Text: Jakob Thaler
Foto: Peter Troissler

Das Geisterhaus

Geschwommen ist im Hallenbad in Laßnitzhöhe nie jemand. Die heutige Ruine sollte als Kurzentrum dienen, steht aber seit seiner Erbauung in den 70ern leer – gekennzeichnet von der Zeit und Generationen von Jugendlichen, die dort ihre Spuren hinterließen.

Die Geschichte beginnt 1971. Der Grazer Arzt DDr. Merli stellt dem Gemeinderat von Laßnitzhöhe seine Idee eines Kurzentrums vor und schon kurz darauf wird mit dem Bau begonnen. Dabei soll es sich um ein Zentrum handeln, das sich ausschließlich auf Therapien für die Patienten des finanziell angeschlagenen Kurorts richtet, Übernachtungen soll es dort keine geben. Man erhofft sich, den Ort um eine Attraktion zu erweitern, die auch wirtschaftliche Vorteile bringen sollte. 1974 hätte das bautechnisch eigentlich fertiggestellte Wellnesszentrum eröffnet werden sollen. Doch dazu kam es nie. Kurz vor der Eröffnung ging den Finanziers das Geld aus und die bereits funktionierenden Lifte des Gebäudes standen für immer still. Im August 1979 gab es einen erneuten Belebungsversuch. Das Kurzentrum wird von der Bauinnung durch den damaligen Landesinnungsmeister ersteigert und soll in ein Schulungszentrum umgebaut werden. Auch dieses Projekt scheitert. Das modern ausgestattete Gesundheitszentrum verkommt langsam zur überwucherten Ruine, die es heute ist.

Mittlerweile ist das Grundstück samt Kurzentrum im Besitz einer Gesellschaft von Dr. Günter Nebel, einem der Geschäftsführer der Privatklinik Laßnitzhöhe. Konkrete Pläne, was damit passieren wird, gibt es keine. Irgendwann soll das Grundstück zwar für ein neues Projekt genutzt werden, aber bis dahin bleibt es wohl noch für ein paar Generationen das Geisterhaus.

 

So ein Ort übt natürlich vor allem für Jugendliche eine ganz besondere Faszination aus. Seit Jahrzehnten schon ist das Haus ein Treffpunkt, das spiegelt sich auch anhand der Graffiti an den Wänden wider. Eine dieser Jugendlichen ist Rebecca (Name von der Redaktion geändert). Da sie aus der Gegend kommt, kennt sie das Haus und die Mythen, die sich darum ranken, schon seit ihrer Kindheit. Angeblich spukt es dort, das weiß sie schon immer. Eine verrückte Sekte lebt dort auch und der Keller ist sowieso vollgestopft mit Leichen, heißt es zumindest in den Geschichten, die man sich so erzählt.

„Ich war mit 13 das erste Mal dort, aber zuerst nur tagsüber. Später mit 15 oder 16 haben wir uns auch nachts hingetraut.” Eine steirische Manson-Family ist bei ihren zahlreichen Besuchen nie aufgetaucht und auch von den Leichen fehlt jede Spur, aber interessant ist der Ort trotzdem. „Wenn man das ‚Betreten verboten’-Schild passiert und das Grundstück betritt, steht man in einem großen Raum. Ein Pool nimmt im unteren Raum den größten Platz ein, dort liegt lauter Müll, aber auch der eine oder andere Schatz. Die Wände sind geschmückt mit Graffiti unterschiedlicher Qualität und unterschiedlichen Alters. Man spürt praktisch, dass dieser Ort schon für Generationen von Jugendlichen ein ganz besonderer war.”

Neben den obligatorischen Anarchie-Zeichen, 666, pubertären Sprüchen und Bekundungen zu Marihuana-Konsum bzw. Befürwortung von dessen Legalisierung finden sich auch aufwändigere Kunstwerke an den Wänden. Diese Graffiti decken von blindem Vandalismus bis zu richtig aufwendigen Kunstwerken alles ab. Sogar die üblicherweise antikapitalistische Grundhaltung von Graffitikünstlern wird – bewusst oder eben nicht – mit einem an den Wänden angebrachten Spruch humorvoll in Frage gestellt. „I only fuck hoes that rock Dolce & Gabana.“

 

 Neben Graffitikünstlern ist das Geisterhaus außerdem  eine beliebte Location für Amateurfotografen. Auch Rebecca hat in den verfallenen Gemäuern schon einmal ein Fotoshooting gemacht. „Wenn man durch den Keller geht, gibt es weiter unten noch einen Keller, einen richtigen Bunker, den erreicht man nur über eine morsche Holzleiter. Die halbe Leiter ist einmal abgebrochen, als jemand runterklettern wollte. Dort haben wir uns nie runtergetraut.” Den Rest vom Haus haben sie im Laufe der Jahre aber intensiv erforscht und die Spukgeschichten haben mit dem Älterwerden dann doch ihre Wirkung verloren. Etwas Komisches ist aber wirklich einmal passiert.

 

 Als Rebecca einmal mit einer größeren Gruppe dort war, kam es zu einem Vorfall, den sich bis heute keiner von ihnen erklären kann. „Wir waren sicher 10 bis 15 Leute und sind im Haus alles abgegangen, also übersehen haben wir sicher nichts. Es war schon gruselig, aber so war das halt immer, nichts Außergewöhnliches. Beim Rausgehen haben sich ein paar von uns umgedreht und aus dem zweiten Stock so ein blinkendes Licht gesehen, wie von einer Taschenlampe. Dann haben wir den anderen gesagt, sie sollen sich auch umdrehen und sie haben das auch gesehen. Es war ganz sicher niemand mehr im Haus. Wir haben das dann herumerzählt und mehrere verschiedene Gruppen von Leuten, die sich auch untereinander nicht kennen, haben unabhängig voneinander von ähnlichen Vorkommnissen erzählt.”

Was es damit auf sich hat, werden wir nie erfahren, und auch wenn die irdische Erklärung naheliegender ist als eine gar verwunschene oder gespenstische: Durch solche Geschichten wird das Geisterhaus in Laßnitzhöhe wohl auch noch für die nächsten Generationen ein mystisch anziehender Ort bleiben.