Text: Anna Maria Steiner
Fotos: Thomas Raggam

Elliot Edegbe

Verkauft das Megaphon seit 2019 in der St. Peter-Haupstraße 194 in Graz.

Mein Name ist Prince Elliot Edegbe, ich kam in Nigeria zur Welt. Der Zusatz „Prinz“ bedeutet nicht, dass ich hätte König werden können, aber er weist darauf hin, dass ich aus einer angesehenen Familie stamme. Dadurch war es mir auch möglich, in Nigeria ein Gymnasium zu besuchen. Später studierte ich Öffentlichkeitsarbeit (Public Relations – kurz PR –, Anmerkung der Redaktion). Als PR-Manager hatte ich viel mit staatlichen Behörden zu tun und arbeitete auch zwei Jahre lang für die Firma STRABAG, die man in Österreich gut kennt. Ich mochte meine Arbeit in der Firmen-Kommunikation sehr, doch mein Problem war der korrupte Staat. Wem das nicht passt und wer dagegen etwas tun will, für den kann das Leben in Nigeria sehr gefährlich werden. Deshalb bin ich geflüchtet. Ich erinnere mich noch genau, als ich nach Österreich gekommen bin: Es war ein kalter Februar-Tag. Es hat geschneit, und Schnee kannte ich nur aus dem Fernsehen.
Mit anderen kommunizieren
Seit fast drei Jahren komme ich jeden Tag in die St. Peter-Hauptstraße 194 und verkaufe hier vor dem Spar das Megaphon. Als jemand, der in der Öffentlichkeitsarbeit tätig war, weiß ich, wie wichtig Kommunikation mit Menschen ist. Megaphon-Verkaufen bedeutet für mich sehr viel, und es geht dabei nicht nur ums Zeitung-Verkaufen: Ich lerne viele Leute kennen, und ich muss ehrlich sagen: Hier, an diesem Ort, begegne ich wunderbaren Menschen, die gut zu mir sind. Bin ich einmal einen Tag nicht da, dann fragen viele beim nächsten Mal gleich, ob alles in Ordnung ist. Letzte Weihnachten etwa kamen sieben Kinder und machten mir ein Geschenk mit den Worten: „Das ist von uns allen.“ Ich denke, sie haben in der Schule, die nicht weit von hier ist, für mich gesammelt. Manchmal kommen auch größere Schüler:innen und dann unterhalten wir uns auf Englisch. Sie bitten auch immer wieder um Hilfe, wenn sie bei den Englisch-Hausaufgaben nicht weiterwissen, und ich sage ihnen jedes Mal, wie wichtig Bildung ist.

Das Wichtigste ist Bildung
Österreich ist für mich das Land, in dem bereits ein Großteil meiner Träume wahr geworden ist: Eine Familie zu haben, das ist für mich sehr wichtig. Meine Söhne sind 12 und 6 Jahre alt, und meine Tochter ist 10. Ich bin sehr stolz auf die drei und wünsche mir einmal eine gute Arbeit für sie – vielleicht als Finanzmanager, Ärztin oder Politiker. Alle diese Berufe sind wichtig, dass sich ein Land entwickelt und die Menschen gut leben können. Meine Tochter ist in Graz im Kinderparlament tätig. Ich selbst habe in Nigeria eine politische Nachwuchsorganisation geleitet. Politische Arbeit ist wichtig – nicht um sich zu bereichern, sondern um ein Land mitzugestalten. Damit die Menschen mitbestimmen können, müssen sie gebildet sein. Das Wichtigste ist, dass alle Bildung bekommen.

Verwurzelt sein im Leben
Österreich mochte ich schon, bevor ich hier hergekommen bin, denn ich wusste, dass man hier in Sicherheit leben kann. Meine Frau, meine Kinder und ich sind hier glücklich. Gerade weil ich Österreich als meine zweite Heimatliebe, so möchte ich doch meine Wurzeln nicht vergessen. Deshalb habe ich vor zwei Jahren einen Verein gegründet, in dem es um Erinnerungsarbeit geht. Ich schreibe die Geschichten meiner Vorfahren auf – damit meine Kinder einmal mehr wissen über die Herkunft ihrer Eltern, und auch, damit ich meine eigenen Wurzeln nicht vergesse. Viele Menschen wissen zu wenig von ihrer Herkunft, über das Vermächtnis ihrer Familie und Ahnen. Wie für einen Baum, so ist es auch für einen Menschen wichtig, starke Wurzeln bilden zu können. Und dafür müssen wir unsere Herkunft kennen. Nur wer fest verwurzelt ist, kann starke Äste bilden und sich nach allen Seiten hin entfalten.

Lieben, geduldig sein und lernen
Was ich an Österreich besonders schätze, das ist die Sicherheit, in der man leben kann. Allein schon, dass jeder eine Krankenversicherung hat, ist großartig! Österreich ist meine zweite Heimat: Hier sind meine Kinder zur Welt gekommen, hier lebe ich mit meiner Familie. Mein Traum ist, irgendwann ein eigenes Haus zu haben. Mit meiner Frau und meinen Kindern lebe ich in einer Wohnung, und die Miete, die ich monatlich bezahle, würde ich lieber in ein Haus investieren. Das könnte ich dann auch einmal meinen Kindern hinterlassen, wenn ich von dieser Welt gehe. Bis dahin will ich ein gutes Leben führen und das, was ich versuche, sage ich auch allen am Beginn des neuen Jahres: Seid weiterhin gut zueinander und habt Geduld. Und allen Kindern möchte ich sagen: Liebt einander und lernt, damit ihr später eine gute Zukunft habt!