Text: Nadine Mousa
Fotos: Arno Friebes

Lee Osayaimen

Verkauft das Megaphon seit 2016 vor dem Hofer in der Eckertstraße 54, 8020 Graz.

Vergangenheit
Lee wird 1977 in Benin City (Nigeria) geboren und wächst mit elf Geschwistern in einem kleinen Haus auf. Die zwei Räume, die der Familie zur Verfügung stehen, bieten kaum genug Platz. „Mutter und Vater haben sich ein Bett geteilt, in dem auch die Babys geschlafen haben, der Rest von uns hat sich große Matratzen geteilt, auf denen wir aneinandergereiht die Nächte verbracht haben. Jedem Kind war ein Körbchen zugewiesen, in das Kleidung und ein paar persönliche Gegenstände hineinsortiert wurden. Eine kleine Sitzecke mit Fernseher hatten wir auch – der Mittelpunkt unseres Zuhauses.“ Typisch für die Wohnhäuser in Benin City sind öffentliche Küchen außerhalb der Behausungen, die mit Kerosin-Herden und Arbeitsflächen ausgestattet sind. Auch die Sanitäranlagen sind gemeinsames Gut, das mit sechs anderen Familien aus Nachbarhäusern geteilt werden muss: „Die WCs bestanden aus Löchern in einem Holzboden. Anstatt Duschen gab es einige Waschbecken, an denen man sich mit Waschschlappen sauber machen konnte.“ Am besten ganz schnell, denn: Die Anlagen waren nicht gefliest, geschweige denn überdacht. „Mit den Füßen im Sand habe ich mich abends kurz frisch gemacht. Es kam vor, dass Nachbarn oder Fremde beim mir zugesehen haben. Das war wirklich unangenehm, aber was soll man machen.“ Lee zuckt mit den Schultern und fährt fort: „Das alles war normal, ich habe nicht darüber nachgedacht, ob es mir gut oder schlecht ging.“ Lees Vater, der als Fotograf den Lebensunterhalt verdiente, bekam immer weniger Aufträge und konnte die Miete für das Haus bald nicht mehr bezahlen. Der Vermieter schaute regelmäßig vorbei und beschimpfte die Familie, drohte mit einer Zwangsräumung. Lee denkt zurück an starke Regenfälle, die das Dach des Hauses beschädigten: „Zuerst hat eine Schale unter dem Loch in der Decke gereicht. Aber das Loch wurde immer größer und wir konnten nicht mehr alles trocken halten. Zum Ende hin haben wir im Stehen geschlafen, um nicht nass zu werden. Wasser, das immer auf dich tropft, macht wahnsinnig!“  

„Mit dem Geschrei des Vermieters haben auch alle unsere Nachbarn mitbekommen, dass es uns finanziell nicht gut geht, auch dass wir kein Geld für Essen haben. Meiner Mutter war es aber wichtig, den Schein zu wahren und so haben wir angefangen, so zu tun, als hätten wir keine Sorgen.“  

Wenn die Nachbar:innen fertig gekocht hatten und die Gemeinschaftsküche frei war, begann das Spiel: Nach und nach wurden Töpfe und Kochutensilien zum Herd getragen und so getan, als würde groß aufgekocht werden. Dass im Topf nur Wasser war, hinderte die Familie nicht daran, ihren Spaß zu haben. „Meine Mutter hat durch die ganze Straße gerufen: Kinder, bringt mir Salz! Wo ist denn das Öl? Eifrig haben wir Kochen gespielt, am Ende den Topf ins Haus getragen und dort weitergemacht. Mit Geschirr geklimpert und mit Besteck gelärmt. Vater hat uns angewiesen aufzuessen, obwohl die Teller nie mit Essen in Berührung gekommen sind.“ Es wurde immer seltener, dass der Familienvater Geld nach Hause brachte. Die Zeitspannen zwischen Mahlzeiten immer länger. Mit 13 Jahren kommt Lee bei einer reichen Tante unter, um als Hausangestellte für sie zu arbeiten und Geld zu verdienen. Bis sie schließlich ihre Reise nach Europa antritt. 

Gegenwart
Kurz nachdem Lee 2010 in Österreich ankommt, bringt sie ihr erstes Kind zur Welt: Meshak. Die Geburt verläuft nicht ohne Komplikationen, Meshak verbringt als Frühchen viele Wochen im Krankenhaus. „In Nigeria hätten meine Kinder wahrscheinlich nicht überlebt. Alle meine Schwangerschaften waren kompliziert. Hier in Österreich gibt es glücklicherweise die medizinische Versorgung für solche Fälle.“ Nach Meshak kommen Tochter Desiree und Sohn Harmony auf die Welt. Lees Mann Chuks arbeitet für eine Wäscherei und ist nach zwölf Jahren Ehe immer noch Lees Traummann: „Als ich das erste Mal mit ihm telefoniert habe, wusste ich schon: Das ist der Richtige! Außerdem sind wir ein gutes Team – er arbeitet den ganzen Tag und verdient so mehr, ich verkaufe meist bis 15 Uhr das Megaphon, steige in den Bus, hole die Kinder ab und dann treffen wir uns alle zu Hause.“  

„Mamaaaa!“, ruft Harmony, Lees Sohn durch die helle Wohnung im 5. Grazer Stadtbezirk Gries. Die 4-Zimmer-Wohnung im Dachgeschoss eines Gemeindebaus bewohnt die Familie seit knapp drei Jahren. Alle Kinder haben ausreichend Platz für Kuscheltiere, große Betten und ein gemütliches Sofa mit Fernseher und Playstation. „Die Möbel haben wir alle auf willhaben gefunden!“, ruft Lee fröhlich, als sie in der kleinen Küche steht und ihrem Jüngsten ein spätes Mittagessen zubereitet, der in seinem Spiderman-Outfit aufgeregt neben ihr steht. „Manchmal verweigern die Kinder, was ich koche. Selbst dann überkommt mich Dankbarkeit und Freude. Sie haben eine Wahl. Ich habe als Kind so viele Abende dafür gebetet, dass ich bald wieder etwas zu essen bekomme.“ Nachmittags erledigen die Kinder ihre Hausaufgaben oder toben am Spielplatz im Innenhof des Wohnhauses herum. Der schönste Teil des Tages beginnt für Lee, wenn sie ihre Kinder bettfertig macht: „Wir lesen gemeinsam und beten vor dem Schlafengehen. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass mein Leben ohne eine höhere Macht so verlaufen wäre, wie es ist. Dieses Wissen ist der Ursprung meiner Kraft. Das möchte ich auch den Kindern weitergeben!“ Wenn Lee über ihren Glauben spricht, funkeln ihre Augen. Als aktives Mitglied ihrer Kirche teilt sie dort mit Besucher:innen immer wieder das Geheimnis ihrer Positivität: „If you don’t have a thankful heart, you can’t have a grateful heart. Danach lebe ich jeden Tag!“  

Lee ist fröhlich, obwohl sie selten lächelt. Das habe ihr ihre Mutter mitgegeben. Eine strenge, abweisende Person, die Lee lange Zeit das Gefühl gegeben hat, nicht geliebt zu werden: „Später habe ich herausgefunden, dass es einfach ihre Art war, sie konnte nicht anders. Das Leben hat sie hart gemacht. Es hat kein Lächeln gegeben, keine freundlichen Worte. Vielleicht war man sich räumlich immer viel zu nahe, emotional auch noch Nähe zuzulassen.“ Jetzt ist Lee selbst dreifache Mama und bekommt im Dezember ihr viertes Kind: „Meine Kinder sind alles für mich. Ich versuche sie zu meinen besten Freund:innen zu machen. Sie sollen immer wissen, wie sehr ich sie liebe und dass sie mir alles anvertrauen können! Familie ist das Allerwichtigste im Leben!“ Damit schließt sie ihre Megaphon-Käufer:innen nicht aus. Für Lee sind sie alle Teil der erweiterten Familie. Deshalb ist es ihr wichtig, ihnen auf diesem Wege mitzugeben: „Danke, dass ihr bei mir das Megaphon kauft. Fühlt euch aber bitte nicht schlecht, wenn es sich einmal nicht ausgehen sollte. Wir müssen jetzt alle aufs Geld schauen, das verstehe ich. Wenn jemand von euch gerade eine schwere Zeit durchmacht, dann kommt auf mich zu. Ich habe so viel Positivität und Energie, ich bin gerne für euch da.“