Text: Peter K. Wagner
Fotos: Christof Hütter

Haruna Adamu

Die Geschichte des ehemaligen Megaphon-Verkäufers Haruna Adamu ist die eines märchenhaften sozialen Aufstiegs. Dafür hätte sein ältester Sohn nicht einmal österreichischer Fußball-Nationalteam-Spieler werden müssen.

Graz, Bezirk Gries. Früher nannte man diese Gegend Scherbenviertel. Es ist jene Gegend von Graz, die nach Nachbarbezirk Lend als nächste langsam auf ihre Gentrifizierung wartet. Oder auch nicht. In der Prankergasse, in der sich leere Geschäftsflächen ebenso finden wie eine vor kurzem in Konkurs geschlitterte traditionsreiche Destillerie, ein Laufhaus und eines der letzten Bordelle der Stadt, gibt es ein Graffiti, das heraussticht. Weil es so vieles über urbane Entwicklung der westlichen Welt in den vergangenen Jahrzehnten aussagt. „Gentrifizierung ist Krieg gegen Armut“, steht dort geschrieben. Nur wenige Meter von diesem Satz entfernt findet sich der G.O.D. Afro Shop. Sein Besitzer: Haruna Adamu.

Ich lerne ihn kennen, weil ich 2020 in diese Gegend ziehe. Immerhin sind die Wohnkosten niedrig, die Innenstadt nahe und kulturelle Vielfalt für mich eine Bereicherung. Dass ich überhaupt bei ihm vorbeischaue, hat zwei Gründe: Meine Begeisterung für Moscow Mule und die entscheidende Zutat Ginger Beer, wovon Haruna das beste der Stadt im Angebot hat. Und: meine
Leidenschaft für Fußball. Irgendwann fällt mir nämlich auf, dass vor dem G.O.D. Afro Shop stets ein Auto mit einem Fußball Wimpel des FC Red Bull Salzburg parkt. Haruna Adamu freut sich, als ich ihn darauf anspreche, und er bestätigt, was ich mir schon dachte: Sein Sohn ist Junior Adamu, mittlerweile österreichischer Nationalspieler und vor kurzem in die deutsche
Bundesliga gewechselt. Langsam kennen wir uns so gut, dass wir uns freundlich grüßen, wenn wir uns sehen. Und im Mai diesen Jahres komme ich zum ersten Mal als Journalist in seinen Shop. Haruna Adamu hat einem Interview für das Fußballmagazin ballesterer zugestimmt und der Mann, mit dem ich sonst ein bisschen smalltalke und der meinem Sohn schon einmal einen Lutscher schenkt, spricht erstmals offen über eine Vergangenheit, die wenig vom Glamour des Profifußballs hat – und sogar eine Verbindung zum Megaphon.

„Meine Frau und ich mussten nach Österreich fliehen. Junior war ein Jahr alt, als wir hierher kamen. Er wurde noch in Nigeria geboren – als einziges unserer sechs Kinder“, erzählt er. Juniors Vater sucht um Asyl an – und beginnt, Megaphon zu verkaufen. „Mein Gebiet war Berlinerring“, sagt er stolz. Und dann macht er große Augen und ergänzt: „Auch meine Frau hat
Megaphon verkauft, mit Baby in der Trage.“ Wieder muss er ein bisschen lachen. „Das Megaphon hat mir sehr geholfen, ich habe viele Menschen kennengelernt“, sagt er.
Später verteilt er auch die Gratiszeitung Österreich und arbeitet im Schlachthof. Irgendwann versucht er, selbst etwas auf die Beine zu stellen. „Es war nicht einfach, diesen Shop zu bekommen. Ich hatte wenig Geld, als ich nach Österreich kam. Ich musste hart dafür kämpfen“, sagt er. Ein paar Produkte habe er anfangs nur angeboten. Heute umfasst sein Sortiment noch immer nicht viel mehr als ein kleiner Feinkostladen oder ein Greißler, wie ihn die jüngeren Megaphon-Leser:innen vielleicht gar nur mehr von Erzählungen kennen. „Ich habe in Nigeria im Großhandel gearbeitet“, erklärt Adamu. Früher wohnte er auch einmal hier, am Ort seines Geschäfts, seit sechs Jahren wohnt die Familie in Feldkirchen, südlich von Graz. Shops wie seinen gibt es eine Handvoll in der steirischen Landeshauptstadt.

Sechs Kinder haben Haruna und seine Frau Jemima übrigens, Sport und Tanzen – ich empfehle die TikTok-Kanäle von Cynthia und Junior – sind die großen Leidenschaften der Sprösslinge. Mit Mathias und Joshua kicken zwei weitere Söhne in der Jugend des GAK bzw. LUV Graz. Tochter Cynthia ist auch Fußball-Teamspielerin, für Österreichs U17-Auswahl, und spielt für Austria Wien. Familiärer Zusammenhalt wird bei den Adamus großgeschrieben. Wenn Papa Adamu nicht im Shop ist, steht seine Frau oder auch schon einmal eines jener Kinder, die dafür alt genug sind, hinterm Tresen. Der älteste Sohn und Fußballprofi Junior allerdings nicht mehr – er ist eben eine Berühmtheit. „Wenn er hierher kommt, kommen zu viele
Menschen und wollen mit ihm reden“, sagt Adamu senior. Und muss wieder lachen.