brunnen sind öffentlich, eigentlich für alle zugänglich und könnten genau dort kühlen, wo Beton und Asphalt die Hitze wie eine Wärmeflasche speichern. Dass sie es aktuell nicht dürfen oder können, ist auch eine politische Entscheidung.
Für den Umweltökonomen Prof. Dr. Stefan Borsky vom Wegener Institut für Klima und Globalen Wandel ist Wasser in der Stadt deshalb mehr als Freizeit. Er sieht eine der größten Chancen zur kollektiven Abkühlung in bestehender „blauer Infrastruktur“ – also in Teichen, Kanälen, Flüssen, Feuchtgebieten und öffentlichen Schwimmbädern. Entgegen der Vermutung kühlen Schwimmbäder dabei nicht die Gesamttemperatur eines Ortes ab – dafür ist der Wasserkörper schlicht zu gering. Grüne Infrastruktur, also Bäume, Parks und begrünte Flächen, wirkt hingegen doppelgleisig: Sie kühlt das Umfeld und den Menschen durch Schatten und Befeuchtung. „Es braucht beides“, erklärt Borsky. „Öffentliches Schwimmen“, so Borsky, „ist viel mehr als nur individuelle Abkühlung.“ Schwimmbäder seien sozialer Verknüpfungspunkt, wo sich Gemeinschaften bilden und jede:r miteinander spreche.
Dass Schwimmbäder nie nur harmlose Freizeitorte waren, zeigt seine Forschung am historischen Beispiel der USA. Als im Zuge der Bürgerrechtsbewegung Schwarze und Weiße Menschen gemeinsam Zugang zu öffentlichen Pools bekommen sollten, zogen manche Verantwortliche eine radikale Konsequenz: Becken leeren statt integrieren. „Bevor ich einen Schwarzen in den Pool lasse, lasse ich den Pool aus“, fasst Borsky diese rassistische Haltung zusammen. Was folgte, war der sogenannte White Flight – wohlhabende, weiße Familien zogen in die Vororte, bauten private Pools, gründeten exklusive Swim Clubs. Öffentliche Bäder blieben zurück: vernachlässigt, unterfinanziert, in ärmeren Vierteln mit hohem Anteil Schwarzer und migrantischer Personen. Schwimmen wurde vom öffentlichen Ort der Begegnung zum privaten Privileg.
Graz ist nicht das New York City der 1960er-Jahre. Aber auch in der Steiermark lässt sich beobachten, wie Abkühlung zunehmend privatisiert und getrennt gedacht wird. Wie deutlich, zeigen Satellitenbilder der Stadt und Umgebung: Vom Ruckerlberg über Andritz bis nach Eggenberg, Wetzelsdorf, Straßgang, Ries – überall kleine blaue Punkte, mal rechteckig, mal rund, mal oval. Private Pools. Erhebungen des Landes auf Basis der Luftbilder aus den Jahren 2022 bis 2024 bestätigen das. 65.838 private Pools stehen in steirischen Vorgärten. In Graz-Umgebung ist die Dichte nach Leibnitz am höchsten. 8,6 Pools je 100 Einwohner:innen.
„Das Schlimmste für eine Stadt ist, wenn sich Gesellschaftsgruppen nicht mehr treffen“, sagt Borsky. Aus Sicht der Badebande könnten Brunnen und revitalisierte Gewässer wie der Mühlgang gerade hier übergangsweise Abhilfe schaffen und die Breite der Gesellschaft etwas abkühlen. Urbane Räume bräuchten urbane Lösungen: Wasser müsse funktional, und politisch erlebbar gemacht werden.
Oder die Mur. Eigentlich.
Mitten durch Graz fließt die naheliegendste Abkühlungsmöglichkeit der Stadt – ungenutzt. Sie wäre genau jene blaue Infrastruktur, von der Stefan Borsky spricht: ein Gewässer, das nicht erst gebaut werden muss, sondern längst da ist. Im Grazer Wahlkampf wurde über eine badetaugliche Mur diskutiert, später brachten auch die Grünen das Thema im Landtag auf. Noch wird vom Baden jedoch dringendst abgeraten: wegen hoher Bakterienbelastung, insbesondere durch fäkale Verunreinigungen, aber auch wegen gefährlicher Strömungen und Treibgut. Diskutiert wird vor allem über Monitoring, Wasserqualität und mögliche Flussabschnitte zum Baden. Doch bis daraus Realität wird, bleibt die Abkühlung für alle Grazer:innen Zukunftsmusik. Borsky hält sie dennoch nicht für verloren: „Mit ein bisschen politischem Willen lässt sich das Baden ermöglichen.“ Zuständig ist jedoch auch das Land Steiermark. Ob der politische Wille folgt, ist also mehr als offen.
Die Badebande setzt deshalb vorerst auf das, was schon jetzt kühlt – oder zumindest sichtbar macht, wie viel Wasser ungenutzt bleibt und wo es fehlt. In Graz fehlt den Bandenmitgliedern neben der Arbeit oft die Zeit, größere Aktionen zu planen. Im Hintergrund wird dennoch fleißig recherchiert, notiert und an einem Wasserguide gearbeitet, der künftig zeigen soll, wo die nächste Abkühlung wartet.
In Wien sind zwei weitere Bandenmitglieder, Luise und Jules, bereits einen Schritt weiter. Dort konnten die Aktionen direkt an ihr Studium geknüpft werden und bekamen dadurch mehr Raum. So entstanden unter anderem überdimensionale, wassergefüllte Kühlpads, die den öffentlichen Raum an heißen Tagen erträglicher machen sollen – gleichzeitig zeigen sie, welch kühlende Funktion Wasser im städtischen Raum haben kann.
Stefan Borsky weiß: „Das Thema Hitze geht nicht weg. Es wird auch nicht mehr kühler.“ Es gebe nicht die eine Lösung, sondern ein Portfolio, an dessen Schrauben immer wieder gedreht werden müsse. Deshalb sei er auch der Brunnen-Idee der Badebande nicht abgeneigt: nicht als große Lösung, aber als möglicher Baustein unter vielen. Bei bestimmten Hitze-Warnwerten könnten zudem öffentliche Bäder kostenlos öffnen, zumindest für besonders exponierte Gruppen. Und wenn private Möglichkeiten fehlen, müsse die öffentliche Hand mehr abfedern.
Dass es nicht die eine große Lösung braucht, sondern viele kleine Bausteine, entspricht auch dem Ansatz der Badebande. Bis dahin gilt: Das Eis schmilzt am Brunnenrand genauso schnell wie am Beckenrand. Nur reinspringen darf man dort nicht. Noch nicht.