Dezember 2025

Megaphon #358

Gemeinsam durch die Kälte

1995 war ein anderes Jahr, eine andere Welt. Als das Megaphon
zum ersten Mal erschien und ich selbst das Licht der Welt erblickte,
konnte niemand ahnen, wie sehr sich alles verändern würde. Drei
Jahrzehnte später sind wir umgeben von Kriegen, Klimawandel und
wirtschaftlicher Unsicherheit. Inmitten dieses Lärms braucht es Projekte
wie das Megaphon mehr denn je, um jenen Gehör zu verschaffen, deren
Stimmen im Alltag untergehen.

Es ist wieder diese Zeit im Jahr. Schon Ende August stapeln sich
in den Supermärkten Lebkuchen, Lichterketten und Schoko-Nikolos.
Weihnachten, das Fest der Liebe, beginnt in der Konsumgesellschaft
früher als je zuvor und verliert dabei vieles von dem, was es einmal
ausgemacht hat. Während die Wirtschaftskammer erst nach massiver
Kritik bei den eigenen Funktionärsgehältern nun den Pauseknopf
drücken muss, pocht die Wirtschaft weiter auf Weihnachtsumsätze
und Mäßigung bei den Lohnabschlüssen. Gleichzeitig setzt die
Landesregierung ihren unerbittlich kalten Sozialkurs fort.

Nach 30 Jahren Megaphon und 30 Jahren Leben stellt sich mir
die Frage: Worum geht es eigentlich wirklich? Nicht um Geschenke oder
Perfektion, sondern um Menschlichkeit, gerade dann, wenn sie politisch
und gesellschaftlich am wenigsten selbstverständlich scheint. Mich selbst
hat Weihnachten schon lange genervt. Zu viel Druck, zu viel „Schein“.
Aber vielleicht ist genau das der Punkt: Nicht Weihnachten selbst ist das
Problem, sondern das, was wir daraus gemacht haben. Vielleicht liegt die
wahre Besinnlichkeit gerade darin, den Lärm einmal auszuschalten und
hinzuschauen, wo Hilfe wirklich gebraucht wird.

Danke, liebe Clara Sinnitsch, für deine Hilfe, für das
wunderschöne Geschenkpapier dieser Ausgabe! Dank dir und euch
allen haben wir viel geschafft. Damit das Megaphon weiterlebt, brauchen
wir weiter eure Hilfe – bei der stillen Auktion oder mit einer Spende.

Wir wünschen euch eine besinnliche, aber vor allem achtsame Zeit!

Editorial: Michael Zakary

In diesem Monat zu lesen

 

„Zu Besuch in einer anderen Welt “

Abbé Longin Bivugire, Leiter der ODAG-Caritas Gitega in Burundi, ist erstmals in Europa und schildert seine Eindrücke: ihn faszinieren Infrastruktur, Architektur und vor allem, wie reibungslos alles funktioniert (z. B. die U-Bahn). Er zieht aber auch umgekehrte Vergleiche zwischen Europa und dem afrikanischen Kontinent
Text: Claudio Niggenkemper

„Ein Leben am seidenen Faden“

Khadijhe Heidari flieht 2015 aus dem Iran nach Österreich und kämpft sich trotz Krankheit, Unsicherheit und jahrelangem Warten Schritt für Schritt in ein selbstbestimmtes Leben zurück. Das Porträt erzählt von Verlust, Durchhaltewillen – und davon, wie Arbeit und Anerkennung ihr schließlich Würde und Halt geben.
Text: Lilli Schuch