GEDANKEN

…zur Krise

Seit Ausbruch der Covid-19-Pandemie wird suggeriert: Wir sitzen alle im selben Boot. Ein Blick in die unterschiedlichen Lebensrealitäten der Menschen zeigt: Dem ist ganz und gar nicht so.  Unterschiedliche Gedanken, “Werkzeuge” und Erfahrungen in Bezug auf die Krise veranschaulichen wie bunt unsere Gesellschaft ist.

Hanno (9)

Am Anfang fand ich es lustig, dass meine Mama mit mir zu Hause lernt, so konnte ich sie den ganzen Tag sehen und länger schlafen und mit Mama Pokemon im Wald spielen und Malefiz und Uno und Quiz. Aber dann habe ich meine Freunde immer mehr vermisst, ich habe nur meinen Bruder, die Mama und den Papa gesehen. Und den Mann durchs Fenster, der uns einmal die Pizza gebracht hat. Mit meinem Bruder habe ich dann mehr gestritten, der wird im Herbst 15 und spielt nicht mehr so oft mit mir, sondern ärgert mich. Und ich bin müde geworden, weil mir langweilig war und das Lernen hat mir keinen Spaß mehr gemacht. Ich habe mit meinen Freunden telefoniert und geskypt, aber da haben wir nicht so genau gewusst was wir sagen sollen, weil wir ja nicht viel erlebt haben und wir waren auch ein bisschen schüchtern. Aber trotzdem war es schön. Die Stoffmaske, die mir meine Mama gegeben hat, fand ich sehr cool, weil man sie auf beiden Seiten tragen und gut Räuber oder Agent damit spielen kann, aber wenn man etwas anderes spielt, ist sie lästig. Wenn ich noch länger Maske tragen muss, hätte ich gerne eine Schwarze mit Haifischzähnen.

Dann durfte ich ein paar Vormittage zur Betreuung in die Schule gehen. Da habe ich endlich wieder Kinder getroffen und das Lernen war viel lustiger. Nur leider war meine Klassenlehrerin nicht dort, die ist nämlich die allerliebste Lehrerin der ganzen Schule und wirklich saugut. Auch meinen Buschauffeur hab ich wieder getroffen, der fährt mit einem kleinen Bus, kennt alle Kinder beim Namen und wenn ein Kind Geburtstag hat, dann macht er im Bus ein blaues Licht an.

Ich glaube die Erwachsenen erfinden viele Regeln, weil sie Angst haben. Wegen Corona haben sie noch mehr Regeln erfunden, aber die helfen auch nicht so gut gegen die Angst. Wir Kinder haben nicht so viel Angst und wenn wir die Regeln der Erwachsenen vergessen, dann schimpfen sie, weil sie Angst haben, dass wir sie mit dem Virus anstecken. In der Vormittagsbetreuung in der Schule musste man Mundschutz tragen, wenn man zur Schule geht. Dann musste man Hände waschen. Nur, wenn man auf seinem Platz in der Klasse saß, durfte man den Mundschutz abnehmen. Und man musste einen Meter Abstand halten zu den anderen Kindern. Das sind 100 Zentimeter. Wir wissen aber nicht auswendig wie viel ein Meter ist und abmessen können wir das auch nicht jedes Mal. In den Klassen waren nur 5 Kinder und eine Lehrerin. Sonst sind wir 23 Kinder. In der Hofpause im Garten mussten wir auch Mundschutz tragen, da wurde mir sehr heiß beim Laufen und ich bekam nicht so gut Luft durch die Stoffmaske. Mit der Maske aus dem Supermarkt bekomme ich besser Luft. Aber die muss man nach einmal tragen wegwerfen und das ist schlecht für die Umwelt.

Fangen spielen durften wir nicht. Verstecken auch nicht. Meistens spielten wir Merkball, weil da hat man genügend Abstand und schießt sich mit dem Ball ab. Einmal habe ich meinem Freund beim Spielen im Garten auf die Schulter geklopft, da musste ich dann die restliche Hofpause zur Strafe sitzen und durfte nicht mehr spielen, weil wir uns ja nicht berühren dürfen. Das fand ich blöd. Weil ich glaube nicht, dass ich meinen Freund mit meiner Hand über den Pullover mit Corona angesteckt habe. Manche Lehrer waren früher nett und sind jetzt auch ganz gleich nett, manche sind jetzt schlechter gelaunt und manche waren immer schon ein bisschen schlecht gelaunt. Eine Religionslehrer ist sehr streng mit den neuen Regeln, vielleicht glaubt sie nicht so stark an Gott, wenn sie so Angst vor Corona hat. Eine Lehrerin hat meinen Freund ermahnt, dass er eine Maske aufsetzen muss, wenn er mit ihr spricht. „Du hast aber auch keine Maske auf, Frau Lehrerin“ hat er zu ihr gesagt. Und das hat gestimmt. Dazu hat sie nichts gesagt. Endlich beginnt heute wieder die richtige Schule und der Hort. Ich freue mich sehr darauf meine Freunde und meine Lehrerin wieder zu sehen. Es wird noch ein paar neue Regeln geben, weil wir jetzt wieder mehr Kinder sind und die Klasse wird in zwei Gruppen geteilt. Ich hoffe, dass wir bald wieder weniger Regeln befolgen und beim Spielen nicht mehr so viel nachdenken müssen und dass wir bald wieder Turnen dürfen. Das ist nämlich neben Lesen mein Lieblingsfach.

Hanno ist 8 Jahre alt und geht in die 2. Klasse Volksschule in Graz.

Tarek (8)

“Ich liebe es Sport zu machen. Rollerskaten, Fußball, Fahrradfahren. Auch am 30. März war ich im Volksgarten zum Fußball spielen – wie immer mit meinen beiden Freunden. Sie sind Asylwerber – genau wie ich – und haben deswegen viel Zeit. Ich wusste, dass man sich an der frischen Luft bewegen darf. Der Sportplatz war nicht abgesperrt. Wir haben ohne Kontakt mit mehr als drei Metern Abstand den Ball umhergepasst. Und trugen dabei sogar Handschuhe. Dann kam die Polizei. Sie erklärte uns, dass es verboten ist auf dem Sportplatz zu sein. Wir haben ihnen gesagt, dass wir uns eh informiert haben aber nichts von der Sportplatzsperre wussten. Wir verstehen die Coronagesetze auf Deutsch nicht so gut. Zeitung haben wir auch keine. Außerdem dachten wir, wir konnten uns eh nicht anstecken. Wir haben ja nur mit den Füßen gespielt… Und überhaupt: Wir waren ja gesund. Der Polizist war nett. Er meinte aber, dass sei sein Job. Er muss das machen. Dann habe ich ihn gefragt, wie ich die Strafe bezahlen soll. Ich darf ja kein Geld verdienen. Er hat mich beruhigt. Ich würde nur eine kleine Strafe bekommen. Nicht mehr als 100 Euro.

Nach der Kontrolle bin ich mit einem meiner Freunde zum türkischen Laden ums Eck gegangen. Als wir herauskamen, war da wieder die Polizei. Sie haben uns aufgehalten. Ich sagte, dass wir nur zusammen einkaufen waren. Sie meinten, das geht überhaupt nicht. Das ist verboten. Sie haben uns angezeigt. Bei dem Gedanken daran muss ich lachen. Zwei Strafen zur gleichen Zeit! Ein paar Tage später habe ich Post bekommen. 600 Euro fürs Fußballspielen. 600 Euro fürs Einkaufen. 1.200 Euro zahlen. Oder 4 Tage lang ins Gefängnis gehen…

Mein Name ist Tarek. Ich bin 23 Jahre alt und komme aus dem Irak. Vor fünf Jahren bin ich mit meinem kleinen Bruder nach Österreich gekommen. Wir wohnen in einem Flüchtlingsheim in Graz und bekommen beide 150€ „Taschengeld“. Davon können wir nicht richtig leben. Ein bisschen essen und fertig. Außerdem muss ich für meinen Bruder oft Dinge bezahlen. Er geht in die Schule. Da fallen oft Kosten für Ausflüge und so an. Alle paar Wochen krieg’ ich einen Anruf von der Lehrerin, damit ich meinem kleinen Bruder Geld mitgebe für irgendwas.

Als Corona anfing, hatte ich keine Angst vor dem Virus. Im Irak hab’ ich schon viel Schrecklicheres erlebt. Wegen der Strafe ist es trotzdem schlimm für mich. Ich hätte lieber die Krankheit als 1.200 Euro Strafe bekommen. Nun passe ich gut auf, auch wenn es schwer ist, drinnen zu bleiben. Im Heim gibt es nicht viel Platz und nichts zu tun. Ich warte hier seit fünf Jahren ohne Arbeit. Es ist so langweilig. Ich darf sowieso schon nichts machen. Quarantäne macht es aber noch schlimmer und die Angst wegen der Strafe auch.”

Tarek heißt eigentlich anders. Um ihn zu schützen, haben wir seinen Namen geändert. Im Irak und auf seiner Flucht hat er Furchtbares erlebt. Leider (bisher) nicht Grund genug für einen positiven Bescheid. Tarek ist leidenschaftlicher Fotograf, Sportler und Bruder.

Martin Sprenger (7)

„Jede Pandemie verstärkt die soziale Ungleichheit. Die Armen werden ärmer, die Reichen werden reicher. Vor allem Menschen in Billigjobs halten den Staat am Laufen, wenn andere im Homeoffice sitzen. Es waren die schlecht bezahlten Kassiererinnen, Pflegekräfte, Paketfahrer und Essensradler, die uns bestens versorgten. Plötzlich werden jene unentbehrlich über die wir uns immer abschätzig geäußert haben, die 24-Stunden-Betreuerinnen und Erntehelfer. Bei den direkten Folgen von COVID-19 zeigt sich schon jetzt eine massive Ungleichheit. In Großbritannien betraf ein Drittel der schweren Verläufe ethnische Minderheiten, obwohl sie nur ein Siebtel der Bevölkerung ausmachen.
In den USA waren Latinos und Afroamerikaner vermehrt betroffen. Bei den indirekten, durch Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie entstehenden Folgen, ist es noch dramatischer. 300 Millionen Kinder sind von Hunger bedroht, weil es keine Schulverpflegung gibt. Zu den jährlich eine Million Malariatoten könnten noch Tausende dazukommen, da die Auslieferung von Schutznetzen eingestellt wurde. Unzählige Kinder könnten versterben, da die Masernimpfprogramme ausgesetzt wurden. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen.
Auch in Österreich werden wir nicht nur einen Anstieg der Arbeitslosigkeit, sondern auch einen Anstieg der Kinderarmut erleben. Die jetzt versprochenen 40.000.000.000 Euro, werden sicher nicht dem Sozial-, Kultur-, oder Bildungsbereich zugutekommen, sondern zur Rettung von Großkonzernen verwendet. Die Konzentration von Macht, die Kontrolle der Medien, der eingeschränkte Zugang zu Daten, die anhaltende Angst von so vielen Menschen stimmt mich nachdenklich. Es wird Zeit, dass der Sommer kommt und der warme Wind für virusfreie Köpfe und Träume sorgt.“

Martin Sprenger ist Public Health Experte und hat nach seinem Austritt aus der Corona-Taskforce im Bundesministerium in Texten und Interviews versucht die soziale Dimension dieser Pandemie sichtbar zu machen.

Foto: Christian Jungwirth

Anita Oswald (6)

“Ich erlebe die Covid 19 Krise als alleinerziehende Mutter mit meinem Sohn als Herausforderung mit großen Chancen. Zu Beginn der ‘plötzlichen Veränderung von Arbeits,- & Schulstruktur’ war es mir ein wichtiges Anliegen, meinen 10jährigen Sohn mit größtmöglicher Gelassenheit in die wie er zu sagen pflegte: “Corona Ferien” zu begleiten. Unser Schutz und eine in mir innewohnende große Portion Urvertrauen, dass alles gut wird, waren die stärksten Anliegen und Anker für mich. Da es mir leichtfällt, Strukturen im Alltag zu leben, hielten wir die veränderten Tagesstrukturen ebenfalls ein, wichtig dabei waren die täglichen Spaziergänge bzw. Ausflüge mit dem Rad.

Die größten Herausforderungen für mich waren, dass mein Sohn bei der Bewältigung der Lernpakete zeitgleich Unterstützung brauchte, währenddessen ich meinen Home Office Pflichten versuchte nachzukommen. Neben dem Vorbereiten der Mahlzeiten, dem Einhalten der ‘Ausgehzeiten’, dem Nachkommen der Haushaltsreinigung und der wichtigen ‘Familien bzw. Kuschelzeiten’ konnte der Arbeitsblock nur schwer verschoben werden. Dies löste sicherlich einen inneren Zwiespalt aus, ich setzte meine Priorität ‘Beziehung zu meinem Sohn’, und erhielt: “Kann ich meiner Arbeitsleistung nachkommen”? Ich habe beobachtet, dass meinem Sohn das Schulumfeld ‘Lernen auf unterschiedlichen Wahrnehmungskanälen’ fehlt, dennoch finde ich es fantastisch, wie gut strukturiert er seine Lernpakete ausfüllen konnte.

Da ich als Karrierelotsin, als Coach im Austausch mit den Mädchen & Frauen unseres Projektes ‘Karrierelotsinnen Obersteiermark Ost’ bin und in dieser Krise immer war, wurde mir aufgrund der besonderen Situationen sehr stark bewusst, wie wichtig und stärkend es für andere Menschen ist, sich selbst ein guter Coach zu sein, hoffnungsvoll und verständnisvoll zu sein. Wir alle sind in derselben Situation mit vielen Unsicherheiten und unterschiedlichsten Ängsten, und doch erleben die Menschen dieselbe Situation so unterschiedlich. Ich bin sehr dankbar, diese Stärken als eigene Ressourcen in mir einst entdeckt zu haben und für mich, für meinen Sohn und für andere Menschen anzuwenden.

Es gibt viele tolle, starke Frauen die wir im Rahmen des Projektes Karrierelotsinnen begleiten dürfen. Mitunter möchte ich gerne von einer alleinerziehenden Mama mit Kindern erzählen, die diese Zeit der Krise nutzt, wieder sehr viel gemeinsam mit ihren Kindern zu kochen und zu spielen. Eines ihrer Kinder wurde mit dem Down Syndrom geboren und ist üblicherweise unter der Woche in einer Sonderbetreuung. Simona ist aufgrund der Erkrankung ihres jüngsten Sohnes – im normalen Leben – gewohnt, viel private Zeit ‘alleine auf dem Spielplatz mit ihrem Sohn’ zu verbringen. Sie selbst ist auch jetzt sehr gefordert, rund um die Uhr ‘da zu sein’, an das Alleinsein hat sie sich jedoch schon -vor der Krise- längst gewöhnt. Hoffnung und Mut gibt ihr der neue Arbeitsplatz, zu dem wir Sie begleiten konnten und den Sie, durch die Corona Krise später als geplant jedoch mit 1.6.2020 von Mo – Fr als  Befüllungstechnikerin eines Getränkeversorgers tatkräftig aber auch dankbar umsetzen wird.

Zum Ausdruck möchte ich bringen, dass alleinerziehende Frauen oder Männer gewohnt sind, stark für die Kinder zu sein, so wie es jede Mama und jeder Papa auch ist. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass man ‘für sein Kind’ alles versuchen wird, die Familie zusammen zu halten, damit man ‘gemeinsam, stärker durch Krisen’ gehen kann. Manchmal wird man jedoch vom Leben überrascht und findet sich in einer Krise wieder, auch wenn man meint, alles getan zu haben. Wesentlich scheint mir jedoch, wie man die Situation bewertet und demzufolge, wie man mit dieser Situation umgeht. Deshalb und nunmehr da sich wieder Öffnungen von Ausgangsbeschränkungen auftun und es ein Leben nach der Krise geben wird……

Ich erlebe diese herausfordernde Zeit als große Chance und wenn ich in einigen Jahren zurückblicke werde ich sehen, dass mir die Beziehungsqualität mit mir, meinen Lieben und den Menschen ein besonderes Gut ist, für das ich sehr viel Dankbarkeit in mir trage.”

Anita Oswald ist alleinerziehende Mutter und begleitet und öffnet als Karrierelotsin in der Obersteiermark Ost Frauen und Mädchen berufliche Perspektiven.

Tatjana Petrovic (5)

“Gestern schickte mir ein Freund eine Nachricht, dass er sich in der Psychiatrie befindet. Normal wäre er zu Cuntra gekommen (Projekt Psycho Caffee) . Oder in die Kirche. Wir hätten geredet, wie wir es immer früher gemacht haben und Psychiatrie wäre ihm erspart geblieben. Eine andere Klientin hat akute Beziehungsprobleme, Gewalt inklusive. Normal geht Sie Cuntra, ihr Mann mit Burschen Boxen. Eine dritte hat versucht vor einer Woche sich umzubringen weil Sie 7 Tage nicht schlafen konnte…

Wir sitzen nicht alle im selben Boot. Wir befinden uns auf einem Planeten, aber unsere Boote sind vollkommen verschieden. Manche haben sogar keine Boote, sondern versuchen sich nur über Wasser zu halten um nicht zu ertrinken. Andere sitzen in einem Gummiboot ohne Motor und haben sogar die Paddeln verloren. Andere wiederum segeln in einer Luxusjacht, umgeben von Angestellten oder besitzen sogar eigene Inseln, Hafen inklusive. Und andere wieder verdienen sogar Millionen in ein paar Tagen weil Boote und Mannschaft so Vieles brauchen. So viel zum „Sitzen im selben Boot“. Einige Menschen sind durch die Corona-Krise in Not geraten, einige sind reicher geworden und andere wiederum haben mehr Macht bekommen: Ja, die Corona-Krise erwischt jede/n, aber nur erwischt sie jede/n anders. Eigentlich müssten Solidarität und Empathie der Kern des Handelns sein! Es geht nicht darum, dass jede/r gleich viel bekommt, sondern darum, dass jede/r so viel bekommt wie er/sie braucht. Das Problem ist nur, dass manche so viel haben, dass sie die Hälfte davon abgeben könnten und immer noch viel zu viel hätten. Andere wiederum haben gar nichts. In Zeiten der Krise werden diese Unterschiede besonders klar sichtbar.

Ich telefoniere momentan mindestens 8 Stunde täglich. Viele Menschen, die Unterstützung brauchen, kommen zu mir nach Hause, manche bleiben mehrere Tage. Mein Haus ist groß, 4 Stöcke, 11 Zimmer, 5 Bädern, also Abstand kein Problem. Ich frage mich nur, in welchen Statistiken werden solche Fälle sichtbar und wie sehen langfristige Folgen aus? Diese Kollateralschäden, wie rechtfertigen wir sie als Gesellschaft? Das ist etwas, was mich zutiefst bewegt und gleichzeitig auch wütend macht.”

Tatjana Petrovic verbinden in Graz viele mit “CunTRA la Kunshure” oder ihrem neuen Nachbarschafts- und Kulturzentrum “sancTuary“. Eine ihrer Berufungen hat die vielseitige Macherin in der Psychotherapie gefunden.

Foto: Valerie Maltseva

Larissa D. (4)

„Momentan ist unser Betrieb nur für jene Kinder geöffnet, deren Eltern in systemerhaltenden Berufen arbeiten. Den Eltern meiner Betreuungskinder die nun zuhause sind, gebe ich gern folgende Tipps: Es ist wichtig am Vorabend den nächsten Tag in groben Zügen zu planen, gemeinsame Zeit für das Frühstück, im Garten oder für Spiele zu fixieren ohne den ganzen Tag zu verplanen. Wenn die Kinder nicht die Möglichkeit haben, sich im Garten auszutoben, dann wird die Wohnung mit Fantasie zum Abenteuerland –bei sogenannten Mitmach-und Bewegungsgeschichten. Man stellt sich dann gemeinsam vor, man wär im Wald, springt über Baumstämme, die gerade noch normale Polster waren und entdeckt verschiedene Tiere. Das macht Spaß und powert die Kinder im positiven Sinne aus.“

Larissa D. ist 25 Jahre alt, lebt in Graz und arbeitet als inklusive Elementarpädagogin mit Kindern im Alter von 3 bis 6 Jahren im Bereich IZB (Integrative Zusatzbetreuung) für MOSAIK. Die gemeinnützige GmbH betreut, berät und fördert Menschen mit Behinderung (von Kindes-bis Erwachsenenalter).

Klaus Kastberger (3)

„Führende Zeitungen haben ihre Kultur-, Kommentar- und Diskursteile in den letzten Tagen stark gekürzt. (…) Was für ein Kulturbegriff steckt hinter solchen Entscheidung? Glaubt man etwa, dass die Kultur dieses Landes aufgehört hat, nur weil es derzeit keine Publikumsveranstaltungen gibt? Viele Kulturschaffende und viele Kultureinrichtungen haben ihren Wirkungsraum sehr schnell ins Netz oder in andere Räume verlagert. Da gäbe es auch für eine reine Berichterstattung jede Menge zu tun! Es geht aber gar nicht allein um Berichterstattung. Gerade jetzt ist ein klares Bekenntnis gefordert, dass Kunst und Kultur zu einer Reflexion der momentanen Situation Maßgebliches beitragen kann. (…) Gerade jetzt wäre eine etwas andere und wohl auch solidarischere Auffassung von Kultur und insgesamt ein Mehr davon vonnöten.”

Klaus Kastberger unterrichtet neuere deutschsprachige Literatur am Franz-Nabl-Institut der Universität Graz und leitet des Literaturhaus Graz. Sein Wirkungsraum im Netz: literaturhaus-graz.at

Foto: Clara Wildberger

Milad Kadhkodaei (2)

„Ein gegenseitige Verständnis beruht nicht nur auf der gemeinsam gesprochenen Sprache, sondern vor allem auf Empathie, Offenheit und dem gegenseitigen Respekt. Das Wissen über Umgangsformen, familiäre Systeme und kulturelle Hintergründe bildet darüber hinaus die Grundlage für ein gelingendes Miteinander.Insbesondere der Umgang mit speziellen Merkmalen, wie z.B. einer fremden Sprache, verschiedenen Behinderungsformen, sexuellen Orientierungen, Migrationshintergründen oder unterschiedlichen Glaubensrichtungen bereitet uns oft Schwierigkeiten.

Die Auseinandersetzung mit den Wertevorstellungen anderer Kulturen und die Bereitschaft, die eigene „Kulturbrille“ abzulegen, erweitert nicht nur den Horizont und eröffnet eine andere Perspektive, sondern bildet auch die Basis für ein gelungenes Miteinander. Mein Ziel ist es die vielen (oft nicht gesehenen) Kompetenzen junger Menschen in den Vordergrund zustellen.

Vielleicht braucht es diese aktuell herausfordernde Zeiten der Entschleunigung, um das Bewusstsein für die tatsächlich relevanten Themen in den Vordergrund zu rücken. Vielleicht hat es genau diesen Coronavirus gebraucht, um uns im Jahr darauf hinzuweisen, dass wir eventuell vom Weg abgekommen sind. Gesundheit, Familie, Solidarität aber vor allem Menschlichkeit sind Werte, die plötzlich unser Alltag prägen. Eine Richtungskorrektur, von der hoffentlich unsere Nachkommen profitieren werden…“

Milad Kadkhodaei ist Geschäftsführer und Mitbegründer von OPEN SPACE. Die soziale und kulturelle Plattform bietet an [außer-] schulischen Institutionen Workshops in jenem wertschätzenden Rahmen, der den Austausch zu gesellschaftsrelevanten Themen auf Augenhöhe ermöglicht und zugleich Wissen vermittelt. Aktuell beschäftigt sich OPEN SPACE intensiv mit den Herausforderung für Kinder und Jugendliche im Umgang mit Covid-19.

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Foto: Claudia Rindler – ÖIF

Rosemarie Kurz (1)

„In dieser Ausnahmesituation wird mir das als Kind im 2. WK Erlebte erst so richtig bewusst. Doch aus diesem neuen Bewusstsein schöpfe ich Kraft. In meinem Innersten hat sich jene Struktur gebildet und sind jene Instrumentarien herangewachsen, die mir im Heute und Jetzt helfen, mit den aktuellen Herausforderungen umzugehen. Diese inneren Werkzeuge, die mich wohl als Kind unbewusst getragen haben, kann ich nun bewusst zum Einsatz bringen. Vielleicht kann unsere Generation derjenigen, die den Krieg noch in frühen Tagen miterlebt hat, mit Krisen besser umgehen und dieses Wissen an andere weitergeben.“

Mag. Dr. Rosemarie Kurz ist Gründerin der GEFAS Gesellschaft zur Förderung der Alterswissenschaften und des Seniorenstudiums an der Universität Graz und unermüdliche Kämpferin für Partizipation aller Generationen am gesellschaftlichen Leben.

Wer gern mit Rosemarie Kurz über ihre “inneren Werkzeuge” plaudern möchte, schreibt ihr am besten per Mail an rosemariekurz@gmx.at

Foto: Doris Sporer