Interview: Nadine Mousa
Fotos: Thomas Raggam

Uju Agatha

Findet ihr Glück in kleinen Dingen. In Gesprächen. In Begegnungen. In einem verkauften Heft.

Jubiläum, das bedeutet …
Geschichten, Chancen, Stimmen. Ich bin eine davon. Seit ein paar Monaten verkaufe ich das Megaphon. Noch ganz neu – und doch schon mittendrin. Ich heiße Uju. 42 Jahre alt, verheiratet mit dem besten Mann der Welt, Mama von zwei Buben. Der Kleine ist vier und hat gerade erst einen Kindergartenplatz bekommen. Unser Großer ist schon acht Jahre alt. Durch Glück konnte er sofort in die Volksschule einsteigen, als wir im April 2025 aus Nigeria nach Graz gekommen sind.

Viele fragen mich …
Wie spricht man deinen Namen aus? Uju – das ist mein „native name“. Kurz, klar, voller Bedeutung. In Nigeria weiß jede:r sofort, wie man ihn ausspricht. Hier in Österreich ist das anders. Manche trauen sich nicht, andere sagen einfach Agatha. Das ist mein englischer Name. Auch richtig, aber nicht dasselbe. Uju ist mein echter Name. Er ist nigerianischen Ursprungs und bedeutet „Abundance“ (deutsch: Fülle, Reichtum). Er erinnert mich daran, woher ich komme.

Was ich hier mache?
Ich studiere. Auf Englisch. An der Uni Graz und der TU. Der Masterstudiengang heißt „Computational Social Systems“. Es geht um Daten, Verantwortung, Zusammenhänge. Ich will etwas beitragen. Und ich verkaufe das Megaphon. Draußen, auf der Straße, bei jedem Wetter. Ich mag die Gespräche. Die Menschen. Ihre Offenheit. Viele bleiben stehen, fragen nach, hören zu. Sie wollen mich kennenlernen. Manchmal üben meine Kund:innen sogar mit mir Deutsch!

Das Beste an diesem Job:
Ich bin meine eigene Chefin. Und ich werde gesehen. Das bedeutet viel. In Nigeria habe ich in der Marketingabteilung einer großen Firma gearbeitet. Kund:innen beraten, Probleme gelöst, Druck gehabt. Der Unterschied? Dort musste ich perfekt sein, um keine Klient:innen zu verlieren. Beim Megaphon darf ich ich sein.

Muttersein in Österreich ist anders.
Viel einsamer. In Nigeria ist alles geteilt: Die Verantwortung, die Betreuung, der Alltag. Es gibt immer helfende Hände. Hier bin ich oft allein. Dann denke ich an meine Familie und Freund:innen. Mein Netz. Manchmal bereue ich sogar, nach Österreich gekommen zu sein. Am schwersten sind die Momente, in denen meine Kinder Nigeria vermissen. Wenn sie fragen, warum alles hier so anders ist. Wenn sie nicht verstanden werden. Der Ältere hat schon Freund:innen gefunden. In der Schule, auf dem Spielplatz. Beim Jüngeren dauert’s noch. Ich weiß: „So far, so good.“ Aber, was ich auch weiß: Geduld ist schwer, wenn man Heimweh hat. Mir hilft Musik, wenn ich Nigeria vermisse. Dann höre ich „Davido” rauf und runter – ich liebe alle Lieder von ihm. Gerade in den ersten Wochen in Österreich habe ich viel von ihm gehört und mich mit nigerianischer Musik und Popkultur getröstet. Musik kann wie eine Umarmung sein.

Mein Mann darf nicht arbeiten.
Zumindest nicht Vollzeit – dabei würde er gerne und mit zwei Kindern brauchen wir finanzielle Stabilität. Sein Visum ist an meines gebunden. Dabei ist er Telekommunikations-Ingenieur. Qualifiziert, motiviert, bereit. Stattdessen passt er auf die Kinder auf. Das ist nicht leicht für ihn. Zum Glück sind die Österreicher:innen warmherzig. Ich habe viele getroffen, die sich Zeit für uns und unsere Fragen nehmen. Nicht nur beim Megaphon, sondern auch im Deutschkurs oder auf der Straße. Das macht einen Unterschied.

30 Jahre Megaphon …
30 Jahre Menschen eine Stimme geben. Und eine große Party! Ich erinnere mich gern an meine 30er-Feier. In Nigeria. Alle waren da: Freund:innen, Familie, Nachbar:innen. Große Party, große Freude. Das Highlight: ein Kuchen in Form meines Namens. Happy Birthday, Megaphon!