Kaum lernen wir gehen, heißt es: „Was willst du einmal werden?“ Später: „Und was machst du so?“ Gemeint ist meist dasselbe: Beruf. Heutzutage ist Arbeit längst mehr als das halbe Leben. Sie ist der Maßstab, an dem wir uns entlanghangeln, uns selbst messen und gemessen werden. Wir lernen, uns zu vermarkten, um am Arbeitsmarkt etwas wert zu sein und uns zu be-WERBEN. „Machst du auch etwas G’scheites?“ – aus Angst vor dieser Frage bin ich früher „zufällig“ aufs Klo verschwunden. Heute am Arbeitsmarkt höre ich immer öfter: „Pass auf, dass du nicht ausbrennst!“
Kein Wunder: Laut STADA Health Report 2025 geben 66 Prozent der Europäer:innen an, bereits ein Burnout erlebt zu haben, kurz davor gestanden zu sein oder entsprechende Symptome verspürt zu haben. Arbeit kann nicht nur identitäts- und sinnstiftend sein, die Miete bezahlen oder uns einen Platz in der Gesellschaft sichern. Arbeit kann auch kaputt machen – im Extremfall töten. Ja, Arbeit ist längst mehr als das halbe Leben.
Dabei war das nicht immer so. Der Anthropologe James Suzman erinnert daran, dass rund 95 Prozent der Menschen in der Geschichte ohne das auskamen, was wir heute Arbeit nennen. Homo sapiens jagte und sammelte – es gab Tätigkeiten zur Existenzsicherung, aber kein Hamsterrad, keinen Knappheitsdruck. Erst Ackerbau, Industrialisierung und Werbung schufen jene Bedürfnisse, die uns antreiben. Weniger arbeiten wäre möglich, sagt Suzman – wenn wir es wollten.
Am 1. Mai 1886 streikten Arbeiter:innen in Chicago für den AchtStunden-Tag. Menschen starben dafür. Heute grillen wir. Das ist kein Vorwurf, aber vielleicht ein Symptom: Aus einem Kampftag wurde ein Feiertag, aus einer politischen Forderung ein Würstel.
Diese Ausgabe stellt Arbeit in den Fokus. Und während ich bei der Berufsfrage nicht mehr aufs Klo verschwinde, gehe ich heute anders damit um:
Therapeut: Was tust du gegen Burnout? Ich: Ich finde ein Meme, markiere meine Kolleg:innen: „lol wir“ [Bild: Spongebob auf der Therapeutencouch]
Editorial: Julia Reiter
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