Text: Julia Reiter
Illustration: Lena Wurm

Frauwerden zwischen Erdbeertagen und Erektionen

Im Leben unserer Autorin Julia Reiter gab es viele Momente, in denen sie feststellen musste: Frau zu sein, ist gar nicht leicht. Und das, obwohl sie als Kind der 1990er-Jahre in Österreich aufgewachsen ist. Ein persönlicher Erfahrungsbericht einer jungen Frau, die von Essstörungen bis sexueller Belästigung einiges erfahren hat. Und lange nicht wusste, warum sie nicht darüber sprechen wollte.

Ich war zehn Jahre alt, als ich erstmals einen Mann erregte. Er war Fahrer eines grauen PKWs, ich Schülerin auf dem Nachhauseweg. Belgiergasse Ecke Griesgasse. Da winkte er
mich zu sich, so nahe, dass mein halbes Gesicht auf seine Seite der heruntergelassenen Windschutzscheibe wanderte. Naiv wie ich war, wollte ich Weganweisungen geben. Dass ich keinen Plan von Graz hatte, war in diesem Fall egal. Er wusste, wo’s langging. Bestimmt dirigierte er meinen Blick geradezu auf seinen nackten Penis. Sein Gesichtsausdruck veränderte sich schlagartig, für mich nicht zuordenbar. Dann rollte der Kleinwagen davon und ließ ein aufs Äußerste irritiertes Mädchen stehen.

Meine erste Periode kam so unverhofft wie unvorbereitet. Heute spricht mensch wenigstens schon mal über die Erdbeertage. 2003 hatte ich noch nicht viel über das Phänomen Menstruation gehört, außer dass es erstens existierte und frau zweitens gut daran täte, es möglichst unauffällig zu behandeln. Bei den ersten roten Tropfen stellte ich mich daher krank. Meine Unterhose stopfte ich mit Klopapier aus. Noch heute übergebe ich Frauen in Notlagen Tampons, als handle es sich dabei um Top-secret-Dokumente einer Geheimagentin. Ein o.b., das aus der Tasche fällt, ist peinlich. Ein o.b., das undicht wird, und die entlarvenden roten Flecken auf der Hose ein Albtraum. Ob die Menstruation deswegen auf Englisch auch the curse1 genannt wird?!

Familien-Urlaub in Ägypten. Magic Life, fünf Sterne, all inclusive, alles pipifein. Das dachte sich wohl auch der Tauchlehrer. Ich verstand nicht, warum er so darauf beharrte, mir – einer kleinen Wasserratte – das Schwimmen näherzubringen. Ich verstand es ganz und gar nicht, bis ich etwas Hartes zwischen meiner Lendenwirbelsäule und meinem Po spürte und dazu die Hände des Lehrers, die an völlig unangebrachten Stellen den Eindruck erwecken wollten, sie wären zur Stütze da. Tja, das war dann wohl mein erster Körperkontakt zu einer männlichen Erektion. Ziemlich unromantisch. Etwa zehn Jahre später fand ich heraus, dass meine Schwester ähnliche magische Erfahrungen gemacht hatte. Ich war schockiert und verblüfft zugleich. Zehn f***ing Jahre hat es gedauert, bis wir auf unser Erlebnis mit diesem 30 Jahre älteren Kindernötiger zu sprechen kamen! Meine restliche Adoleszenz verlief in dieser Hinsicht recht unspektakulär. Frau ließ sich ab und zu eben mal ausgreifen, auch wenn frau das nicht zu hundert Prozent wollte. Aber wahrscheinlich war frau ja auch selbst ein wenig mit schuld, trug sie immerhin nach Lust und Laune Miniröcke und gewagte Dekolletés! Als Opfer fühlte ich mich jedenfalls nie. Dafür wurde ich zu geschlechtertypisch sozialisiert. Wut war mir fremd. Scham und Gewissensbisse kannte ich dafür umso besser.

Alternative Essstörungen
Schönheitsideale und die dazugehörigen Essstörungen waren das Salz, nein, eigentlich das Haar in der Suppe meiner Jugend. In Südamerika wurde ich, im Alter von 15, ein Jahr lang liebevoll gemästet, um nicht vom Fleisch zu fallen. Später würde ich es Binge-Eating2 nennen. Meine peruanischen Gasteltern kniffen mir zufrieden in die festen Bäckchen. In der Discoteca fielen meine Kurven gar nicht erst auf. Mit zehn Kilos plus, zurück in Österreich, die Ernüchterung: Weniger ist mehr. Ich versuchte mich in alternativen Essstörungen. Und hatte Erfolg. Gleichzeitig wurde mein Körper nach und nach zu meinem größten Feind. Meine Lebenszufriedenheit hing von den Kommazahlen auf der Waage ab. Wöchentlich ließ ich mich wie besessen von den Desperate Housewives3 mit oberflächlichem und materiellem Idealismus vollmüllen. Dabei hatte ich noch Glück. Von der echten Grippewelle – Influencer4 – blieb ich damals noch verschont.

Ich kaufte mir regelmäßig zu enge Hosen als Ansporn, um fünf bis zehn Kilos abzunehmen. Ich verbannte alle Hosen aus meinem Leben, als die Versuche scheiterten. Ich war immer schon sehr mutig. Bungee-Jumping, allein durchs Hochgebirge irren, vor großem Publikum auf der Bühne stehen – alles kein Problem. Im Sommer mit Bikini ins Freibad gehen – Moooooment mal! Ich war auch kreativ. Besonders gerne bastelte ich Poster aus ausgeschnittenen Models und anderen schönen Menschen. Mindmapartig stand im Zentrum von Haut, Knochen und Glamour: „Meine Gründe abzunehmen“. Woher „meine Gründe“ stammten, hinterfragte ich nicht. Dass diese einem gesellschaftlichen Konstrukt entsprungen waren, woher hätte ich das wissen sollen? Ich war völlig eingenommen vom Kampf. Endgegnerin: Ich.

Jahrelang hatte ich Waagen, Maßbänder und Frauenzeitschriften, als Teil meiner persönlichen Rückfallprophylaxe,verbannt. Als mir kürzlich ein „Style up your life“ in die Hände fiel, siegte die Neugier und traf mich der Schlag. Schlimmer geht’s wahrlich immer. Neben dem obligatorischen Yoga und Nachhaltigkeits-Geplänkel fand ich dort Empfehlungen zu invasiven Eingriffen zugunsten der weiblichen Schönheit. (Wobei selbstverständlich
nur bei dringendem Bedarf wie: Falten, Cellulite, zu großen Brustwarzen, zu kleinen Brustwarzen, hängenden Oberarmen, Fettpölsterchen in den Achselfalten, nach außen gestülpten Bauchnabeln usw.!) Denn: „Natürlich sind Bewegung und gesunder Lifestyle wichtig – aber manchmal braucht es etwas Unterstützung.“ (Adi Weiss) Ich musste an mein 15-jähriges Ich zurückdenken: unsicher, orientierungslos, voller Selbstzweifel. Ach, hätte ich damals diese wertvollen Korrektur-Tipps bekommen, genau die Unterstützung, die frau braucht, um zufrieden und selbstbewusst zu werden. Danke Adi!

Ein paar exhibitionistische Penisse, zig Essenstagebücher und viele plumpe Anmachen später komme ich in der Gegenwart an. Eine junge Frau erzählt mir, dass sie in ihrer Kindheit vergewaltigt wurde. Daher kämen auch ihre Angststörungen. Sie kann nicht alleine für sich sorgen. Auf ihrem T-Shirt steht „Was du nicht willst, das man dir tu’, das füg auch keinem andern zu.“ Das hat sie selbst draufgestickt. Plötzlich bin wütend, sauwütend. Acht Frauen haben mir inzwischen von ihren Vergewaltigungen erzählt. Teilweise wurden sie dafür unter Drogen gesetzt, teilweise waren sie bei vollem Bewusstsein. In einer klassischen #MeToo-Debatte5 erzählte ich einmal von diesen Vergewaltigungen. Mein männliches Gegenüber so: „Ja eeeh voll schlimm, aber ich hab’ da einen Freund, dessen Bruder auch mal sexuell genötigt wurde.“ Schachmatt. Dialog im Keim erstickt.

Ich selbst habe mich nie als Opfer gefühlt. Männer mag ich grundsätzlich sehr gerne. Ich habe das Gefühl, alles erreichen zu können, obwohl ich eine Frau bin und mir statistische Zahlen das Gegenteil suggerieren. Ich fühle mich stark und selbstbewusst und – dem Neoliberalismus sei Dank! – als wäre ich selbst meines Glückes Schmiedin. Ich bin aber keine Messlatte. Als Tochter einer gut situierten, liebevollen und umsorgenden Familie bin
ich stark privilegiert. Meine Kindheit war wie aus dem Bilderbuch, eine Mischung aus Pippis Abenteuern und Bullerbüs idyllischem Landleben. Ich habe einen österreichischen Pass und eine gute Bildung. Die vorangehenden Anekdoten aus meinem Leben gehören zu den wenigen düsteren Bruchstücken eines an sich sehr farben- und lebensfrohen Mosaiks.
Anderen Frauen geht es anders. Das patriarchale System6, in dem wir leben, kann auf viele Arten belasten, einschränken und gefährden. Ich denke an die Stickerei der jungen Frau und möchte wütend sein dürfen. So lande ich beim Feminismus.

Stöckelschuhe, die ankotzen
Ich hör` sie bereits, die Stimmen, die sagen: „Ja voooll die Feministin! Zuerst für Frauenrechte eintreten und sich dann trotzdem die Beine rasieren …“ Einen Schritt in die richtige Richtung gehen zu wollen, ist kein Anspruch auf Vollkommenheit. Ich wünschte, ich könnte mich über konstruierte Schönheitsideale und den Genuss von Avocados hinwegsetzen. Doch ich bin Kind des Systems, in dem ich lebe – ein System, geprägt durch privilegierte Männer, in welchem – plakativ gesagt – der weibliche Körper Lustobjekt, die ewige Schönheit und Jugend der Frau Handelsware und die Menstruation ein Tabu ist. Ich lebe in einer Welt, in der „Modeschöpfer Männer sind, die das Zweitschönste auf der Welt tun: Frauen anzuziehen“. (Zitat Marcello Mastroianni, gesehen bei Kastner & Öhler) und Schuhe designen, welche eine Behinderung für den menschlichen Bewegungsapparat darstellen. Ich möchte ganz ehrlich sein: Stöckelschuhe kotzen mich an. Bekomme ich ein Kompliment dafür, fühle ich mich trotzdem geschmeichelt. Ich bin Kind des patriarchalen Systems. Konditioniert auf (männliche) Bestätigung. Ein Teufelskreis.

Leider kann sich niemand von uns die Umstände, in die wir geboren werden, aussuchen. Kein Junge kommt mit dem Gedanken zur Welt: „Wenn ich einmal groß bin, möchte ich ganz viel Macht haben oder zumindest ein Macho werden oder zumindest wenig emotionale Arbeit leisten.“ Unser magic Tauchlehrer war fix nicht von Geburt an ein A****loch. Viele Buben würden sicher gerne öfters weinen, anstatt tapfer wie ein Indianer zu sein. Manche Männer finden es bestimmt ultranervig, beim romantischen Dinner die Rechnung für zwei begleichen zu sollen. Geschlechterrollen können beidseitig belasten. Der große Unterschied: Männer sitzen seit Jahrhunderten auf dem längeren Ast. Unsere Lebenswelt wurde weitgehend durch Männer geprägt und kontrolliert und wird es heute noch. Es gibt mehr Männer, die (sexualisierte) Gewalt an Frauen ausüben, als umgekehrt. Weibliche Eigenschaften werden im Allgemeinen geringer geschätzt als männliche. Die weibliche Doppelbelastung durch Sorge- und Erwerbsarbeit, der Gender Pay Gap, die Objektifizierung, … alles kacke! („Und schon wieder sind die Männer an allem schuld!“, denkt nun der eine oder andere Leser, aber …)

Feminismus ist keine Anti-Männer-Bewegung, keine Freakshow sexuell frustrierter Busenexhibitionistinnen, kein schickes Accessoire der Modeindustrie, keine Bedrohung von gemeinschaftlichem Miteinander. Feminismus ist eine Bewegung, welche sich für die Gleichberechtigung und Menschenwürde aller Menschen einsetzt. Gleich auf zu sein, funktioniert allerdings nur, wenn jene auf dem längeren Ast ihren etwas stutzen (oder den kürzeren zumindest wachsen lassen). Wir können unsere ansozialisierten Rollenbilder nicht von heute auf morgen aus unseren Köpfen löschen. Was wir jedoch tun können, ist diese zu hinterfragen, tabuisierte Themen öffentlichanzusprechen, unsere Kinder zu unterstützen, Grenzen zu spüren und zu setzen und Machtmissbrauch nicht zu tolerieren. Wir können uns das gesellschaftliche System, in dem wir leben, näher anschauen, besser verstehen lernen und vielleicht sogar etwas daran ändern. Darum: Seien wir mutig und emotional und auch mal wütend! Hören wir auf, uns zu schämen! Sprechen wir offen über Tabus! Versuchen wir, einander zu verstehen! Lassen wir die Feminist_innen in uns raus! Spätestens zur Strandsaison kommt mein Rasierer wahrscheinlich trotzdem wieder zum Einsatz. Und das
ist auch okay so.

1 T H E C U R S E der Fluch | 2 B I N G E – E A T I N G Essstörung, die v.a. durch den Kontrollverlust über das eigene Essverhalten gekennzeichnet ist | 3 D E S P E R A T E H O U S E W I V E S US-amerikanische Serie über Hausfrauen und ihr Leben zwischen Schönheit, Supermum, Affären und Intrigen | 4 I N F L U E N C E R Werbeträger_innen in sozialen Netzwerken | 5 # M E T O O Hashtag, das in sozialen Netzwerken verwendet wird, um auf sexuelle Übergriffe aufmerksam zu machen | 6 P A T R I A R C H A L E S S Y S T E M eine männlich geprägte Gesellschaftsordnung bzw. Herrschaft des Mannes | 7 G E N D E R – P A Y – G A P der Unterschied zwischen dem durchschnittlichen Brutto-Stundenlohn von Frauen und Männern

J U L I A R E I T E R
könnte noch viele
weitere Seiten mit ihren
Erfahrungen füllen.