Februar 2026

Megaphon #360

Hör ich da Lieferandoooo?

Es gibt so einige Erinnerungen, die vergisst man nicht mehr, ob man will oder nicht.
Mit hohem Tempo sause ich den Radweg entlang, der Rucksack wiegt schwer auf den Schultern, der fehlende Bauchgurt, der ein Jahr zuvor eingespart wurde, macht sich bemerkbar. Und dann? Dann liege ich auf dem Boden. Mein Rad lehnt unbeeindruckt an der Hauswand, als ich meine Augen wieder öffne, neben mir ein Mann, der sich rauchend fragt, was denn hier grad passiert ist. Er war es auch, der das Rad schnellstmöglich von der Straße gehoben und sicher aufgestellt hat. Xenon-Scheinwerfer, Randstein, Salto. Mehr braucht man nicht, um sich vorstellen zu können, was passiert ist. Und die erste Frage meines Arbeitgebers? Kannst du die Suppe noch ausliefern? Hör ich da Lieferando?

Was als zeitlich begrenzte Einnahmequelle während der Coronazeit mein eigener Alltag war, ist für zahlreiche Fahrer:innen in den meisten österreichischen Städten Dauerzustand. Schuften für die Plattform-Ökonomie und fast keine Rechte haben – so lässt sich die Arbeit nüchtern beschreiben. Die meisten sogenannten Rider sind junge Männer mit Migrationshintergrund, die für wenig Geld und unter hohem Risiko als freie Dienstnehmer arbeiten oder formal selbstständig für Subunternehmen tätig sind, die im Auftrag großer Plattformen handeln.

Das System ist groß: Laut „Standard“ sind in Österreich rund 5000 Essenslieferant:innen mit Würfelrucksack, Fahrrad oder Mini-Roller unterwegs. Der Einstieg ist dabei denkbar niedrigschwellig – Smartphone, Fahrzeug und körperliche Belastbarkeit genügen. Das zieht viele an, trotz vielfach kritisierter Arbeitsbedingungen.

Auch in Graz boomt das Geschäft: Vier Plattformen liefern hier Essen auf Knopfdruck. Wie der Alltag der Fahrer:innen in der Landeshauptstadt tatsächlich aussieht, zeigt unsere Reportage.

Editorial: Claudio Niggenkemper

In diesem Monat zu lesen

 

Interview: Was wir sind, wenn keiner hinsieht

Im Interview mit dem Grazer Rapper Al Pone über die Entstehung seines Albums Benjamin und der dazugehörigen Dokumentation. Al Pone thematisiert Offenheit, mentale Gesundheit und Männlichkeitsbilder im Hip-Hop. Künstler:innen und Beteiligte sprechen darüber, warum Verletzlichkeit in einer von Konkurrenz und Selbstdarstellung geprägten Szene zugleich Risiko und notwendiger Schritt ist.
Text: Michael Zakary

REPORTAGE: (K)ein Job für die Ewigkeit

Aus einem Selbstversuch gewachsen, haben unsere Autorinnen den Arbeitsalltag von Lieferbot:innen in der Landeshauptstadt genauer unter die Lupe genommen. Der Einblick schildert den Arbeitsalltag von Lieferbot:innen in Graz als von Algorithmen gesteuerte Abfolge aus Warten, Zeitdruck und körperlichem Risiko bei gleichzeitig fehlender sozialer Absicherung.
Text: Simone Seifter & Clara Elisabeth Wehinger

UMFRAGE: Die Wichtigsten Erkenntnisse

Das Wichtigste auf einen Blick (weitere in der gedruckten Ausgabe):

Wie oft kaufen Sie das Megaphon?

  • Jede Ausgabe: 35,1 %

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  • Ein paar Mal im Jahr: 27,6 %

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Haben Sie eine:n Stammverkäufer:in?

  • Ja: 58,2 %

  • Nein: 41,8 %

Wie empfinden Sie den Kontakt mit den Verkäufer:innen?

  • Sehr angenehm: 58,7 %

  • Eher angenehm: 28,1 %

  • Weder angenehm noch unangenehm: 8,7 %

  • Vermeide den Kontakt bewusst: 2,9 %

  • Eher unangenehm: 1,3 %

  • Sehr unangenehm: 0,3 %

Umfrage: Zentrum für Sozialforschung Uni Graz & Claudio Niggenkemper

Quellenangaben Rubrik: Zahlen
30 Schusswaffen, 41 Social Justice Index, 6,5 Lebenserwartung, 1 % Vermögen, KI Bilder, 20.02.2026 Internatioler Tag der soz. Gerechtigkeit, <500 digitale Arbeitsplattformen