Megaphon #367
Wie viel Mauer braucht der Frieden?
Mauern trennen. Die Berliner Mauer, die Familien von einem Tag auf den anderen zersplitterte. Die Westjordanland-Sperranlage, die Banksys Graffiti-Mädchen mit Luftballons zu überwinden versucht. Die „big, beautiful border wall“ zwischen Mexiko und den USA, mit der Donald Trump im Wahlkampf punkten wollte. Unsere Welt ist voller Mauern.
Sie tun so, als würden sie uns schützen: die Festung Europa vor Menschen auf der Flucht, die Villa am Rosenhain vor Einbrecher:innen, die einen vor den anderen. Dabei stellt sich eine grundsätzliche Frage: Ist es nicht absurd, dass wir uns voreinander schützen müssen, obwohl die Erde genug Nahrung produziert, um die gesamte Menschheit zu ernähren?
Mauern kosten Milliarden – allein die US-Grenzbarriere zu Mexiko verschlingt laufend zweistellige Milliardensummen. Was wäre, wenn wir dieses Geld nicht in Mauern steckten, sondern in eine Gesellschaft, in der niemand aus existenzieller Not Grenzen überwinden muss? Eine Gesellschaft, die auf Verteilung und Kooperation setzt statt auf Wettbewerb? Wie sollen wir Frieden lernen, wenn unser Alltag uns ständig beibringt, gegeneinander zu konkurrieren?
Während die ZiB-Sendungen immer mehr Kriegsnachrichten erzählen, entsteht in Tieschen eine Mauer, die Mauern fallen lässt. Gemeinsam mit Megaphon-Verkäufer Samba haben wir dort Ronald und Margit Ritter besucht und erlebt, wie die Kontakthypothese des Psychologen Gordon Allport Wirklichkeit werden kann. Seite 8 Sie beschreibt, wie Begegnungen zwischen Menschen unterschiedlicher sozialer Gruppen Vorurteile abbauen können – besonders dann, wenn sie auf Augenhöhe stattfinden. Aus dem abstrakten „die anderen“ werden so konkrete Menschen – mit ähnlichen Bedürfnissen, Hoffnungen und Widersprüchen wie wir selbst.
Daraus wird noch lange kein Friede, Freude, Eierkuchen. Aber vielleicht ein kurzes Durchschnaufen in einer Welt, deren Nachrichten einem manchmal die Luft abschnüren.
Editorial von Julia Reiter
In diesem Monat zu lesen
„Ein Mensch wie du und ich“
In Tieschen entsteht eine Friedensmauer, auf der alle Staaten der Welt vertreten sein sollen – jede Flagge gemalt von einem Menschen, der im jeweiligen Land geboren wurde. Wir begleiteten Verkäufer Samba beim Aufmalen der senegalesischen Flagge und erlebten, wie aus einem symbolischen Projekt echte Begegnungen entstehen.
Text: Julia Reiter
Jenseits von Ankommen
Nach ihrer Flucht aus der Ukraine müssen Anastasia, ihre drei Töchter und ihre Ziehmutter fast drei Monate im Grazer Metahofpark ausharren. Ihre Geschichte zeigt, welche dramatischen Folgen die fehlenden Notquartiere und die langen Wartezeiten auf die Grundversorgung für besonders schutzbedürftige Menschen haben.
Text: Evelyn Schalk
„Wenn wir die Scham unterdrücken, verlieren wir unser Menschsein“
Der Sozialwissenschaftler Stephan Marks erklärt, wie Scham als politisches, gesellschaftliches und wirtschaftliches Druckmittel eingesetzt wird – und warum verdrängte Scham in Aggression oder Selbstzerstörung umschlagen kann. Im Interview plädiert er dafür, Fehlverhalten klar anzusprechen, ohne den Menschen als Ganzes abzuwerten.
Interview: Marlene Seide (WieWeiter-Podcast)